Heroische und andere Tränen

Gespräch mit der Medienwissenschaftlerin Renate Möhrmann über das Weinen in der Öffentlichkeit und warum Frauen und Männer aus unterschiedlichen Gründen weinen
Foto: privat
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In der Geschichte der Tränen gab es immer ein Auf und Ab. Mal wurde Weinen als große emotionale Qualität, als Stärke der Empfindsamkeit oder als edle Leidenschaft gelobt. Dann wieder als unmännlich, als unbeherrscht, als Schwäche bewertet, wie die Medienwissenschaftlerin Renate Möhrmann darlegt.

zeitzeichen: Frau Professorin Möhrmann, täuscht der Eindruck oder wird heutzutage in der Öffentlichkeit mehr geweint als noch vor dreißig Jahren?

RENATE MÖHRMANN: Heute wird mehr geweint. Für mich gibt es ein konkretes Ereignis, an dem man diesen Paradigmenwechsel festmachen kann. Es ist das deutsche Halbfinale der Fußball-WM 2006, das Deutschland im eigenen Land gegen Italien verlor. Da haben zum ersten Mal Männer öffentlich so viel geweint wie lange nicht mehr. Und das im Stadion und auf den Tribünen und eben nicht wie früher in der Kabine oder beim Duschen. 2006 wurde das Weinen wieder öffentlich. Auch in den Medien wurden die weinenden Jungen thematisiert und zwar lobend. Dabei galt Weinen bei Männern lange als unmännliche Schwäche und wurde diskreditiert.

Das war nicht immer so?

RENATE MÖHRMANN: Nein. In der Geschichte der Tränen gab es in der Weltgemeinschaft immer ein Auf und Ab. Mal wurde Weinen als große emotionale Qualität, als Stärke der Mitempfindung oder als edle Leidenschaft gelobt. Dann wieder als unmännlich, als unbeherrscht, als unkontrolliert, als Schwäche bewertet. Selbst im Kriegsgeschäft zum Beispiel war Weinen sehr unterschiedlich kodiert. Die römischen Feldherren und Helden durften auf keinen Fall weinen. Die griechischen schon. Man denke an die weinenden Helden auf der archaischen Weltbühne, an Achill, Hektor, Agamemnon und Odysseus aus der Ilias und der Odyssee. Ihre Tränen galten als Ausdruck der Anstrengung, als Zeichen ihres Kampfesmuts, den sie gezeigt hatten. Für mich besonders interessant sind die Tränen der japanischen Krieger, der Samurai. In den Heldengeschichten weinten diese oft, und das war nicht etwa ein Ausdruck von Feigheit. Ihre Tränen waren Ausdruck der Anstrengung, die sie gebracht hatten. Es waren sozusagen erarbeitete, erkämpfte, erstochene Tränen.

Männer weinen also vor allem in einem bestimmten Setting, in einer Schlacht, sei es sportlich oder militärisch, wohingegen Frauen auch in anderen Zusammenhängen die Tränen fließen lassen dürfen, zum Beispiel im Streitgespräch?

RENATE MÖHRMANN: Die Geschichte, wer wann wo weinen darf, ist sehr kompliziert. Das zeigt sich auch in der französischen Klassik im 17. Jahrhundert. Die Männer der Aristokratie zahlten ihrem König Tribut durch ihren kämpferischen Einsatz bis in den Tod. Die aristokratischen Frauen zogen hingegen nicht in den Krieg, sondern blieben zu Hause. Und ihr Tribut für diese Schlacht waren die Tränen. Die durften also nicht weinen, weil sie bewegt waren, sondern sie weinten mit den Männern um die Größe ihrer Tat. Sie weinten heroische Tränen.

In der Bibel wurde noch geschlechtsunspezifisch geweint. Wann hat man angefangen, Männer- und Frauentränen zu unterscheiden?

RENATE MÖHRMANN: Ja, in der Bibel weinten Männer und Frauen gleichermaßen. Auch das zeigt, dass Tränen innerhalb der Weltgeschichte unterschiedlich kodiert waren. Noch im Mittelalter durften alle weinen, da gehörte das Weinen auch zum Beten. Ein weiterer Paradigmenwechsel zeigt sich im 18. Jahrhundert, das gemeinhin als Jahrhundert der Aufklärung gilt. Zwischen 1730 und 1790 veränderten sich die vorherrschenden Gefühlskonventionen grundlegend. Die Träne emanzipiert sich zum privilegierten Gradmesser. Und aus dem bis dahin herrschenden Jahrhundert der trockenen Augen wird nun das so genannte weinende Säkulum. Rührung mutiert zu einem neuen Qualitätssiegel.

