Trauer und Neuanfang

Wenn Trauer neue Kräfte freisetzt
Foto: EKM

Die erste Besucherin gibt sich einen Ruck, steht von ihrem Platz auf und schließt sich dem Zug der Liturgen an. Die anderen folgen. Viele werfen einen letzten Blick auf den nun leeren Altar. Die Liebfrauenkirche in Wernigerode/Harz wird ab sofort nicht mehr als Gotteshaus genutzt. Die Kirchengemeinde gibt sie an die Kulturstiftung Wernigerode ab. In den nächsten zwei Jahren wird sie zu einem Konzertsaal umgebaut.

Dass wir Kirchengebäude aufgeben müssen, ist nicht zu ändern, aber Gott sei Dank gibt es auch eine andere Bewegung: Aufbrüche mit vielen Ideen und großem Engagement und viel Mut zu Neuem. Viele spannende Erprobungen setzen in unserer Kirche ungeahnte Kräfte frei. So sind im Projekt „Querdenker“ 500 Ideen über eine alternative Nutzung der Kirchengebäude vor Ort entwickelt worden.

Doch zunehmend frage ich mich, ob wir nicht Entscheidendes übersehen: Trauer und Trauerarbeit. Wie elementar wichtig sie ist, wissen wir sehr gut aus der Einzelseelsorge. Aber wie ist es mit Trauer und Trauerarbeit in Organisationen? Drei Faktoren spielen eine wesentliche Rolle, um Verlust und Trauma zu überwinden: eigene Ressourcen, ein tragendes soziales Netzwerk und die Motivation, erfüllt weiter zu leben. Trauer, so sehr sie schmerzt, weckt Kräfte. Wenn sie nicht zugelassen, ja, geleugnet wird, kommt es zu schweren Blockaden.

Was wir über Trauerarbeit, Trauerbegleitung und Rituale wissen, kann in den derzeitigen großen Veränderungen unserer Kirche und Gemeinden wesentlich zur Bewältigung helfen. Es ist überfällig, dass wir diese Trauer nicht überspielen und etwa mit Euphemismen schön reden, sondern dass wir Räume für Trauer und Wut zulassen, ja, solche schaffen; dass wir Rituale entwickeln und keine Angst vor Schwäche haben. Trauern zu dürfen ist ein Zeichen für Menschlichkeit. Auch in der Institution. Im Trauerprozess wird dem Verlorenen ein Platz zugewiesen und dem Neuen ein Weg geöffnet, gemeinsam erhalten Verlorenes und Neues ihren Platz in der großen Geschichte Gottes mit seiner Kirche.

Zurück nach Wernigerode in die Liebfrauenkirche: Ein letztes Mal versammelt sich die Gemeinde um den Altar zum Abendmahl, Generationen von Wernigerödern wurden hier getauft, konfirmiert, getraut, hier wurde ihres Todes gedacht. Hier wurde die erste evangelische Predigt in der Stadt gehalten, hier saßen im November 1989 die damals Mächtigen vom „Rat des Kreises“ auf den Stufen des Altars, um der Bürgerschaft Rede und Antwort zu stehen. Vor fünf Jahren wurde das 250. Jubiläum zum Wiederaufbau der ehemals gotischen Kirche gefeiert.

Die Orgel spielt groß auf. Propst und Superintendent sprechen die Sätze zur Entwidmung des Gebäudes. Die Kerzen werden gelöscht. Dann werden Vasa sacra, das Kruzifix und die Bilder hinausgetragen. Die Gemeinde schließt sich dem Zug der Liturgen an. Der Weg führt durch die Straßen der Stadt. Ein beeindruckender und berührender Zug. Trauer setzt sich in Bewegung. Alle bleiben dabei. Ziel der Prozession ist St. Sylvestri. Hier werden die Kerzen wieder entzündet.

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Ilse Junkermann ist Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Herausgeberin von zeitzeichen.

Ilse Junkermann

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