Die Greta-Frage

Ein Punktum

Greta Thunberg ist überall, jetzt auch in unserer Wohnung, im Zimmer der knapp 12-jährigen Tochter. Über ihrer Pinnwand prangt seit kurzem ein Zitat der frischgekürten „Frau des Jahres“ in Schweden, die geschafft hat, woran wir Eltern so oft scheitern: Die jungen Leute rauszuholen aus dem ewigen „chillen“. Sie wollen plötzlich nicht nur freiwillig an die frische Luft, sondern setzen sich zudem noch für eine gute Sache ein, für die wir gestandenen Protestanten natürlich schon lange sind: alles zu tun, um den Klimawandel gerade noch so beherrschbar zu machen. Danke dafür!

Das einzig Blöde ist nur, dass die Demos immer am Freitag zur Schulzeit stattfinden. Das muss wohl so sein, denn was wären das denn für Jugendproteste, wenn sich all die grauhaarigen Grünenwähler, Ökostrombezieher, Lastenradfahrer und Nur-mit-schlechtem-Gewissen-Flieger so ganz geschmeidig am Samstag auf dem Weg zum Biomarkt einreihen könnten. Irgendwo muss es wehtun, wenn die nächste Generation auf die Straße geht. Es ist ja schwer geworden, uns super verständnisvolle, liberale und stets Augenhöhe vortäuschende Elterngeneration noch zu provozieren. Da muss man schon rechtsradikal werden oder zum Islam konvertieren oder sich mehr für Heidi Klum interessieren als für Politik. Schule schwänzen für eine bessere Welt ist so gesehen ein echt nettes Angebot.

Trotzdem bleibt die Greta-Frage, wie man es denn nun halten soll, mit der Schulpflicht am Freitag. Denn natürlich hat das große Kind schon mal so seltsam lächelnd gefragt, was ich denn machen würde, wenn sie auch am Freitag nicht zur Schule, sondern zur Klimademo ginge. Meine Strategie: Zeit gewinnen. „Habt Ihr schon in der Schule darüber gesprochen?“ „Ja, die Lehrerin hat gesagt, wir müssten die Konsequenzen tragen.“ „Und die wären?“ „Das hat sie nicht gesagt.“ „Finde das doch erst mal heraus…“

In der Zwischenzeit lese ich, dass auch die Noch-Kanzlerin herumeiert zwischen raunenden Mutmaßungen über hybride Kriegsführung und Lob für das Engagement der Jugendlichen. Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbands betont die notwendige Erziehung der Jugendlichen zum politisch mündigen Bürger, will es aber auch nicht Schülern und Eltern überlassen, ob man in die Schule geht oder nicht. Ja, was denn nun? Konkrete Hilfe gibt es nur vom Obersatiriker Martin Sonneborn von der Partei „Die Partei“, der ein launiges Entschuldigungsschreiben mit EU-Parlamentsbriefkopf zum Download anbietet.

Aber ob das der Lehrerin reicht? Ich müsste sie mal fragen. Und vielleicht weiß sie auch, von wem dieses Zitat stammt, das mit den Deutschen, die keine Revolution können, weil sie vor der Stürmung des Bahnhofs eine Bahnsteigkarte kaufen. Lenin? Stalin? Von Greta ist es jedenfalls nicht…

Stephan Kosch

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