Was wollt Ihr von uns?

Ein Neuankömmling aus Syrien stellt Fragen an die Deutschen
Karnevalsunterricht für Flüchtlinge in Köln. Foto: dpa/ Oliver Berg
Karnevalsunterricht für Flüchtlinge in Köln. Foto: dpa/ Oliver Berg
Khalid al Aboud ist Journalist, der vor einigen Jahren von Syrien nach Deutschland floh. Er arbeitet bei der Newsplattform Amal Berlin, zahlt Steuern und achtet die deutschen Gesetze und die Verfassung. Aber ist er deshalb integriert? Die Antwort auf diese Frage ist komplex.

Es gehört zu meinen Gewohnheiten, mit mir selbst zu reden, wenn ich die Straße entlang gehe - jedoch nur mit leiser Stimme. Doch diese Fragen, deren Beantwortung weitaus mehr als nur einen Artikel benötigten, entsprangen mir mit lauter Stimme. Daher drehte ich mich um, um zu sehen, ob mich jemand gehört hat - damit keiner von mir sagt, ich sei verrückt und spreche mit mir selbst.

Warum hat Deutschland Flüchtlinge aufgenommen? Was wollen die Deutschen von den Flüchtlingen? Um Antworten zu finden, studierte ich gründlich die deutsche Presse, verfolgte alles, was über die Frage veröffentlicht wurde, warum Deutschland weitaus mehr Flüchtlinge aufgenommen hat, als jedes andere europäische Land. In dieser Zeit dachten viele, auch die Neuankömmlinge, über die deutsche Gastfreundschaft und die Gründe der Aufnahme nach. Ich entdeckte, dass die meisten Berichte von der Stärkung der Gesellschaft mit Hilfe dieser Flüchtlinge handelten. In anderen Berichten ging es um das Bevölkerungswachstum, das Altern der deutschen Gesellschaft und dass die Flüchtlinge, vor allem die Jugendlichen unter ihnen, dazu beitragen werden, junges Blut in die deutsche Gesellschaft zu pumpen. Auch die wirtschaftlichen Herausforderungen, die Deutschland angesichts der jüngsten Entwicklungen noch bevorstehen, wurden angesprochen, wie auch der Arbeitskräftemangel und die steigende Zahl von Rentnern und Rentnerinnen. Weitere Berichte, darunter auch einer von AlJazeera International, sprachen über die Geschichte und die Gründe für den Exodus aus Deutschland während des Zweiten Weltkriegs.

Bedingung fürs Bleiben

Doch letztendlich kommt die entscheidende Antwort von dem ehemaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), als er Anfang September 2016 auf einer Konferenz über Demografie sagte: „Dass Deutschland Flüchtlinge aufgenommen hat, hängt mit dem internationalen Recht und dem Recht auf humanitäres Asyl zusammen“. Er warnte davor, die Flüchtlinge als Lösung für die demografischen Herausforderungen zu sehen, mit denen Deutschland konfrontiert ist.

Die Diskussionen über die Rückführung der Flüchtlinge in ihre Heimat und über die Frage, ob afghanische Flüchtlinge tatsächlich zurückgeführt werden, ließen mich darüber nachdenken, ob es sein könnte, dass Deutschland auch mich zurück nach Syrien schickt. Warum wurde dann überhaupt dieses viele Geld ausgegeben, um uns aufzunehmen? Und warum wurde dann tagtäglich in den deutschen Medien über Integration gesprochen? Ist es denkbar, dass keiner der 300 afghanischen Flüchtlinge, die seit 2016 abgeschoben wurden, die Bedingungen der Integration erfüllt hat? Bin ich ausreichend integriert, um in Deutschland bleiben zu können?

Hier wurde mir bewusst, dass die Integration eine Bedingung für mein Bleiben ist. Doch warum wurden dann die afghanischen Flüchtlinge abgeschoben? Auf all diese Fragen fand ich keine klare Antwort.

Letztendlich bleibt nur eine einzige Frage, die mich täglich begleitet: „Bin ich integriert?“ Ich arbeite, zahle Steuern. Ich habe das Gesetz nicht verletzt und nicht gegen die deutsche Verfassung verstoßen. Bin ich also integriert? Die Verschwommenheit dieses Begriffs macht das Ziel, das er beschreibt, ziemlich undeutlich. Deswegen bin ich auch auf keine Antwort gestoßen.

