Was man von Jesus wissen kann

Alles muss kritisch geprüft werden, was die Evangelisten über den Heiland erzählen
Selbst der Jünger Thomas hatte Zweifel an der Auferstehung Jesu, obwohl er ihn sehen durfte. Ein Mosaik aus der Geburtskirche in Bethlehem, die im 3. und 4. Jahrhundert gebaut wurde. Foto: epd/ Debbie Hill
Selbst der Jünger Thomas hatte Zweifel an der Auferstehung Jesu, obwohl er ihn sehen durfte. Ein Mosaik aus der Geburtskirche in Bethlehem, die im 3. und 4. Jahrhundert gebaut wurde. Foto: epd/ Debbie Hill
Der Mittelalterhistoriker Johannes Fried mutmaßt, dass Jesus das Kreuz überlebt haben könnte – und erntet dafür viel Resonanz. Tatsächlich weiß man über den Nazarener gesichert nicht sehr viel. Dennoch, Leben und Wirken Jesu sind keine fake news, erklärt der katholische Theologe Thomas Söding, der Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum lehrt.

Was man von Jesus wissen kann? Weniger, als viele hoffen, aber mehr, als viele befürchten. Die Lage der Quellen ist exquisit: Von welcher anderen Figur der Antike sind innerhalb eines knappen Jahrhunderts gleich vier Biographien erschienen? Allerdings sind die neutestamentlichen Evangelien alles andere als unverdächtig. Im Gegenteil: Sie sind parteiisch – und zwar mit Bedacht. Sie sind auch widersprüchlich – nicht nur in Kleinigkeiten. Vor allem sind sie fest davon überzeugt, dass in der Geschichte Jesu Gott die Regie führt – auf wunderbare Weise. Deshalb muss alles kritisch geprüft werden, was die Evangelisten von Jesus erzählen.

Die neutestamentlichen Evangelien sind die wichtigsten, aber nicht die einzigen Quellen für die historische Rückfrage. Auch römischen Schriftstellern ist „Christus“ bekannt. In seinen Annalen schreibt Tacitus um die Jahrhundertwende, dass Jesus unter Kaiser Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus zum Tode verurteilt worden ist (XV 44,3). Sein Kollege Sueton erklärt um 120 n. Chr. in seiner Biographie des Kaisers Claudius, er habe (49 n. Chr.) die Juden aus Rom vertrieben, die durch einen „Chrestus“ aufgehetzt worden seien (25,4).

Auch beim jüdischen Historiker Flavius Josephus wird Jesus erwähnt. In den „Jüdischen Altertümern“, Ende des 1. Jahrhunderts erschienen, wird er kurz als Bruder des Jakobus erwähnt, der 62 n. Chr. hingerichtet worden ist (20,200), zuvor wird Jesus selbst in einem eigenen Abschnitt vorgestellt, der allerdings stark christlich nachgearbeitet worden ist (18,63–64). Später wird Jesus auch im Talmud erwähnt: Er sei zu Recht hingerichtet worden (Sanhedrin 43a).

Die Evangelien selbst sind keine Augenzeugenberichte. Sie beruhen auf mündlicher und schriftlicher Überlieferung (vgl. Lukas 1,1–4). Geschrieben sind sie in einigem Abstand vom Geschehen: Markus etwa vierzig Jahre nach Jesu Tod, die anderen Evangelien noch später, Johannes auf einer eigenen Traditionsspur. Älter sind die Paulusbriefe, die aber nur einige wenige Worte als Stimme Jesu tradieren – und allerdings das Letzte Abendmahl wie den Tod Jesu am Kreuz bezeugen. Jünger sind die apokryphen Evangelien, die nicht in der Bibel stehen. Sie tragen zur Legendenbildung bei, mit Ausnahme des Thomasevangeliums, das als Quelle für die Lehre Jesu ernsthaft in Betracht zu ziehen ist.

Weder die Briefe noch die Evangelien wären ohne den Glauben an die Auferstehung Jesu geschrieben worden. Das Neue Testament dokumentiert nicht O-Töne, sondern pflegt die Erinnerung an Jesus. Die Texte erlauben es nicht, eine Wegekarte oder eine Zeittafel Jesu zu rekonstruieren. Sie beschreiben noch nicht einmal, wie er ausgesehen hat. Aber sie halten gemeinsam fest, dass er sich von Johannes im Jordan hat taufen lassen und dann in Galiläa mit seiner öffentlichen Verkündigung begonnen hat, bevor er in Jerusalem den Tod am Kreuz erlitten hat und begraben worden ist.

