Tiefsinnig

Über die Wirklichkeit
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Der Neue Realismus wirkt religionstheoretisch anregend.

Theologie und Philosophie ins Gespräch zu bringen, hat in Marburg Tradition. Die Zeit, in der Rudolf Bultmann und Martin Heidegger von dort aus geistig etwas in Bewegung setzten, gehört zum „Mythos Marburg“. In dieser Fluchtlinie interdisziplinär weiter zu denken, ist für das Rudolf-Bultmann-Institut für Hermeneutik und seinen Direktor Malte Dominik Krüger maßgebend. Forum eines Diskurses zwischen den Disziplinen ist nun auch die alle zwei Jahre stattfindende Internationale Bultmann-Lecture. Erster Gastredner in der Alten Aula war am 4. Dezember 2017 der bekannte Bonner Philosoph Markus Gabriel, um mit dem Systematischen Theologen Krüger über „die alte und immer wieder neue, grundsätzliche und auch den Alltag begleitende Frage ,Was ist Wirklichkeit?‘“ nachzudenken.

Gabriel hat in seinem Bestseller Warum es die Welt nicht gibt (2013) gegen die Metaphysik, gegen den Naturalismus und gegen den postmodernen Konstruktivismus sein Programm des „Neuen Realismus“ gestellt. In der Lecture „Was ist (die) Wirklichkeit?“ fasst er seine „Keine-Welt-Anschauung“ noch einmal unterhaltsam und tiefsinnig zusammen: Die Welt existiere gar nicht, weil sie nicht in der Welt oder Wirklichkeit vorkomme. Anders als im „alten“ Realismus gehörten Gegenstände nicht zu exakt einer Welt oder Wirklichkeit, sondern zu heterogenen Gegenstandsbereichen: Wirkliches erscheine uns nur plural in „Sinnfeldern“. In einer Sinnfeld-Ontologie gebe es keine einzige Welt und auch nicht die wirkliche Welt. Das Wirkliche bilde keinen einheitlichen Raum im Sinne einer Totalität ab, sondern sei vielmehr offen. Die Sinnfelder Kunst und Religion seien Indizien des Unendlichen, die auf die Unverfügbarkeit des Schönen und Göttlichen hinweisen.

Dass der Neue Realismus religionstheoretisch anregend wirkt, zeigt Krüger mit seinem Beitrag „Die Realismus-Debatte und die Hermeneutische Theologie“. Er führt anhand der drei Leitfragen „Wie komme ich zur Wirklichkeit?“, „Worum geht es in der Realismus-Debatte?“ und „Was hat das mit Hermeneutischer Theologie und Neuem Realismus zu tun?“ verständlich in die Thematik ein und entfaltet zugleich in Anlehnung an seine Studie „Das andere Bild Christi“ (2017) seinen eigenen Entwurf einer Bildhermeneutischen Theologie. Sein Vorschlag, die Wirklichkeit der Religion („Gott“) als eine realistische Projektion und Einbildung aufzufassen, nimmt eine bildtheoretische Neuausrichtung in den Kulturwissenschaften auf. Mit Hilfe der Wende zum Bild will Krüger den Projektionsvorwurf der neuzeitlichen Religionskritik, Gott sei Ausdruck menschlicher Sehnsucht nach der eigenen Unendlichkeit, dadurch entkräften, dass auch die Projektion von Gottesbildern auf dem menschlichen Bildvermögen basiere.

Die Religionskritik scheitere an ihrer eigenen Berechtigung, da sie auf das Bildvermögen verweise. Der spätmoderne Protestantismus brauche den Projektionsverdacht nicht zu verdrängen oder zu tabuisieren, sondern habe diesem theologisch etwas entgegenzusetzen: Gott als Einbildung, die auf dem Bildvermögen beruhe und auf einen ungegenständlichen Fluchtpunkt unseres Lebens hinweise, dessen Wirklichkeit sich in der Aneignung durch den Menschen erweise. Religion werde so plausibel als ein sich selbst relativierender Zugang zum Wirklichen und Ganzen. Aus der Fähigkeit der Religion zur Selbstrelativierung folge, dass dem Protestantismus eine besondere Kompetenz eigen sei, mit den Ambivalenzen des Lebens religiös umzugehen. Religion sei daher basal als „Ambivalenzmanagement“ zu verstehen.

Wer sich über diese auf höchstem intellektuellen Niveau geführte Debatte grundlegend informieren möchte, greife zu diesem Buch.

Philipp David

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