Orientierung nötig

Über den Sonntagsgottesdienst
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Wird der Gottesdienst eine Sache elitärer Connaisseurs?

Der Gottesdienst gilt als Zentrum des evangelischen kirchlichen Lebens. Ihm und einem seiner ausgewiesenen Kenner ist diese Festschrift gewidmet: dem Erlanger Praktischen Theologen Martin Nicol. Er feierte in diesem Jahr seinen 65. Geburtstag und wirbt unermüdlich für die liturgisch sorgfältige Aufmerksamkeit auf den Gottesdienst.

Das Ziel des Sammelbandes zu Ehren Nicols mit seinen 39 kurzen Beiträgen ist „eine aktuelle Einführung“ in die Normalform des Sonntagsgottesdienstes in den lutherischen Kirchen „auf dem Hintergrund liturgiewissenschaftlicher Erkenntnisse und persönlicher Erfahrungen“. Auch römisch-katholische und evangelisch-reformierte Perspektiven kommen zum Zuge.

Die Beiträge sind teils mehr am gottesdienstlichen Handeln orientiert - Singen, Predigt, Gebete, Segen -, teils mehr an ihrer grundsätzlichen Bedeutung, etwa wenn das Läuten am Beginn eines Gottesdienstes Gedanken zur „Läutkultur“ im Allgemeinen hervorruft. Der Wechsel zwischen konkreten und prinzipiellen Überlegungen regt an: Wie verhalten sich zum Beispiel gottesdienstliche Lesungen zur Kultur des Vorlesens und Zuhörens?

Auch Kontexte werden bedacht: Die Sakristei als Ort der Vorbereitung oder der anschließende Kirchenkaffee, das Kirchengebäude und liturgische Kleidung. Zusätzlich hätten zum Beispiel Vorbereitungszeiten des Gottesdienstes oder der meist unverzichtbare Mesner in den Blick kommen können. Auch die nur am Rand berührte Frage nach dem so genannten „Gottesdienst im Alltag“, einer christlich verantworteten Lebensführung, wäre angesichts aktueller Debatten um die gesellschaftliche Bedeutung des Christentums eine gute Ergänzung gewesen.

Gibt es einen Grundton der Beiträge? Der Untertitel verspricht einen „Gang durch die Liturgie“, und es sind vor allem Experten, die ihn beschreiten: Theologinnen und Pfarrer, für die der Gottesdienst Beruf ist. Wo und wie kommen Perspektiven der Nicht-Experten vor? Gehört zum Sonntagsgottesdienst nicht auch, dass Konfirmanden ihn langweilig finden und ihm selbst die Mehrzahl der Kirchenmitglieder fern bleibt?

Mit Einsichten zu Geschichte und Gestaltung wird man reich versehen. Von Ausnahmen abgesehen, fehlen jedoch empirische Zugänge zur gottesdienstlichen Realität. Passt das zur Liebhaberperspektive eines Insidertums, das inmitten gesellschaftlicher Verunsicherungen an Rückzugsorten interessiert ist? Man bedauert, es bilde „in der gegenwärtigen Gottesdienstkultur eher die Ausnahme“, dass „ein in seiner ganzen Tiefe und Bedeutungsschwere erklingender Lobgesang des Lammes seine Ausstrahlung entfalten darf“ oder dass es das Kollektengebet „nicht leicht“ habe, weil außerhalb des „überschaubaren Kreises der Liturgieprofis (.) kaum jemand“ wisse, „was sich hinter diesem Begriff verbirgt“.

Auch die Pfarrerinnen stehen bisweilen ratlos vor dem Phänomen, zu dessen Pflege sie da sind: Der vom Jubilar beschriebene „Weg im Geheimnis“ (Göttingen 2009, u. ö.) scheint selbst ihnen geheimnisvoll und schwer gangbar zu sein. Die Gewissheit, dass alles „schön und gut, beeindruckend sogar, theologisch tiefsinnig“ ist, reiche angesichts der „Ungeübten“ oder „Fernstehenden“ nicht aus. Der „Traditionsbezug“ der Liturgie werde „längst nicht von allen als sehr lebendig empfunden“ und: „Der notwendige Aspekt der Fremdheit von Liturgie kann auch zu einer Barriere werden.“

Die Frage, ob der Gottesdienst eine Sache elitärer Connaisseurs wird, kann dieser Band nicht beantworten. Doch wenn schon die Experten auf ihrem Weg im Geheimnis unsicher werden, dann ist es eine lohnende Aufgabe der Liturgik, sich verstärkt um Orientierung zu bemühen.

Johannes Greifenstein

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