Zwillinge

Islamisten und Rechtsextremisten
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Beinahe wäre es die x-te Darstellung über den Islamismus auf dem völlig gesättigten Buchmarkt geworden, beinahe.

Beinahe wäre es die x-te Darstellung über den Islamismus auf dem völlig gesättigten Buchmarkt geworden, beinahe. Doch die aus Wien stammende Extremismus- und Terrorismusforscherin Julia Ebner hat etwas gemacht, was bislang nur selten anzutreffen war: sie stellt Islamisten und Rechtsextremisten als fanatische Zwillinge dar, als ideologische Geistesverwandte: „Sie sind zwei Seiten derselben Medaille.“ Sie sehen jeweils sich selbst als Opfer und die Gegenseite als Täter, als die Bösen, die in einem finalen Krieg der Religionen beziehungsweise der Rassen besiegt werden müssen. Die Autorin macht weiter deutlich, dass die fast austauschbaren Narrative beider Seiten einander provozieren und sich dadurch reziprok verstärken. Damit tragen beide zur Polarisierung westlicher wie islamischer Gesellschaften bei und zur Radikalisierung bislang gemäßigter Milieus in der schwindenden Mitte.

Angetrieben werden die Extremisten von den beiden Hauptkrisen der letzten Dekade: der Finanz- und der Flüchtlingskrise. Auch sie sind zwei Seiten derselben Medaille: der wachsenden globalen Ungerechtigkeit. Am meisten gibt zu denken, dass in diesem gefährlichen Prozess die Medien eine fatale Rolle spielen. Diese stehen ohnehin am Pranger, sowohl bei den Muslimen und Islamisten als auch bei den Populisten und Rechtsextremisten. Auch das ist aus medienwissenschaftlichen Analysen längst bekannt, wird aber durch Ebners Synopse noch brisanter. Denn viele Medien agieren „Hand in Hand mit den Extremisten“ auf beiden Seiten: „Man kann sich unverantwortliche Medien als das Theater vorstellen, das die von Terroristen verfassten Stücke inszeniert und die Eintrittskarten für die Vorstellungen verkauft.“ Wobei es hier zu erheblichen Verzerrungen der Realität kommt, sprich: wessen Stücke bevorzugt aufgeführt werden. Denn obwohl es viel mehr rechte Anschläge gibt als islamistische, obwohl die größere terroristische Bedrohung in fast allen westlichen Gesellschaften von Rechtsextremisten ausgeht, berichten die Medien vier bis fünf Mal so häufig über islamistisch motivierte Gewalt. Letztere wird im Vergleich zu rechter Gewalt auch viel schneller mit dem Etikett „Terrorismus“ versehen. Offenbar gibt es, um es mit meinen eigenen Worten zu sagen, eine Art „kulturellen Heimbonus“ seitens der Medien mit Bezug auf Rechtsextremisten, deren Taten unterschätzt und untertrieben werden, wohingegen islamistische Gewalt überdimensioniert wird und häufig mit Islam gleichgesetzt wird.

Das Buch liest sich überwiegend ganz gut. Die Einleitung ist toll. Sie gibt spannende Einblicke in die Undercover-Recherche der Autorin, die sie mit Extremisten beider Seiten direkt in Kontakt bringt. Leider werden derlei Begegnungen dann im Verlauf des Buches immer seltener geschildert. Es folgen acht Kapitel. Ermüdend sind eine gewisse Redundanz, Langatmigkeit und Unstrukturiertheit. Da wäre weniger mehr gewesen. Diverse Fachausdrücke werden nicht erläutert. Viele Details beziehen sich auf Großbritannien, wo die Autorin lebt. Für die deutschen Lesenden wäre es bei manchen Passagen interessanter gewesen, statt einer direkten Übersetzung aus dem Englischen mehr über analoge deutsche Entwicklungen zu erfahren. Ebner lässt keinen Zweifel: Ohne das Internet und die sozialen Medien wären die reziproken Radikalisierungsprozesse in diesem Tempo und Umfang undenkbar. Wie man diese digitalen Schwerter zu digitalen Pflugscharen umschmieden könnte, ist für mich die Gretchenfrage, die sich die Autorin leider nicht gestellt hat.

Martin Bauschke

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