Das Schlüsselwort heißt: Erinnerung. Biblisch verstanden, ist Erinnerung die Vergegenwärtigung einer Vergangenheit, der die Zukunft offensteht. In der Erinnerung ist das, was geschehen ist, grundlegend; aber ebenso wichtig ist, was im Rückblick denen aufgegangen ist, die sich erinnern. Sie überliefern, indem sie auswählen und ausbauen. Sie stellen Zusammenhänge her, nehmen Gewichtungen vor und schärfen Profile. Im Rückblick erkennen sie die Voraussetzungen ihrer Gegenwart und Zukunft; in der Auseinandersetzung mit ihrer Zeit verändert sich ihr Blick auf die Geschichte. Biographien erschaffen das Leben eines Menschen, indem sie seine Geschichte erzählen. Positivismus ist den Evangelien fremd. Mythen sind sie auch nicht. Sie suchen Bilder, Gesten, Worte, an denen sie deutlich machen können, was Jesus deutlich machen wollte: dass Gott den Menschen unendlich nahe ist und dass dies das Beste ist, was den Menschen passieren kann.

Alle Evangelisten zeichnen in ihren Erzählungen ein Porträt Jesu, das unverkennbar ihre eigene Handschrift trägt und immer unverkennbar Jesus zeigt: in unterschiedlichen Farben, aus unterschiedlichen Perspektiven, mit unterschiedlichen Motiven, aber durchweg so, dass deutlich wird, wie sehr Jesus Gott geliebt hat, wie groß in dieser Gottesliebe seine Menschenliebe gewesen ist und wie tief er die schönsten Verheißungen bejaht hat, die Gott seinem Volk Israel mit auf den Weg gibt. Nach Markus, Matthäus und Lukas hat er das Reich Gottes, nach Johannes das ewige Leben verkündet. Gleichnisse und Heilungen gehören zu seinem Wirken, die Berufung von Jüngern, die Debatten mit Pharisäern und Schriftgelehrten; am Schluss stehen seine Auslieferung und Hinrichtung – die ein neuer Anfang gewesen sein sollen: durch die Auferstehung.

Die Gemeinsamkeiten zwischen den Evangelien erklären sich durch ihren Bezug auf Jesus, die Unterschiede aus verschiedenen Traditionen, die sie aufgenommen haben, aus verschiedenen Situationen, in denen sie die Aktualität Jesu entdecken wollen, und aus verschiedenen Intentionen, die sie verfolgen, um dem Jesus gerecht zu werden, der sie überzeugt hat.

Hingabe seines Lebens

Markus hat es als Erster unternommen, in Jesus den Sohn Gottes darzustellen, der mitten unter den Menschen in aller Öffentlichkeit lehrt und leidet, in der Einsamkeit betet und bis in die Hingabe seines Lebens hinein die Nähe des Reiches Gottes bezeugt – was erst im Licht der Auferstehung zu erkennen ist. Matthäus hat diese Spur aufgenommen und, nicht zuletzt mit der Bergpredigt, die Gerechtigkeit Gottes mit dem Reich Gottes verknüpft, so dass die ethische Orientierung im Zeichen der Seligpreisungen klar wird. Lukas hat den Weg, den Jesus auf der Suche nach den Verloren einschlägt (Lukas 19,10), in den Weg Gottes mit seinem Volk Israel eingezeichnet und deshalb als zweites Buch die Apostelgeschichte folgen lassen. Johannes hingegen hat Jesus als das Wort Gottes charakterisiert, das Fleisch geworden ist und deshalb Kunde von Gott selbst gebracht hat (Johannes 1,18), so dass er durch seinen Tod hindurch den Weg des Heiles für alle bahnt, denen Gottes Liebe gilt (Johannes 14,6).

Es ist der Glaube an die Auferstehung, der das Interesse der Evangelien an der Geschichte Jesu weckt und die Evangelien davor bewahrt, ein dürres Faktengerüst zu zimmern: Sie stellen die Jesusgeschichte als Gottes- und Menschengeschichte dar, als Kairos für Zeit und Ewigkeit. Sie stellen ebenso die Glaubensgeschichten von Menschen dar, die zwischen Hoffen und Bangen hin- und hergerissen sind, auch und gerade, wenn sie Jesus nachfolgen.