Und der weinende Mann wurde geboren?

RENATE MÖHRMANN: Ja, es vollzog sich eine grundsätzliche Umkodierung des seit der frühen Neuzeit in Europa vorherrschenden Männlichkeitsideals mit seiner Affektzähmung. Ein Ideal, das letztendlich noch auf der römischen Tradition fußte, die für Männer der Oberschicht die harte militärische Karriere vorsah. Im 18. Jahrhundert triumphiert der weinende Held über den barocken tränenlosen Helden. Es hieß damals, dass nur derjenige ein wahrer Mann sei, der fähig sei zu weinen. Die Lust des Weinens, le goût de larmes, bemächtigt sich nun beider Geschlechter. Und zwar über die Lektüre von Romanen und über das bürgerliche Trauerspiel. Der gefühlvolle Leser und Zuschauer war geboren. Denken Sie an Gotthold Ephraim Lessing, der in seiner Hamburgischen Dramaturgie schreibt: „Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen, wie schön, wie edel ist die Lust, sich so quälen.“ Lessing fordert das Publikum auf, sich seiner Tränen nicht zu schämen. Im Gegenteil, die Träne wird ein Gütesiegel.

Weil sie wofür steht?

RENATE MÖHRMANN: Sie steht für das Fenster zur menschlichen Seele, als Zeichen edler Leidenschaft und tiefer Empfindungsfähigkeit. Der französische Soziologe Roland Barthes hat sie Ende der Achtzigerjahre als „wahrste aller Botschaften“ bezeichnet. Und sie steht für das bürgerliche Trauerspiel, das Lessing mit anderen erfunden hat. Mit dessen Siegeszug wird das Theater zunehmend zum Schauplatz für emotionale Energien und die Zuschauerträne bildet sich heraus. Lessing wollte, ganz im Gegensatz zu Bertolt Brecht zweihundert Jahre später, über das Weinen Mitempfindung hervorrufen, den Menschen zu besseren Seelen verhelfen und so die Gesellschaft verändern. Brecht hingegen vertrat die Ansicht, wer weint, sei zu wehleidig und könne rational die gesellschaftlichen Konflikte nicht lösen. Dass Publikum sollte nicht mitweinen, sondern mitdenken. In der Aufklärung hat sich also eine wesentliche Weichenstellung vollzogen. Auch gegen die französische Klassik mit deren Heroik und Beherrschtheit. „Bald wird es zur Gewohnheit, den Erfolg eines Werkes an der Menge der Tränen zu messen, die vom Publikum vergossen wurden“, heißt es in einer französischen Untersuchung von Anne Vincent-Buffault.

Zum gebilligten Ort des Weinens gehörte also in der Regel das Theater, ein Schauplatz der Tränen.

RENATE MÖHRMANN: Ja. Zum spektakulärsten Weinereignis avancierte Lessings Miss Sara Sampson, uraufgeführt am 10. Juli 1755 in Frankfurt an der Oder. Die Zuschauer sollen dreieinhalb Stunden stillgesessen, zugehört und geweint haben. Fast alle auftretenden Personen vergießen heißeste Tränen. Man weiß heute, dass die Zuschauer zum Teil noch fünf Stunden nach der Vorstellung geweint haben sollen. Und: Das Theater fungiert als emotionaler Raum, in dem Adel und Bürgertum zusammengeführt und in einem gemeinsamen Tränenfluss verbunden werden. Das war damals neu. Der tiefgreifende Mentalitätswandel, der sich zwischen 1730 und 1790 vollzieht, lässt sich auch an den Motiven des Weinens ablesen, die die Dramatiker ihren Helden zuschreiben. Johann Christoph Gottsched berichtet in Der Sterbende Cato 1731 über Cato, dass dieser nicht den gefallenen Sohn beweint, sondern um Rom Tränen vergießt. Worüber man weinen darf, ist also eine ambivalente Geschichte.

Wird die Qualität eines Schauspielers, einer Schauspielerin immer noch daran gemessen, ob sie zu Tränen rühren kann?

