Klasse trotz Anzug

Josh T. Pearsons neue Regeln
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"The Straight Hits!" sind eine Wucht aus ruppigem Indie-Rock, Country-Doo-Wop, experimenteller Introspektion und ergreifenden Neofolk-Balladen.

Die Welt verdampft zu Oberfläche, üppig anzusehen, aber eben platt. Facebook & Co. sei Dank nimmt die lange Vorherrschaft des Visuellen nun die Hürde zur Erblindung. Sie verdeckt durch schiere Überfülle das Wesentliche. In der Musik tut die Clipkultur das ihre dazu, nur selten kommen Songs noch ohne Video aus. Das Authentische, aus sich heraus Echte hinkt an Visualisierungskrücken, wenn auch unterhaltsam. Und in der Imageproduktion setzt sich derlei Schieflage fort. Dem Befund mag man vorderhand auch das Album "The Straight Hits!" von Josh T. Pearson zuschlagen. Denn der Sänger aus Texas war ja zuvor als versierter Schmerzensmann bekannt, dessen Bärtigkeit an die Bilder von Holger Meins im Hungerstreik gemahnte.

Wenn nun ausgerechnet Pearson rasiert mit weißem Stetson, hellem Anzug, markantem Gürtel, Sonnenbrille und stylishem Clark-Gable-Bart daherkommt, kann das eigentlich kein Popstar-Gehabe-Kalkül, sondern nur ein schräger Witz sein. Doch der ist überaus gelungen und trifft ins Schwarze. Aber der Reihe nach: Pearson kündigte einen Ausbruch an und gab sich für diese zehn Songs Regeln, darunter extrem kurze Aufnahmezeit, wenig Text, jeweils eine überleitende Bridge, straight (geradeheraus) in jedem Titel und die Freiheit, von diesen Regeln gegebenenfalls abzuweichen.

Launisches Augenzwinkern, Selbstaufgabe, chartsgängiges Neuerfinden, sarkastische Geste, Dekonstruktion? Von wegen! "The Straight Hits!" sind eine Wucht aus ruppigem Indie-Rock, Country-Doo-Wop, experimenteller Introspektion und ergreifenden Neofolk-Balladen. In allen Songs glänzt Pearsons starke Stimme, ob er nun im Talkmodus den Erzähleinstieg macht, im Chorus schwelgt oder wie Nick Cave eine Dringlichkeitsballade zelebriert, deren krachiges Gitarrencrescendo nie von der Stelle kommt und so die gehörige Verzweiflung verleiht. Das Album beginnt rumpelnd rock’n’rollig à la Tav Falco und greift aus bis ins symphonisch große Besteck mit Drummachine, Hall und Trompete am Ende, was Tränen garantiert. Natürlich geht es dort um Liebe. Doch auch mit Danny & Dusty-Klamauk grölt Pearson mal herum. Ein Geschoss, das die Oberflächendiktatur pulverisiert und Wunden zeigt, mit denen man sich wieder lebendig fühlt. Programmatische Camouflage wird hier zur Echtheitsfolie. Geht doch. Da ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass Josh T. Pearson Predigersohn ist. Der Glaube kommt frei nach Paulus eben doch aus dem Hören, und man kann einiges daraus machen. Nur der Bart muss manchmal einfach ab. Und selbstredend gibt es zu den Songs auch Videos.

Udo Feist

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