Reichtum, nicht Störung

Warum Bekenntnisse auch heute durchaus nötig und sinnvoll sind
Überreichung der Augsburgischen Konfession an Kaiser Karl V. im Jahr 1530 (Kupferstich, 1630). Foto: akg-images
Überreichung der Augsburgischen Konfession an Kaiser Karl V. im Jahr 1530 (Kupferstich, 1630). Foto: akg-images
Vor 200 Jahren wurde in der Pfalz die Union von Lutheranern und Reformierten begründet. Als Pointe dieser Union von 1818 gilt, dass es seitdem in der evangelischen Kirche der Pfalz kein offizielles Bekenntnis gibt. Vor siebzig Jahren, 1948, entstand die VELKD. Der Leiter des Amtes der VELKD und Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover, Horst Gorski, fragt anhand beider Anlässe nach der bleibenden Bedeutung kirchlicher Bekenntnisse.

Bekenntnisse sind Kulturformen. Kulturformen entstehen als Reaktion auf ein Problem und versuchen, es zu lösen. Beispielsweise ist das Essen mit Fingern eine Reaktion auf das Problem, bei der Nahrungsaufnahme mit dem Gesicht nicht in die Nahrung einzutauchen. Der Gebrauch von Besteck löst das Problem, sich bei der Nahrungsaufnahme auch die Finger nicht schmutzig zu machen.

In diesem Sinne sind auch die christlichen Bekenntnisse eine Kulturform. Sie reagieren auf ein komplexes Problem: Wie lässt sich mit zunehmendem Abstand von der Ursprungsgeschichte - dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi - die inhaltliche Identität sichern, während doch die Erinnerungen verblassen, die Überlieferungen dünner werden und die Umstände des Lebens, unter denen die Menschen ihren Glauben praktizieren, sich verändern? Und wie lässt sich diese Identität in einer Gruppe von Menschen gemeinsam feststellen und nach innen und außen klarstellen? Das Problem hat also eine diachrone und eine synchrone Seite, ist auf die Zeitachse und auf die gegenwärtige Gemeinschaft bezogen.

Schon in der biblischen Überlieferung selber finden sich die ersten kurzen Bekenntnisformeln wie „Kyrios Jesus“ - „Jesus ist der Herr“ (Römer 10,9). Mit wachsendem zeitlichem Abstand und mit dem Wachsen der Kirche wurde der Anspruch an die Formeln größer. Sie wurden länger und differenzierter. Sie hatten ihren „Sitz im Leben“ bei der Taufe, in der Apologetik und in der innerkirchlichen Verständigung auf den Konzilien. So wurde das Nizäno-Konstantinopolitanische Bekenntnis im Jahre 385 auf dem Konzil in Konstantinopel als (vorläufiger) Schlusspunkt unter die trinitarischen und christologischen Streitigkeiten gesetzt.

Schon das frühe Bekenntnis „Jesus ist der Herr“ markiert eine dritte Seite: Bekenntnisse richten sich in ihrer jeweiligen Zeit auch nach außen, bekennen aktuell einen Sachverhalt der Gesellschaft gegenüber. Hier: Nicht der Kaiser ist der „Kyrios“, obwohl er sich so betitelt, auch nicht andere Mächte und Gewalten sind Herren über unser Leben, sondern allein Jesus Christus. Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 ist ein prominentes Beispiel für diese dritte Dimension des Bekenntnisses. Gegenüber den Ansprüchen der Nazi-Ideologie, das Leben total zu beherrschen, bekennt sich die Synode in Barmen zu Jesus Christus, als dem einzigen Wort Gottes, „das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ (These I).

Schicksal der Spaltung

Doch zunächst zurück: Die Bekenntnisse der Reformationszeit reagierten auf die wachsenden Spannungen innerhalb der einen römisch-katholischen Kirche. Das Augsburgische Bekenntnis von 1530 markiert Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Theologie der reformatorischen Reichsstände zur römischen Kirche, versucht aber im Ganzen nachzuweisen, dass man sich in den Grundlagen einig sei. An der Haltung zu diesem Bekenntnis formierten sich allerdings die unterschiedlichen Positionen, so dass es nicht zur Einheit, sondern zur Spaltung führte. Dasselbe Schicksal erlitten auch die anderen Bekenntnisse, die - wie der Heidelberger Katechismus von 1563 und die Konkordienformel von 1577 - vor allem auf die Gemeinschaft der reformatorischen Kirchen untereinander ausgerichtet waren.