RENATE MÖHRMANN: Nein. Die Geschichte der Theaterträne ist anders verlaufen. Sie war lange Zeit Streitpunkt über die Echtheit des Spiels. Weint die Schauspielerin aus vollem Herzen oder weint sie, weil sie eine gute Schauspielerin ist und es eben darstellen kann? Einer der interessantesten Kulturphilosophen, Denis Diderot, vertrat die Ansicht, eine Schauspielerin ist dann eine wahre Schauspielerin, wenn sie Tränen herstellen kann. Anders als Diderot sahen das die Starkritiker des 20. Jahrhunderts wie Alfred Kerr oder Alfred Polgar. Sie waren sich einig, dass sich die Größe einer Schauspielerin an ihrer Fähigkeit, Leid darzustellen und echte Tränen fließen zu lassen, bemisst. Ganz nach dem Vorbild der göttlichen Eleonora Duse. Der uralte Streit um die richtigen Tränen ist auch in der Moderne noch nicht ausgefochten.

Die Geschichte der Tränen verläuft also nicht gradlinig?

RENATE MÖHRMANN: Nach meinen Forschungen gibt es keinen kontinuierlichen Tränenfluss, der von ganz viel in ein weniges Nass mündet, sondern eben ein Auf und Ab. Heutzutage schlägt das Pendel wieder stärker ins Tränental aus, Weinen ist erlaubt, gehört zum Menschen und ist beinahe schon ein Muss. Bundeskanzlerin Angela Merkel musste sich zum Beispiel in einem Interview fast dafür rechtfertigen, dass es von ihr keine Fotos mit Tränen gibt, im Gegensatz etwa zu Helmut Kohl.

Welche öffentlichen Räume stehen für das Weinen noch bereit?

RENATE MÖHRMANN: Die Beerdigung natürlich. Und das Kino. Doch auch dort stößt die Akzeptanz auf Grenzen. Sie haben sicher beobachtet, dass diejenigen, die im Kino weinen, dieses noch im Dunkel tun, während der Abspann läuft und rasch ihre Tränentüchlein zücken, um sich die Tropfen abzuwischen. Es ist dann doch ein bisschen peinlich.

Im Theater weinen wir nicht mehr?

RENATE MÖHRMANN: Nur noch ganz selten. Es werden heute ja in der Regel sehr verfremdete Stücke dargeboten. „Wer weint denn noch im Theater?“ hatte der französische Soziologe Roland Barthes schon 1960 gefragt. Der große Weinort der Kunst war zu diesem Zeitpunkt schon das Kino geworden, mit dem Melodram. Ein Genre, das in den usa oft abschätzig als „weepie“ bezeichnet wurde und Frauen in die Kinos locken sollte, was auch gelang. Immer wieder hat das Kino Kunsttränen inszeniert, schöne, genussvolle Tränen. Wenn Sie im Kino in der Großaufnahme des Gesichts so massiv mit dem Weinen konfrontiert werden, wirkt das fast körperlich. Oder denken Sie an den Film Adam’s Rib aus dem Jahr 1949 mit Katherine Hepburn und Spencer Tracy, der fulminant echtes und falsches Weinen vorführt und auf einen Tränenkrieg des Hauptdarstellerpaares zusteuert. Im Übrigen lässt sich auch im Filmgenre die Umkodierung geschlechtsspezifischer Muster beobachten. Man findet häufig weinende Männer auf der Leinwand, Brad Pitt, Tom Hanks oder Leonardo DiCaprio. Und das, obwohl jüngste Emotionsforschungen ergeben haben, dass mehr als die Hälfte der Männer nie weint.

Die männliche Träne ist also gesellschaftsfähig geworden. Aber trotzdem scheinen die Motive bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich zu sein ...

RENATE MÖHRMANN: Man kann in der neuzeitlichen Kulturgeschichte beobachten, dass es geschlechtsspezifische Zuschreibungen beim Tränenvergießen gibt. Und wahrscheinlich stimmt es auch, dass Frauen öfter weinen als Männer. Eine der jüngsten Forschungen zeigt, dass Frauen ein- bis zweimal im Monat weinen, Männer hingegen ein- bis zweimal im Jahr. Mir fällt eine solche biologistische Sicht bezüglich des Weinens schwer, sie ist nicht nachprüfbar. Schon im Mittelalter hatte sich gezeigt, dass Männer und Frauen gleich viel und ausgiebig geweint haben. Manchmal weinen Männer und Frauen aus unterschiedlichen Gründen, manchmal aus den gleichen. Auf dem Tennis-Court gibt es eine Bank „Box der Küsse und der Tränen“, auf der die Sportlerinnen und Sportler sitzen, um die Ergebnisse zu erfahren. Und auf der sitzen Männer und Frauen. Eine Tennisspielerin, die verloren hat, weint aus den gleichen Gründen wie ein Mann…

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass es grundsätzlich keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen beim Thema Weinen gibt.

