„Radikal neu über Gott gedacht“

Ein Gespräch mit dem Generalsekretär des Reformierten Bundes, Achim Detmers, über das anstehende Karl-Barth-Jahr 2019
Foto: Sina Niemeyer
Foto: Sina Niemeyer
Der Theologe Karl Barth (1886-1968) gilt vielen als der „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“. Sein theologischer Ansatz, mit dem er vor hundert Jahren auf die Katastrophe des Ersten Weltkrieges reagiert hat, ist spektakulär und wird bis heute immer wieder diskutiert. 2019 findet ein Karl-Barth-Jahr statt. Das Motto ist einprägsam, es lautet: Gott trifft Mensch.

zeitzeichen: Wieso veranstalten die evangelischen Kirchen in Deutschland und in der Schweiz 2019 ein Karl-Barth-Jahr? Gibt es ein Jubiläum?

ACHIM DETEMERS: Eigentlich sogar zwei. Das eine Jubiläum betrifft den 50. Todestag Barths am 10. Dezember dieses Jahres. Und im nächsten Jahr ist es das 100-jährige Erscheinen seines berühmten Römerbriefkommentars von 1919, mit dem Barths internationale Karriere begann.

Können Sie für Nicht-Barth-Experten zusammenfassen, was die wichtigsten Züge der Barth’schen Theologie sind?

ACHIM DETEMERS: Ausgangspunkt ist für Barth, dass er in der Krise des Ersten Weltkrieges radikal neu über Gott nachdenkt: Ist der im Krieg vereinnahmte Gott eigentlich der biblische Gott oder nicht vielmehr ein selbstgemachter Götze? Mit seiner „Wort-Gottes-Theologie“ tritt Barth der Kirche und Theologie seiner Zeit sehr kritisch gegenüber. Er entwickelt eine Theologie, die sich in den Zeiten der Wirtschaftskrise und des Faschismus bewährt. Interessant ist dann aber auch die Weiterentwicklung seines Denkens. In späteren Jahren betont Barth nicht mehr vordringlich den Gegensatz von Gott und Welt. Jetzt wird die Person Jesu Christi und der Bund mit Israel zum Inbegriff der gnädigen Beziehung Gottes zum Menschen. Darin sieht Barth die Freiheit Gottes für den Menschen und des Menschen Freiheit vor Gott garantiert. Nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges ist zudem das Stichwort „Versöhnung“ für Karl Barth sehr wichtig. Und, dass er in dieser Zeit eine Versöhnungslehre und Ethik schreibt, ist wirklich bemerkenswert und bis heute mit großem Gewinn zu lesen.

Die geschichtliche Bedeutung Karl Barths als maßgeblicher Autor der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 ist unstrittig, aber kann man nicht, gerade mit Blick auf die momentane Ausrichtung der akademischen Theologie, sagen, dass - salopp gesprochen - Karl Barths Ansatz heute „out“ ist?

ACHIM DETEMERS: Bei uns Reformierten war Barth nie „out“. Und international gesehen ist das Interesse an seiner Theologie bis heute ungebrochen. Weltweit erscheinen im Schnitt doppelt so viele Bücher zu Barth wie zum Beispiel zu Dietrich Bonhoeffer. Auch international ist Barth ein großes Thema, zum Beispiel in den usa, schon immer in den Niederlanden, aber auch in Asien, das heißt in Südkorea und Indonesien.

Was ist das heute bleibend Faszinierende an Barth?

ACHIM DETEMERS: Barth ist ein Theologe der Krise, kein Vertreter einer Wohlstandstheologie. Und ich vermute, dass eine so krisenerprobte Theologie wie die Barths für Menschen, die selber eine Krise durchmachen, hilfreich ist - auch für uns in Deutschland, wo viele immer noch denken, dass es uns gut geht in Kirche und Gesellschaft.

Gab es in den vergangenen Jahren wichtige Neuigkeiten in der Karl-Barth-Forschung oder ist über den „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“ schon alles gesagt?

ACHIM DETEMERS: In den Jahrzehnten nach Barths Tod stand die Beschäftigung mit seinem Hauptwerk, der 13-bändigen „Kirchlichen Dogmatik“, im Vordergrund. Seitdem sind aber in der Barth-Gesamtausgabe über 50 weitere Bände erschienen, in denen besonders die biografisch verwobenen Aspekte seiner Theologie sichtbar werden. Wichtig ist da zum Beispiel der 45. Band, der den Briefwechsel von Charlotte von Kirschbaum mit Karl Barth bis 1935 enthält. Nicht nur, weil die beiden ein Liebesverhältnis hatten, sondern es wird auch sehr deutlich, wie wichtig Charlotte von Kirschbaum für die Bekennende Kirche und den kirchlichen Widerstand war. Auch die „Kirchliche Dogmatik“ hat sie maßgeblich mitgeprägt.

Der Nürnberger Theologieprofessor Ralf Frisch hat jetzt ein Buch veröffentlicht unter dem Titel „Alles gut - Warum Karl Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat“. Sind Sie auch dieser Meinung?

ACHIM DETEMERS: Diese These hat Eberhard Jüngel schon 1968 bei der Trauerfeier im Baseler Münster vertreten: dass es mehrere Generationen braucht, um Barths Denken angemessen zu erfassen. Mir selbst steht Barths Reflexion über das Böse vor Augen beziehungsweise über das „Nichtige“, wie er es nennt. Barth hat sich da theologisch in Bereiche vorgewagt, die seiner Erfahrung mit Krieg und Faschismus entspringen und die er mit seinem Nachdenken über Gott zusammenbringt. Das in einer Zeit zu lesen, in der Mechanismen des Bösen wieder verstärkt greifen, ist überaus lohnenswert.

Was erwartet uns an Programm im Karl-Barth-Jahr 2019?

ACHIM DETEMERS: Es gibt an den Wirkungsstätten Barths, also in Göttingen, Münster, Bonn und Basel, Veranstaltungen und Vorträge. In Basel wird ab dem 10. Dezember 2018 eine große Karl-Barth-Ausstellung gezeigt. Zudem ist eine Wanderausstellung in Vorbereitung, die zusammen mit einem Dokumentarfilm von Kirchengemeinden ausgeliehen werden kann. Und im Mai 2019 gibt es ein großes Karl-Barth-Symposium in Emden. Außerdem erscheint Ende des Jahres 2018 ein Themenheft des Reformierten Bundes, das abwechslungsreich über die Person Barths, sein Denken und seine Wirkungsgeschichte informiert.

Die Fragen stellte Reinhard Mawick.

Informationen

Interview: Reinhard Mawick

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