Kulturformen sind im systemtheoretischen Sinne Systemeinheiten, und wie alle Systeme können sie nur mit der Zwei-Seiten-Referenz „Innen/Außen“ existieren. Insofern folgt es einer unvermeidlichen Logik, dass jedes neue Bekenntnis, auch wenn es in der Absicht formuliert wird, synchron Einigkeit mit dem Blick auf die Identität mit der Ursprungsgeschichte zu schaffen, genau an dieser Absicht scheitert und eine neue Spaltung herbeiführt. Denn jedes Bekenntnis kann Zustimmung und Ablehnung erfahren. Schon die altkirchlichen Bekenntnisse konnten dieser Logik nicht entkommen. Die alt-orientalischen Kirchen trennten sich aufgrund der Unterschiede in ihren Bekenntnissen. Und in der Reformationszeit setzte sich diese Spaltung mit neuer Dynamik fort. Bekenntnisse einen also - und sie spalten. Systemtheoretisch können sie nicht anders. Oder schlichter: An jedem Bekenntnis scheiden sich die Geister.

Der Versuch der Protestanten in der Pfalz, 1818 mit einer Vereinigungsurkunde alle Bekenntnisse für „völlig abgeschafft“ zu erklären, hat seinen besonderen Charme darin, dass er genau dieses Dilemma zu überwinden versucht. Wenn Einigkeit mit Bekenntnissen nicht zu gewinnen ist, dann ohne. Doch wie sich Münchhausen nicht selber am Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, so kann auch dieser Trick nicht funktionieren. Die Abschaffung der Bekenntnisse ist eine Kulturform der Kirche, auch ihr kann man zustimmen oder sie ablehnen. Auf Intervention des bayerischen Königs Maximilian I. Joseph musste dieser weitreichende Schritt teilweise zurückgenommen werden. Im Synodenbeschluss von 1821 heißt es, die Bekenntnisse sollten in „gebührender Achtung“ gehalten werden. Man suchte vorsichtig also doch den Anschluss an die Herstellung von Identität über die Achtung von Texten, die den Gehalt der Ursprungsgeschichte sichern und um diese Identität Kirche zu sammeln versuchen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstand als Reaktion auf die Unionen in der Pfalz, in Preußen und in anderen Territorien eine kräftige Rekonfessionalisierung sowohl bei den Reformierten als auch, und stärker, bei den Lutheranern.

Veränderte Sichtweisen

Der Rolle der Bekenntnisse als Kulturformen wuchs eine weitere Facette zu. Denn Aufklärung und Rationalismus hatten zu erheblich veränderten Sichtweisen auf die Ursprungsgeschichte geführt. Die historische Forschung versuchte mit wissenschaftlichen Methoden dichter an die Ursprungsgeschichte heranzukommen. Sie scheiterte jedoch daran, dass die historischen Figuren, auch Jesus selber, uns mit wissenschaftlichen Methoden in ihrer geistlichen Bedeutung nicht näher kommen können. Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, die Albert Schweitzer eingehend beschrieb, zeigte dies deutlich und enttäuschend. Die Ablehnung supranaturaler Phänomene und die rein naturwissenschaftliche Betrachtungsweise der biblischen Geschichten führten zu - aus heutiger Sicht - skurrilen Blüten. So handelten Predigten über die Geschichte der Salbung in Bethanien von der Kunst der Parfümherstellung und Predigten über Jesu Wandeln auf dem See Genezareth von den Gesetzen der Schwerkraft. Bei aller Wertschätzung für Aufklärung und Rationalismus: Es ist nicht ganz zu leugnen, dass der Geist des Rationalismus dem geistlichem Gehalt mancher Predigten nicht eben förderlich war.

Der Konfessionalismus reagierte darauf mit einer neuen Hochschätzung der Bekenntnisse. Deren Bedeutung lag nun aber weniger in der Abwehr falscher Lehren in anderen Konfessionen, als im Versuch, den Faden zwischen dem Ursprung und der Gegenwart nicht reißen zu lassen. Die Bekenntnisse wurden jetzt als Sicherung eines Grundbestandes theologisch-geistlicher Themen angesehen, auf die hin die Ursprungsgeschichten auszulegen sind. Der Kieler Pastor und spätere Propst Claus Harms schreibt in seinen „95 Thesen“ von 1817, Papst und Antichrist seiner Zeit seien in Hinsicht des Glaubens die Vernunft, in Hinsicht des Handelns das Gewissen (These 9). Papst und Antichrist sind also nicht Calvin und seine Abendmahlslehre, sondern Vernunft und Gewissen. Die neue Zuwendung zu den Bekenntnissen im 19. Jahrhundert hatte einen anti-modernistischen Zug. Als leise Grundierung trägt dieser Impuls Teile des lutherischen Profils bis heute.

