Wir müssen nach-denken

Evangelische Kirche und Theologie und der Kasus Ehe

Seit gut einem Jahr hat in Deutschland die sogenannte „Ehe für alle“ Gesetzeskraft. Seit 1. September vergangenen Jahres dürfen endlich auch zwei Menschen gleichen Geschlechts heiraten, mit allen Rechten und Pflichten. Die römisch-katholische Kirche, in der die Ehe ein Sakrament ist, lehnt dies bis heute strikt ab. Was aber hat die staatliche Öffnung der Ehe mit der evangelischen Kirche gemacht? Bereits zwei Tage vor der denkwürdigen Abstimmung im Bundestag am 30. Juni 2017 hatte sich der Rat der EKD mit einer Erklärung zu Wort gemeldet, in der es unter anderem hieß: „Dass auch für gleichgeschlechtlich liebende Menschen (…) der rechtliche Raum vollständig geöffnet wird, in dem Vertrauen, Verlässlichkeit und Verantwortung durch gesetzliche Regelungen geschützt und unterstützt werden, begrüßt die EKD. Die Bedeutung der Ehe zwischen Mann und Frau wird dadurch keineswegs geschmälert. Im Gegenteil - sie wird noch einmal unterstrichen.“

Während sich einige über diese vorauseilende Begrüßung durch den Rat möglicherweise immer noch ärgern, fragen sich die anderen: Was hat diese Positionierung des Rates bis heute gebracht? Nur in wenigen Landeskirchen ist der Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung, so called „Kirchliche Trauung“, auch für gleichgeschlechtliche Paare möglich. Allerdings sind in fast allen Landeskirchen synodale und auch liturgische Prozesse im Gange, um da aufzuholen. Dass in der württembergischen Landeskirche im vergangenen Herbst noch nicht mal eine öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare die notwendige Zweidrittelmehrheit erreichte, zeigt, dass es weiterhin Widerstand gibt. Während man zum Beispiel im Vikariat vor über zwanzig Jahren eingeschärft bekam, das Wichtigste an einer kirchlichen Trauung sei, dass die Eheleute dem Pfarrer vorher die staatliche Heiratsurkunde zeigen, wurde auf der Württemberger Synode argumentiert: „Es gilt Bibel, nicht Bundestag.“ Man darf auf die nächste Runde gespannt sein …

Davon unabhängig auch offenbart sich immer mehr, dass die evangelische Kirche in Sachen einer konsistenten Ehetheologie ziemlich blank ist. Schon 2013 in der Diskussion um das berühmt-berüchtigte Familienpapier bekannte der Vorsitzende der EKD-Kammer für Theologie, der Berliner Kirchengeschichtler Christoph Markschies: „Das Problem besteht (…) darin, dass die theologische Bedeutung der Ehe zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechts mindestens in der allgemeinen Debatte unserer Kirche, vielleicht aber auch in der fachwissenschaftlichen evangelischen Ethik mehr vorausgesetzt und behauptet, denn wirklich präzise begründet wird.“ Seine Kammer bekam übrigens damals den Auftrag, diese Präzisionen zu erarbeiten. Bisher hat man von Ergebnissen nichts gehört.

Insofern ist es löblich, dass der Hannoveraner Landesbischof Ralf Meister samt seines Bischofsrats und des Kirchenamtes der EKD jüngst die Initiative ergriffen und auf einer Tagung in Loccum mit hochrangigen evangelischen Systematischen Theologen zumindest das Problem klar erkannt und erste Erörterungen vollzogen hat. Insofern besteht die Hoffnung, dass auch in der evangelischen Dogmatik in Sachen Ehetheologie endlich in absehbarer Zeit mal etwas Konkretes ans Licht kommt. Die Zeit fürs Nach-Denken ist überreif…

Reinhard Mawick

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