Die Gabe der Tränen

Eine glaubensgeschichtliche Spurenlese
Foto: akg-images
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Die Rede von der Gabe der Tränen ist ein kaum beachtetes Kapitel christlicher Glaubensgeschichte. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich eine reiche geistlich-theologische Überlieferung, wie Christoph Benke erläutert. Er ist Priester der Erzdiözese Wien und hat seine Habilitationsschrift über die Tränen in der Glaubensgeschichte verfasst.

Wie sehr und auf welche Weise das digitale Zeitalter den menschlichen Zugang zur Wirklichkeit verändert, ist noch nicht absehbar. Längst wird das alltägliche Leben über den Touchscreen, den Berührungsbildschirm, gesteuert – durch eine Berührung, die äußerlich und oberflächlich bleibt. Stets gibt es eine Schicht aus Kunststoff dazwischen, die den User ab-schirmt von der Wirklichkeit. Der Mensch des digitalen Zeitalters – was erreicht ihn überhaupt noch? Was vermag die Emotionalität in ihrer Tiefe zu berühren und zu erschüttern? Ob die künstlichen Zwischenwände der technischen Instrumentalität die „mörderische Gleichgültigkeit“, wie Papst Franziskus es nennt, fördern, weil sie die Berührung mit dem wirklichen Leben verhindern?

Die Gefahr der Versteppung des Zusammenlebens ist groß. Ohne den Gefühlen Raum zu geben und ihnen adäquat Ausdruck zu verleihen, kommen wir aus der Sackgasse nicht heraus. Weinen ist ein Weg – neben anderen. „Gib mir die gabe der tränen gott“, betete Dorothee Sölle, „ gib mir die gabe der sprache/ gib mir das wasser des lebens.“

Ein Blick in die Kulturgeschichte des Weinens zeigt, dass Tränen bereits auf kanaanäischen Tontafeln des 14. Jahrhunderts v. Chr. erwähnt werden. Die antike griechische Mythologie ist voller Tränen – von Männern. Ab dem 17. Jahrhundert wird das Thema Weinen vor allem in der Literatur und im Theater behandelt. Das verstärkt sich im 18. Jahrhundert, als es zu einer Neuauflage der Empfindsamkeit kommt. Die Romantik steigert diese Tendenz: Weinen wird sogar als Vergnügen empfunden und in die Nähe zu sexuellen Freuden gestellt. Dass Männer nicht weinen dürfen, gilt erst ab dem 20. Jahrhundert.

Tränen sind Ausdruck. Sie zeigen innere Bewegung und Erschütterung an, sind Realsymbol der Not und der Freude. Weinen hat reinigende Wirkung, ob nun als Ausdruck der Erschütterung und Zerknirschung oder als Phänomen jubelnder Ekstase. Tränen sind ur-menschlich, nur dem Menschen eigen. In seiner Metaphysik des Fühlens schreibt Theodor Haecker (1879–1945) über „die Träne“: Sie gehört weder zum Denken noch zum Wollen, sondern „zum Fühlen des Menschen. Weder das Tier hat sie, noch der Engel. Um die Frage: Was ist der Mensch? zu beantworten, muß man natürlich alles sagen, was er wirklich ist und wirklich hat (...) ein großes Hilfsmittel dazu ist es, herauszufinden, was im Universum nur er hat. Dazu gehört zum Beispiel der Glaube, das Lachen und die Träne. (...) Die Träne ist die kostbarste Perle des Fühlens.“

Kostbare Perle

Die Emotionalitätsforschung erlebte in den vergangenen Jahren eine Renaissance. Dennoch ist das Wissen über das Weinen bescheiden. Das Lachen interessiert die Wissenschaft mehr als das Weinen, im Verhältnis zwölf zu eins. Obwohl das Weinen und die Tränen zu allen Zeiten im Mythos und in der Religion, in Poesie und Prosa eine zentrale Rolle spielten, liegt noch wenig vor, was das Phänomen selbst verstehen und erklären hilft. Die Interpretationen der psychologischen, sozialen, politischen und kulturellen Bedeutungen des Weinens sind sehr unterschiedlich und konkurrieren miteinander. Einblicke stammen eher aus anderen Perspektiven: Poesie, Dramaturgie, Cineastik – und eben Spiritualität. Der Befund ist widersprüchlich: Tränen sind ein grundlegender und zugleich sehr flüchtiger Hinweis auf das Gefühlsleben; Tränen sind offensichtlich – und zugleich rätselhaft.