Daher stellte ich mir eine andere Frage: „Bin ich imstande, die Anforderungen der deutschen Gesellschaft zu erfüllen?“ Ich fand mich in einer breiter gefächerten Frage wieder: „Was will die deutsche Gesellschaft von mir?“ Die Antwort auf diese Frage scheint sehr kompliziert zu sein, da ich vor einer Gesellschaft mit verschiedenen Anforderungen stehe. Ich bin der Meinung, dass von mir erwartet wird, dass ich die Verfassung respektiere, auf die Werte der deutschen Gesellschaft achte und die Freiheit der Anderen respektiere, sei es ihre Religion oder andere Praktiken, die mir nicht schaden.

Aber was ist mit meiner Kultur, mit meinen Werten? Als ich nach Deutschland kam, war ich 30 Jahre alt, ich hatte meine eigene Kultur, meine eigenen Werte und Traditionen, die ich gelebt habe - und das 30 Jahre lang. Diese Werte und Traditionen sind nicht nur Tinte auf Papier, sie haben ihre Wurzeln in der arabischen Gesellschaft. Daher kann man sie nicht ändern, außer man entwurzelt sie. Aber wollen die Deutschen mich denn entwurzeln? Warum prahlen sie mit der Vielfalt der Gesellschaft, wenn sie nur eine einfältige Gesellschaft haben wollen? Warum muss ich mehr als einmal darüber nachdenken, wie ich in einer Berliner Bar bei dem Kellner einen schwarzen Tee bestelle, weil ich keinen Alkohol trinke? Und warum muss ich darüber nachdenken, wie ich bei einer Einladung zum Essen dem Gastgeber oder dem deutschen Freund sage, dass ich kein Schweinefleisch esse? Wie mache ich das, ohne dadurch die Beziehungen zu gefährden? Und bin ich dann trotzdem integriert? Hier tauchte plötzlich eine andere Frage auf: „Was möchte ich eigentlich von der deutschen Gesellschaft?“. Was mich angeht, möchte ich nichts anderes, als nach dem Gesetz, nach der deutschen Verfassung und den gesellschaftlichen Werten behandelt zu werden. Gleichzeitig verlange ich Respekt gegenüber meinen Werten, meinen Traditionen und meiner Religion. Ich bin schließlich nicht nur eine Zahl, ich habe eine Geschichte - das Pergamon Museum in Berlin bezeugt das.

Boden für Extremismus

Ich stellte die Frage erneut auf meiner persönlichen Facebook-Seite, um die Ansichten meiner Freunde und der Neuankömmlinge über dieses Thema zu erfahren. Tatsächlich erhielt ich viele Antworten, die ich hier auflisten möchte:

Die meisten Neuankömmlinge kamen nach Deutschland, weil sie auf der Suche nach einem würdevollen und sicheren Leben sind. Dieses Leben fehlt ihnen in ihren Herkunftsländern, da dort totalitäre und korrupte Systeme herrschen, die alle Aspekte des Lebens kontrollieren - sogar die sozialen Aspekte. Natürlich gibt es Ausnahmen: So gibt es Flüchtlinge, die keine politischen Probleme mit den herrschenden Regimes haben, sondern Träume, die sie erfüllen möchten - wissenschaftliche und auch wirtschaftliche.

Die Ansichten der Neuankömmlinge über das, was Deutschland und das deutsche Volk von ihnen verlangen, unterscheiden sich jedoch. Ich sah eine Reportage auf BBC über die umgekehrte Migration, die Migration also von Deutschland nach Syrien oder dem Nahen Osten. Einer der syrischen Protagonisten sagte, dass Deutschland möchte, dass sie ihre Religion vergessen und ihre Ethik aufgeben. Mit seiner Meinung über die deutsche Gesellschaft steht er nicht alleine. Meiner Meinung nach ist diese Ansicht jedoch falsch. Er mag seine Gründe für seine Meinung haben, doch die Realität und die deutsche Verfassung garantieren das Recht auf religiösen Glauben. Ich spreche hier von der Verfassung und nicht von einigen Gesetzen, die Kontroversen ausgelöst haben, wie das Niqabverbot oder das Verbot von verschleierten Lehrerinnen an Schulen, da es umstrittene Gesetze sind, über die noch immer diskutiert wird.

