Worüber Gott weint

Warum das Osterlachen wiederbelebt werden sollte
Foto: Frank Eidel
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In der Bibel wird mehr geweint als gelacht. Dabei ist das Christentum eigentlich die Religion, die verspricht, den Tod auszulachen, meint der Kabarettist und Mediziner Eckart von Hirschhausen. Er wünscht sich, dass in der evangelischen Kirche das Osterlachen belebt wird.

Weinen kommt in der Bibel zehnmal häufiger vor als Lachen. Dabei lachen wir viel häufiger als wir weinen, solange wir psychisch und körperlich gesund sind. Kinder lachen angeblich 400 Mal am Tag, Erwachsene 20 Mal, Tote gar nicht. Da erkennt auch der statistische Laie eine Tendenz. Warum weinen in der Bibel alle? „Jesus weint“, ist eine der kürzesten und prägnantesten Stellen – Martin Luther hat die Stelle rund um den Tod von dem gerade noch wundergeheilten Lazarus etwas poetischer formuliert: „Ihm gingen die Augen über.“ Warum wird nicht mindestens so oft in der Bibel gelacht? Dabei ist doch das Christentum eigentlich die Religion, die verspricht, den Tod auszulachen. Eine Tradition, die ich in der evangelischen Kirche gern wiederbelebt sähe, ist das Osterlachen. Da mussten die Pfarrer zum Fest der Auferstehung beim Gang über den Friedhof die Menschen zum Lachen bringen, auf dass alle spüren sollten: Der Tod, das Leid, die Trauer soll nicht das letzte Wort haben – sondern das Lachen!

Ein jegliches hat seine Zeit – Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit. Aber wer sagt denn, dass das eine so viel mehr Zeit bekommt als das andere?

Warum weinen Menschen überhaupt? Und sind die Augen wirklich der Spiegel der Seele? Es ist zum Heulen, aber keiner in der Wissenschaft weiß genau, warum nur Menschen tränenreiche Dinge erleben. Zwiebelschneiden gilt nicht. Das ist rasch durch die chemische Reizung erklärt. Und meine Versuche, beim Enthäuten der Zwiebel männlich meine Bindehäute trocken zu halten, scheiterten trotz Einsatz einer Taucherbrille. Durchschnittlich vergießt jeder Deutsche im Laufe seines Lebens siebzig Liter Tränen – genug, um eine Badewanne zu füllen. Aber da ist einem doch Meersalz als Badezusatz lieber.

Der berühmte reinigende Effekt der Tränen ist umstritten. Wer sich richtig ausheult und meint, sich damit etwas Gutes zu tun, ist im Tal der Tränen womöglich auf dem Holzweg. Nach dem Weinen geht es den Menschen vor allem nur besser, wenn der Anlass für ihre Tränen auch vorüber ist. Kunststück. Klar ist nur: Weinen ist sozial, in Gruppen wird mehr geweint als allein. Denn es ruft Helfer und Tröster auf den Plan. Weinenden Frauen eilt man eher zu Hilfe als weinenden Männern. Die Frage ist also, ob Männer weniger weinen, weil sie Männer sind oder weil sie gelernt haben, dass es ohnehin nicht viel bringt. Tränen offenbaren Gefühle, gleichzeitig wird aber auch verborgen, wohin man schaut und wohin man nicht schauen will. Und diese mögliche Funktion des „Verschleierns“ durch Tränen ist typisch menschlich. Was unterscheidet uns denn vom Tier? Es ist das Weiße im Auge.

Bei Menschenaffen ist der Augapfel nicht weiß. Na und? Just dieses unscheinbare Detail bietet enormen kommunikativen Mehrwert: Ich weiß, wohin jemand gerade mit seinen Augen blickt – durch das Weiß! Was guckst du? Bei einem Affen ist schwer zu sagen, worauf er gerade seine Aufmerksamkeit richtet. Das menschliche Auge ist leichter zu durchschauen. Nicht nur, wenn man frisch verguckt ist. Deshalb sind uns Gestalten mit dunklen Sonnenbrillen auch unheimlich, der Zugang zu ihrer Seele ist versiegelt und verspiegelt. Diese Menschen wollen cool sein und wirken auf uns nur kühl.

Das Weiße im Auge

Gemeinsam in eine Richtung zu schauen, ist so entscheidend für uns Menschen, dass wir es üben, sobald wir von der Brust weg sind und auf Augenhöhe getragen werden. Diese revolutionäre Idee der „kooperativen Augen“ macht uns Menschen so erfolgreich: Ist dem einen etwas ins Auge gefallen, bleibt es nicht dort, sondern erreicht in dem Augenblick alle, die ihn respektieren. Respekt heißt Zurückschauen von „re-spectari“. Auf gut Deutsch: sehen und gesehen werden und sehen, dass der andere einen sieht. Ein komplexer Vorgang. Dazu gehören immer zwei. Mindestens. Deshalb ist auch das Schlimmste, wegzuschauen oder jemanden nur mit dem Hintern anzuschauen. Das ist rücksichtslos, schließlich haben wir ja da keine Augen. Zuweilen Ohren, aber darum geht es gerade nicht.