Tatsache ist, dass der Mensch heute eine tiefe Sehnsucht nach emotionaler Berührung hat – aufgrund des eingangs erwähnten Defizits vielleicht mehr als je zuvor. Glaubende Menschen sind davon nicht ausgenommen. Die Konjunktur des Charismatischen, der Trend hin zu den Pfingstkirchen ließe sich als Hinweis darauf lesen. Charismatische Gruppen bieten der Emotionalität einen Raum der Entfaltung. Im gemeinsamen Gebet und im Gottesdienst ist Weinen erlaubt. Tränen dürfen und sollen fließen. Dass das Weinen, beginnend mit dem frühen Mönchtum, über Jahrhunderte hin im spirituellen Vollzug des Christentums einen überaus hohen Stellenwert hatte, ist heute wenig bekannt. Die „Gabe der Tränen“ galt als Charisma, um das die Glaubenden bitten sollten.

Die Rede von der Gabe der Tränen ist ein kaum beachtetes Kapitel christlicher Glaubensgeschichte. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich eine reiche geistlich-theologische Überlieferung, und zwar sowohl im christlichen Osten wie im Westen. Eine Tränenlehre beginnt mit dem frühen Mönchtum. Die Wüstenasketen Ägyptens waren inspiriert von der Heiligen Schrift, kannten Origenes, aber auch das seit jeher geübte kultische Weinen im Rahmen der Isis- und Osirisreligion. Schlüsselbegriff ist die Bußtrauer (griechisch penthos).

Die Bußtrauer ist eine kontemplative Grundhaltung des Mönches und dem Gebet nahe. Aus ihr kommen die Tränen. Sie zählen somit zur Gebetssprache. Tränen passen nur in die Gegenwart, die, heilsgeschichtlich betrachtet, eine „nach dem Fall“ ist. Die Naherwartung macht aus der Bußtrauer das hoffnungsvolle Weinen des Sünders vor Gott. Das eigentliche Ziel ist nicht das Sehen der Sünden, sondern die Betrachtung Gottes und seines Trostes. Daher gibt es einen Weg von Tränen des Schreckens oder der Furcht (monastische Neulinge) zu Tränen der Freude oder Liebe (geistbegnadete Mönche).

Wie das Penthos und die Tränen nicht nur ein Leben wandeln können, sondern dem Menschen Macht über Gott geben, belegt die Vita der Maria von Ägypten. Sie wurde in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts niedergeschrieben und erzählt den Weg Marias von einer Prostituierten zur Heiligen. Die ägyptische Maria wurde zum Typos der Büßerin im christlichen Osten (Andreas von Kreta verfasste den Bußkanon der Byzantinischen [Fasten-]Liturgie) wie im Westen. Als eine der Büßerinnen, die für die Seele von Faust Fürsprache einlegen, tritt sie am Ende von Goethes Faust II auf. Künstler wie Clemens von Brentano und Rainer Maria Rilke, aber auch Emil Nolde beschäftigten sich mit ihr. Den eminenten Stellenwert der Bußtrauer und der Tränen dokumentiert die „Leiter zum Paradies“ des Johannes Klimakos († um 650), das „unumstrittene Meisterstück byzantinischer spiritueller Anleitung“ (P. Brown). Geistliches Vorankommen geht stufenweise. Dem Penthos und den Tränen widmet Johannes eine eigene Stufe. Das Leben im Penthos, das Weinen über die Sünden und das Geschenk der Tränen ist ein Vorgriff auf das große Fest, das Gott den Menschen bereitet. Johannes spricht von der „zweiten Taufe der Tränen“. Die Tränentaufe steht als Möglichkeit postbaptismaler Reinigung allen Getauften offen. Johannes Cassian († ca. 435), Verfasser von Programmschriften für das südgallische Mönchtum, behandelt die Tränen in seiner Lehre über das Gebet. Tränen sind zentrale Gnaden, die den Aufstieg zu Gott befördern. Sie zählen nicht mehr zur vita activa, also zu Tugendstreben und Aszese. Denn wer mit dem „Glutgebet“ und den zugehörigen Tränen beschenkt ist, befindet sich schon „im Heiligtum“.

Gregor der Große († 604), von Johannes Cassian beeinflusst, unterstreicht die Bedeutung der compunctio (griechisch katanyxis) für das Weinen. Die compunctio („göttlicher Einstich“) erschüttert bis ins Mark, ihr folgen Tränen. Es gibt aber auch geistliche Tränen, die aus der Sehnsucht (desiderium) und von der Liebe (amor) kommen. Gregor kennt die monastische Tradition, hat geistliche Erfahrung und Menschenkenntnis. „Römisch“-nüchtern prüft er geistliche Tränen an Kriterien geistlicher Unterscheidung.

Man wusste stets: Das Zeichen für sich genommen ist plurivalent. Nicht jede Träne ist göttlichen Ursprungs. Gregor entwickelt eine spezifische Mystagogie der Tränen. Auf der Basis umfassenden Tugendstrebens können sich Glaubende Tränen aneignen. Es handelt sich also um keine Geheimlehre, allen steht die „Gnade der Tränen“ offen. Gregor, ganz „Hirte“, achtet auf die ekklesiologische Einbindung der Tränengabe. Er weiß: Die Kirche bedarf der Tränen.