Nach Matthäus, Markus und Lukas hat Jesus nur ein gutes Jahr gewirkt, bevor er am Paschafest in Jerusalem gestorben ist. Nach Johannes hat er hingegen etwa drei Jahre lang das Wort Gottes verkündet und war mehrfach zuvor schon in der Heiligen Stadt. Das klingt plausibel, ist aber nicht sicher zu beweisen.

Wann genau Jesus geboren wurde, weiß niemand. Nach Matthäus und Lukas regierte noch Herodes, der 4. v. Chr. gestorben ist. Jede nähere Angabe ist Spekulation. Aufgrund des Weihnachtssterns wird seit Johannes Kepler oft auf eine Jupiter-Saturn-Konstellation 6/7 v. Chr. verwiesen; aber ein Fixpunkt ist das nicht. Der Mönch Dionysius Exiguus, der um 500 n. Chr. in Rom die Zeitachse der Weltgeschichte an Christi Geburt festgemacht hat, hat sich um ganz wenige Jahre verrechnet, als er aus tausenden von Puzzlesteinchen indirekter Datierungen (vergleiche Lukas 3,1f.) ein erstes Gesamtbild erstellt hat: eine wissenschaftliche Leistung erster Güte.

Nach dem Matthäus- und dem Lukasevangelium ist Jesus in Bethlehem geboren worden; alternative Angaben gibt es im Neuen Testament nicht. Jesus heißt zwar „Nazarener“ oder „von Nazareth“; aber dort ist er aufgewachsen, nicht unbedingt auch geboren. Freilich ist Bethlehem theologisch hoch sensibel: als Stadt Davids, aus der einst der Messias hervorgehen solle (vgl. Micha 5,1–2). Wer deshalb für Bethlehem plädiert, erntet Skepsis – und wer gegen Bethlehem votiert, auch.

Paradoxerweise ist das sicherste Ereignis des Lebens Jesu sein Tod am Kreuz. Alle Evangelien datieren ihn auf einen Freitag, die ersten drei allerdings auf das Paschafest selbst, Johannes hingegen auf den Vortag. Man kann die Mondphasen zurückrechnen, an denen im Frühjahr das Paschafest terminiert wird. Mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit kommen die Jahre 27, 30 oder 33 n. Chr. in Betracht. Die mittlere Angabe passt am besten zu anderen chronologischen Notizen des Neuen Testaments – und zum johanneischen Timing, das etwas plausibler wirkt. Dann ist Jesus am 14. Nisan, dem 7. April des Jahres 30 gestorben – eine für antike Verhältnisse spektakulär genaue Angabe, selbst wenn sie nicht absolut feststeht.

Nötige Kritik

Wer alles gerne hundertprozentig sicher haben will, darf sich nicht auf die Gottesfrage einlassen. Wer nur Fakten sprechen lassen will, darf nicht Geschichte studieren. Aber wenn es Jesus nicht gegeben hätte, hätte das Christentum in der Welt nichts verloren. Deshalb ist die historische Jesusforschung grundlegend für die Christologie. Weil viel auf dem Spiel steht, muss die Bibellektüre besonders kritisch sein. Aber auch die Kritik der Kritik ist vonnöten. Wer grundsätzlich nicht mit Gott rechnet, wird mit Jesus nicht viel anfangen können. Wer von Gottes Wesen und Handeln überzeugt ist, wird es nicht beweisen, aber doch glauben können.

In diesem offenen Raum geschieht Unerhörtes: Jesus hat gelebt und ist gestorben. Er wird von denen, die an ihn glauben, als Retter der Welt gesehen, weil er, von Gott gesandt, den Sinn für Gott geschärft hat. Dieses Zusammentreffen von historischer Einmaligkeit unter den beschränkten Bedingungen eines Menschenlebens einerseits und theologischer Unbedingtheit im unendlichen Horizont der Liebe Gottes andererseits ist die große Provokation des Evangeliums. Deshalb sind seit zweitausend Jahren Verschwörungstheorien und alternative Geschichten im Umlauf. Doch nichts ist so aufregend und überzeugend wie das Original.

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Thomas Söding

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