RENATE MÖHRMANN: Keinen biologischen, einen situativen, gesellschaftlichen aber schon. „Ihre Erziehung hat ihr beigebracht, sich gehenzulassen“, schrieb Simone de Beauvoir schon in ihrer 1949 groß angelegten Untersuchung Das andere Geschlecht über die Tränen der Frau. Aber wer die Motive des Weinens nach Geschlechtern sortiert, übernimmt in der Regel gesellschaftliche Zuschreibungen, die ja stetem Wandel unterliegen. Biologische Fixierungen halte ich daher für problematisch.

Auch der manipulative Einsatz von Tränen hat eine lange Geschichte.

RENATE MÖHRMANN: Das Weinen als Waffe hat eine sehr interessante Funktion, denn es zeigt, dass Tränen nicht immer als Garanten des wahren Gefühls gelten. Neben den echten Tränen fließen nicht selten auch die falschen, die so genannten Krokodilstränen. Sie sind Ausdruck vorgetäuschter Tränen, mit der Krokodile angeblich ihre Opfer anlocken und unter Tränen verschlingen. Auch von der Erotisierung des Weinens kann man sprechen, von der Lustträne, der voluptas lacrimandi, wie sie die petrarkischen Liebenden kannten oder von der hedonistischen Träne des Libertin, die im Sexualakt dem männlichen Auge entrollt.

Warum gibt es viele Studien oder Abhandlungen zum Lachen, aber wenige zum Weinen?

RENATE MÖHRMANN: Das Lachen ist positiver konnotiert, populärer, ein freundliches Gefühl, und man erreicht ein größeres Publikum. Nur allzu oft wird das Weinen als Ausdruck menschlicher Schwäche aus der Gesellschaft evakuiert und dann eben dem Lachen der Vorzug erteilt. Das gilt auch für philosophische und literarhistorische Untersuchungen. Hinzu kommt, dass das Wenige, das vorliegt, verkürzt und einseitig gedeutet wurde, wie zum Beispiel von Arthur Schopenhauer in Die Welt als Wille und Vorstellung. Er beschreibt das Weinen als Mitleid mit sich selbst.

Kann man von der qualitativen Beurteilung der Tränen in einer Gesellschaft auf deren Mentalität schließen?

RENATE MÖHRMANN: Das ist eine schwierige Frage. Man könnte natürlich sagen, diese mitfühlenden Tränen von 2006, die viele mit den Fußballern vergossen haben, waren eine emotionale Anteilnahme. Wenn diese Anteilnahme weit verbreitet ist, ist das positiv und verändert die Gesellschaft. Aber es gibt natürlich auch eine Haltung des Mitmachens um jeden Preis. Wenn einer weint, weinen alle mit. Dann können Tränen zum Kollektivzwang werden.

Sie beschreiben den gesellschaftlichen Umgang mit Tränen als ein stetes Auf und Ab. Wenn wir jetzt in einer Zeit leben, in der das öffentliche Weinen Konjunktur hat, bedeutet das, dass uns eine neue Zeit der Härte bevorsteht?

RENATE MÖHRMANN: Das glaube ich schon. Wenn man die politische Sachlage sehr genau verfolgt, hört man überall die Kriegstrommeln schlagen. China will zum Beispiel Taiwan einvernehmen und dort seine nuklearen Waffen aufstellen. Die usa kündigen den Abrüstungsvertrag inf, Russland agiert zunehmend wieder militärisch. Ich sehe viele Anzeichen dafür, dass wir auf einen neuen Weltkrieg, zumindest aber wieder auf ein Zeitalter der Härte zusteuern.

Wann haben Sie das letzte Mal geweint?

RENATE MÖHRMANN: Mein Mann ist vor einem Jahr an einem Schlaganfall gestorben. Es war eine schwierige Zeit, in der ich immer in Tränen gebadet habe. Mich hat das zutiefst mitgenommen. Ich bin noch immer nicht durch diesen Prozess hindurch. Das einzige, was hilft, ist meine wissenschaftliche Arbeit.

Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Stephan Kosch am 19. Februar 2019 in Berlin.

Renate Möhrmann

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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