Maria und die Träne

Die Patristik kennt keine Tränen des Mitleids mit dem leidenden Christus. Diese Sichtweise kommt erst im Mittelalter und hier speziell in der Frauenmystik zum Zug. Über die Tränen der Begine Maria von Oignies († 1213), um nur eines der zahlreichen Beispiele zu nennen, sind wir durch ihren Biographen Jakob von Vitry († 1240), einem Bischof, der vom Anliegen der Beginen überzeugt war, unterrichtet. Maria von Oignies will sich der radikalen Armut des ewigen Logos gleichgestalten und „nackt dem nackten Christus folgen“. Hierin wurzelt Marias Fokussierung auf der Passion Christi, die sie oft und geradezu automatisch ins Weinen führt. Die Passionsbetrachtung löst bei ihr Tränen aus. Aber dies hat nichts Quälendes an sich, im Gegenteil, der Grundtenor ist heiter. Die Vita betont die Unverfügbarkeit der Tränengabe, sie ist Geschenk. Geistliche Tränen sind nicht willentlich steuerbar – auch ein Kriterium geistlicher Unterscheidung.

Bei Maria von Oignies steht die Tränenmystik darüber hinaus im Dienst der Ketzerpolemik und Legitimation der Beginenbewegung. Eine derartige Betonung der „Sprache des Leibes“, wie sie die Tränen sind, richtet sich gegen die dualistische Leibverachtung der Katharer. Indem Jakob von Vitry gleich am Beginn der Vita Maria in die Reihe der großen geistlichen Tradition der Kirche stellt, ist er vom Interesse geleitet, die Beginen als neue „geistliche Mütter“ der Kirche zu stilisieren und die Beginenbewegung zu legitimieren.

Am Beginn der Neuzeit ist Ignatius von Loyola († 1556) ein prominenter Vertreter geistlichen Weinens. Ignatius berichtet darüber in seinem „Geistlichen Tagebuch“; er hatte die Grundsatzfrage zu entscheiden, wie es der entstehende Jesuitenorden mit der Armutsfrage halten solle. Penibel listet Ignatius Tränen auf, die ihm während der Eucharistiefeier kommen. Er sieht in ihnen ein Vehikel des Trostes und auch eine Bestätigung der Echtheit der Tröstung. Hier wie auch sonst schärft er den Sinn für Unterscheidung: Wo ist der geistliche Nutzen? Das Ergebnis muss ein Mehr an Glaube, Hoffnung und Liebe sein, nicht Selbstgenuss. Führt die Tränengabe zu praktischer Nächstenliebe? Hilft sie zu tragfähigen Entscheidungen, die gesellschaftlich und kirchlich relevant sind, oder verbleibt sie im Bereich privater Tröstung?

Für Teresa von Avila und andere Vertreterinnen des Goldenen Zeitalters in Spanien war das Weinen ein geläufiges Thema. Sogar ein trockener Kontroverstheologe wie Bellarmin zeigt Interesse. Aber im weiteren Verlauf der Glaubensgeschichte und erst recht mit der Aufklärung versiegt der Strom der Tränen. Die Kultur der Tränentaufe und das Gebet um die Gabe der Tränen tritt zurück. Warum?: „Je mehr der Mensch sich offenkundig im Horizont des Willens zur Macht und zum Machen definiert, desto mehr muß tendenziell ausgeschlossen werden, was erschüttert und an Endlichkeit und Falschheit erinnern könnte“ (Gotthard Fuchs). Seither gehören die Tränen zu den marginalisierten Bereichen von Glaubensvollzug und Theologie. Sie haben auch keinen Platz mehr in der römischen Liturgie (es gab die „Messe zur Erlangung der Gabe der Tränen“).

Gibt es einen theologisch und pastoral vertretbaren Weg, die Wasser des Lebens heute wieder fließen zu lassen? Wie – wieder – dorthin finden? Die Gabe der Tränen ist Anlass, die Rolle der Affektivität im Glaubensvollzug neu zu bewerten und die „Intelligenz der Gefühle“ ernst zu nehmen. Im Weinen zeigt sich die Größe wie die Verwundbarkeit des Menschen. Tränen sind leibhaftiger Ausdruck für den Mut, sich berühren zu lassen und verletzbar zu zeigen. Hier könnte eine Kultur der Mit-Leidenschaft wachsen.

Der „Weg der Tränen“ ist, so wurde deutlich, keineswegs düster. Er hat nichts mit Melancholie oder Depressivität zu tun. Wer darum bittet, wieder vom „göttlichen Einstich“ getroffen zu werden, widersteht der Routine und Sattheit des geistlichen Lebens. Das harte, sklerotische Herz könnte wieder geschmeidig werden. Das wäre zu riskieren. Denn im Weinen gerät das Leben heilsam in Fluss.

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Christoph Benke

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