Zweihundert Jahre Union in der Pfalz und siebzig Jahre Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands VELKD: Damit feiern zwei Gestalten von Kirche ein Jubiläum, die ihre Wurzeln in diesen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts haben. Beide angewandten Kulturformen (ohne Bekenntnis/mit Bekenntnis) reagieren mit unterschiedlichen Lösungswegen auf dasselbe Problem. Der Weg ohne Bekenntnis meint, die Identität mit dem Gehalt der Ursprungsgeschichte sei am besten durch unmittelbaren Zugriff, ohne dazwischenstehende Deutungsnormen, zu gewinnen. Der Weg mit Bekenntnis glaubt, dass die Bekenntnisse gerade die Identität mit dem Gehalt der Ursprungsgeschichte sichern, während ein unmittelbarer Zugriff sich verirren und zu geistlicher Entleerung führen kann.

Beide Wege wurden durchaus mit einigem Selbstbewusstsein vertreten. Der bayerische Landesbischof und erste Leitende Bischof der VELKD, Hans Meiser, sagte in seiner Eröffnungspredigt auf der Verfassung gebenden Generalsynode in Eisenach 1948: „Ja, wir sind überzeugt, dass sich in unserer lutherischen Kirche das, was Christus mit der Stiftung seiner Kirche auf Erden gewollt hat, am reinsten ausprägt.“

Direkter Zugriff unmöglich

Beide Wege können aber auch der Selbstillusionierung verfallen, wenn sie die Grenzen der eigenen Kulturform nicht sehen. Mit der Abschaffung der Bekenntnisse ist man die Frage, wie die Identität des Glaubens zu sichern sei, nicht los. Es ist hermeneutisch gar nicht möglich, auf einen 2?000 Jahre alten Text „direkt“ zuzugreifen. Auch wer dafür keine Bekenntnisse als Schlüssel gebraucht, trifft - und sei es unbewusst - hermeneutische Entscheidungen, welche Texte besonderes Gewicht haben und wie sie auf die Gegenwart auszulegen sind. Umgekehrt ist man mit dem Gebrauch von Bekenntnissen die Frage nicht los, wie denn die Bekenntnisse hermeneutisch zu lesen und anzuwenden sind. Auch hier werden - und sei es unbewusst - Gewichtungen vorgenommen und Deutungen verschoben. Ein prominentes Beispiel ist die Rede vom Führen „rechter Kriege“ in Artikel 14 des Augsburgischen Bekenntnisses; eine Redewendung, die in den vergangenen Jahren angesichts neuer Waffensysteme einer deutlichen Kritik unterzogen wurde.

Der bloße Verweis auf „das“ Bekenntnis sagt also wenig. Deshalb forderte Eberhard Jüngel mit Recht, dass Bekenntnisbindung immer mit der Freiheit zur Bekenntnisbildung verbunden sein müsse.

Weitere Annäherung

Wo stehen wir - und wie kann es im Verhältnis der protestantischen Konfessionen im Raum der EKD weitergehen? Zunächst: Viel Eigensinn und Selbstüberschätzung konnten in den vergangenen Jahrzehnten überwunden werden. „Vielfalt ist Reichtum, nicht Störung“ - dieser Satz des Leitenden Bischofs der VELKD, Gerhard Ulrich, dürfte heute eine gemeinsame Überzeugung ausdrücken. Der systemtheoretische Blick lehrt zudem, dass eine weitere Annäherung weder über ein (neues) gemeinsames Bekenntnis aller Protestanten in Deutschland gelingen kann - vorgeschlagen wurden das Augsburgische Bekenntnis und die Leuenberger Konkordie. Denn - alle inhaltlichen Fragen außen vor gelassen - würde dieser Weg unweigerlich zu neuerlicher Spaltung führen.

Ebenso wenig kann eine weitere Annäherung über den Fortfall der Bekenntnisse erreicht werden; denn auch dies ist ein Standpunkt, dem man zustimmen und den man ablehnen kann und der zu neuerlicher Spaltung führen würde.

Der Weg kann also nur über die Anerkennung der Vielfalt als Reichtum, über Respekt und Akzeptanz, Verstehen und Wertschätzen und das Aushalten von Verschiedenheit gehen. Man kann vom eigenen Weg überzeugt sein, kann in ihm Halt und Heimat finden, aber es ist gegenseitige Akzeptanz zu fordern. Nur so kann die dritte Dimension, das aktuelle Bekennen, in der Gegenwart zur Geltung kommen. Denn darum muss es zuvörderst gehen: in der Gesellschaft unserer Zeit gemeinsam Zeugnis des Evangeliums in Wort und Tat abzulegen, Werte am Maß des Menschlichen zu bemessen und Gottes Liebe an alle Menschen auszurichten.

Von kirchlichen Strukturen ist eben und nur dies zu fordern, dass sie die Wertschätzung der Vielfalt ermöglichen und das gemeinsame Zeugnis in Wort und Tat.

Horst Gorski

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