Desintegriert Euch!

Über gebrochene Tabus
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Czollek will das weiterwirkende Vorurteil vom hilflosen Opfer zerschlagen und Selbstbestimmung zurückgewinnen.

Interessant und vor allem fruchtbar wird es oft erst, wenn jemand aus der Reihe tanzt. Streitschriften wollen ähnliches. "Desintegriert Euch!" von dem Politikwissenschaftler, Dichter und Theaterautor Max Czollek, der unter anderem die Radikalen Jüdischen Kulturtage kuratierte, werden viele indes wenig erheiternd finden. Der Berliner, 1987 geboren, ist einer von etwa 200.000 Juden in Deutschland. Die Hälfte gehört zu den im Zentralrat organisierten Gemeinden. Er zählt sich nicht dazu und sieht sich und seine Jüdischkeit dort auch nicht repräsentiert, im Gegenteil. „Die Juden“, so Czollek, spielten auf der „Bühne des deutschen Gedächtnistheaters“ – ein Begriff des Soziologen Y. Michal Bodemann – bloß die Opferrolle, wovon in Form von Entschuldung und nachfolgendem Sich-Besser-Fühlen aber nur Deutsche profitierten.

Er und seine aus aller Welt hergezogenen Freundinnen und Freunde verweigern sich dem: „Einige haben keine familiäre Verbindung zur Shoa. Gott sei Dank. Sie können auch nicht alle Klarinette spielen. Oder Geige. Stattdessen bringen sie Geschichten mit, die den Erwartungen der jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit nicht entsprechen.“ Erwartungen, die er unanständig übergriffig findet, da sie letztlich das Opfersein konstitutiv machten. Umgekehrt betont er, dass die Deutschen 1945 gerade nicht befreit, sondern eben besiegt worden seien, und spitzt das sarkastisch zu: „Es gab einmal eine Zeit, da wollten Juden und Jüdinnen mitmachen. Dieser Zug ist abgefahren. Und es saßen Deutsche im Schaffnerhäuschen.“ „Desintegration“ in diesem Zusammenhang bedeute, die vereinnahmende deutsche Identifikation mit den jüdischen Opfern zu unterbrechen. Es bedeutet, die deutsche Perspektive sichtbar zu machen. „Vielleicht sind wir gemeinsam nach Auschwitz gefahren, aber am Tor trennten sich die Wege. Und spätestens damit brach das Wir in zwei Teile auseinander, die historisch nicht verwechselt werden sollten: Juden und Deutsche.“ Czollek will das weiterwirkende Vorurteil vom hilflosen Opfer zerschlagen und Selbstbestimmung zurückgewinnen.

Dass er dabei außen vor lässt, dass es historisch einige wenige Zwischentöne gegeben hat, gehört zum Repertoire einer Streitschrift. Deren anderes zentrales Thema ist der Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt unter dem Leitbegriff „Integration“: Dieser, so Czollek, setze normativ eine Mitte voraus, wo sich jeder hinzubewegen habe, um dazuzugehören. Einfach man selber zu sein und mitzutun und die anderen gelten zu lassen, reiche nicht und werde als unerwünschtes Außen definiert.

Der Zwischentitel „Integrationstheater! Leitkultur und Heimatministerien“ deutet an, wie er die Situation bewertet. Polemisch und schlüssig zieht er denn auch eine Linie, die von brennenden Asylheimen 1992 über das nachfolgende Schleifen des Grundgesetzartikels 16 bis zur AfD in den Parlamenten reicht: „Auf diese Weise erinnert, erzählen die letzten 70 Jahre nicht von der Überwindung des Nationalsozialismus. Sondern von seiner erfolgreichen Integration.“ Und umso entschiedener formuliert er seine politische Forderung "Desintegriert Euch!" Sein Furor angesichts des Rechtsrucks ist nachvollziehbar, die Argumentation scharf, kenntnisreich und triftig, auch ätzend und schmerzhaft. Absichtsvoll gebrochene Tabus und findig zugespitzte Details sorgen für weitere Würze. Die Lektüre ist überaus anregend. Widerspruch, den sie wohl findet, zwingt sie zu gründlichem Nachdenken – per se ein Gewinn. Den obwaltenden Gleichschritt konterkariert sie jedenfalls gründlich. Es war überfällig, wie Czollek hier aus der Reihe tanzt.

Udo Feist

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