Worüber Gott wohl weint? Wenn er mitansehen muss, was aus seiner Schöpfung geworden ist? Darüber könnte ich jedenfalls heulen. Unser aller Mutter Erde hat Fieber. Hohes Fieber. Sie gehört auf die Intensivstation, denn ihr bleibt die Luft zum Atmen weg, das Wasser ist voller Plastik und ihre Lunge wird angegriffen, damit wir statt tropischem Regenwald noch mehr für Mensch und Tier tödliche Fleischproduktion betreiben können. Wenn wir uns vorstellen, unsere leibliche Mutter liegt auf einer Intensivstation. Was würden wir tun? Alles stehen und liegen lassen, um mit höchster Priorität uns um ihre Rettung zu bemühen. Und wir würden es den Ärzten nicht durchgehen lassen, wenn sie sich nur einmal im Jahr treffen und sagen: „Schlimm, schlimm mit ihrer Mutter. Wir haben deshalb beschlossen, uns im nächsten Jahr wieder zu treffen, wo waren wir noch nicht? Rio, Kopenhagen, Kattowitz, egal, Sie können sich darauf verlassen, wir schreiben über Ihre Mutter einen Bericht!“

Da finde ich den Protest der Jugendlichen bei „Friday for Future“ überzeugender. Und deshalb unterstütze ich mit „Science for Future“ auf dem Kirchentag in Dortmund und hoffentlich auch 2021 in Frankfurt ihren völlig richtigen Impuls. Wenn der Kern des Christentums die Nächstenliebe und das Mitgefühl ist, sollten wir auch in der Lage sein, das nicht nur mit den Nächsten, sondern auch mit den Über-Nächsten zu praktizieren. Mit allen, die nach uns kommen, nicht nur unsere Nachkommen, sondern alle sollen in eine lebenswerte Welt geboren werden.

Aus reinem „Gutmenschentum“ werden die radikalen Umbauten in unserem Wirtschaften nicht gelingen. Der Ökumenische Kirchentag könnte eine Debatte beleben, die aus theologischer wie humanistischer Sicht längst überfällig ist und neuen Schwung braucht, um einen Unterschied zu machen. Wenn die Religionen besser als „der Markt“ wissen, was wir brauchen – gelingt es uns dann nicht mit ihrer Hilfe auch, weniger zu ver-brauchen? Aus dem Zuviel und Wachstum-Denken raus und rein ins Mitgefühl, über Kirchengrenzen, über Landesgrenzen, über Generationen hinweg?

Auf die Tränendrüse drücken

Und das nicht mit weinenden, sondern mit lachenden Augen. Mit einer Hoffnung, die den Zugewinn an Lebensqualität höher stellt als den notwendigen Verzicht, den weniger Fleisch, weniger Zucker und weniger Fernflüge und weniger hemmungsloses Rasen auf der Autobahn bedeutet. Notwendig, weil er eine Not wendet. Wir kommen aus Staub, wir werden zu Staub – deshalb meinen viele, es muss darum gehen, viel Staub aufzuwirbeln. Und davon steht nichts in der Bibel. Auch nichts von Feinstaub. Aber da steht, dass wir vom Baum der Erkenntnis essen durften und uns seitdem ohne Scham unseres Verstandes bedienen dürfen. Ein bisschen Wut tut gut, sonst merken manchmal andere nicht, dass es uns ernst ist. Und es ist ernst. Aber da ist mir Karl Valentin ein Vorbild. „Wenn es regnet, freue ich mich. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“ Der saure Regen ist übrigens durch konkrete politische Maßnahmen gestoppt worden. Das Ozonloch auch. Wir können die massive Überhitzung der Erde noch abwenden, wenn wir wollen. Und nicht nur „Bewahrung der Schöpfung“ bis zur Erschöpfung vor uns hertragen, sondern uns auch als Geschöpfe bewahren. Und als Hoffnungsträger. Als Licht der Welt aus erneuerbaren Quellen.

Übrigens kann man auch vor Lachen weinen. Unsere Tränendrüse liegt unter dem Oberlid am Auge, um die Bindehaut feucht zu halten. Beim echten Lachen zieht sich der Ringmuskel um die Augen zusammen und drückt sprichwörtlich auf die Tränendrüse. Daher mein letzter Tipp an dieser Stelle: Lachen Sie, was das Zeug hält, denn die Tränen, die Sie lachen, müssen Sie nicht mehr weinen. Das kenne ich als ein jüdisches Sprichwort. Schade, dass es das nicht in die Bibel geschafft hat. Aber immerhin steht da: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen!“ (Lukas 6,21).

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Eckart von Hirschhausen

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