Ich spreche nicht von einigen politisch Rechten, die unfaire Einstellungen gegenüber anderen haben - egal ob Muslim oder Nicht-Muslim. Es ist jedoch seltsam, dass diese Menschen, wie die aus dem BBC-Bericht, offenbar keine Unterstützung von den Mitarbeitern der Organisationen erhalten haben, die sich um Flüchtlinge kümmern und bei der Integrationsarbeit helfen. Das führte dazu, dass sie für extremistische Ideologien anfällig waren. Ideologien, die bei diesen Menschen einen fruchtbaren Boden finden.

Andere Neuankömmlinge sehen einen Schleier, der den Begriff Integration umgibt. Das ist auch der Grund, warum sie keine Vorstellung von den praktischen Schritten haben, die sie für die erforderliche Integration gehen müssen. Dies hindert sie daran, in die richtige Richtung zu gehen. Schuld an diesen Fehlern, wenn sie denn so genannt werden können, tragen der deutsche Gesetzgeber, die Organisationen, die sich um die Neuankömmlinge kümmern, und auch die Neuankömmlinge selbst, die die Schlüssel für alle verschlossenen Türen haben müssen - das wären die Sprache und auch die Forschung. Außerdem sollten sie sich nicht auf Andere verlassen, wenn es Dinge zu klären gibt. Das bedeutet, dass es notwendig ist, alle Missstände, die mit dem Integrationsgesetz in Verbindung stehen, zu beseitigen. Zudem sollte das Gesetz klar und verständlich formuliert sein, so dass es jedem, der neu ankommt, zur Verfügung steht.

Andere meinen, dass Deutschland nur möchte, dass die Flüchtlinge arbeiten, damit sie Steuern zahlen, ohne zu sehen, welche Vorteile ihnen die Arbeit bringt - auch für ihre rechtliche Stellung in diesem Land. Denn Sozialhilfe oder Schwarzarbeit schwächen ihre Position. Doch leider gibt es viele ausländische Unternehmen und Restaurants, die Schwarzarbeit vereinfachen. Gerechtfertigt wird dies durch die hohen Steuern, die von ihrem Gehalt nur so viel übrig lassen wie der Betrag, den sie als humanitäre Hilfe erhalten.

Medien wichtig

Um nicht nur negative Aspekte aufzuzählen, wie es die Medien oft tun, wenn sie sich auf das Negative der Neuankömmlinge konzentrieren und nur wenige positive Geschichten erzählen, muss auch erwähnt werden, dass es viele Neuankömmlinge gibt, die sehen, dass Deutschland lediglich verlangt, die Verfassung und die Gesetze des Landes zu respektieren. Es möchte, dass sie die, die anders sind, die andere Religionen und Traditionen haben, akzeptieren und dass sie die Freiheit der Anderen respektieren. Außerdem sollen die vorhandene Kultur der Gesellschaft und die Lektionen, die das deutsche Volk nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt hat, und die Verpflichtungen, die sich daraus ergeben, respektiert werden. Halten sie sich daran, erspart ihnen das viele Vorurteile und Stereotypen, die zum größten Teil falsch sind.

Ein großer Teil der Deutschen versucht, die Neuankömlinge wirklich in die Gesellschaft mit einzubeziehen, sowohl auf individueller als auch auf institutioneller Ebene. Sie versuchen, ihnen die Denkweise der neuen Gesellschaft näher zu bringen. Im Gegenzug gibt es aber auch die Rechten, die die Anderen nicht akzeptieren - egal ob sie Muslime oder Juden sind. Sie wollen von den Neuankömmlingen nur, dass sie zurück in ihre Herkunftsländer gehen und ihnen ihre Ressourcen lassen. Sie sind der Meinung, dass Ausländer, wie sie sie gerne bezeichnen, keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben - sind das doch ihre Steuern, die sie dem Staat zahlen. Neben dieser Kategorie der deutschen Gesellschaft gibt es noch eine weitere Kategorie, und zwar die, die zwischen diesen und jenen steht. Und die lässt sich leicht durch die Berichte der deutschen Medien beeinflussen - sie traut ihnen. Genau deswegen spielen die Medien eine große Rolle, sie prägen durch ihre Berichterstattung und die Nachrichten das Bild dieser Menschen über die Neuankömmlinge.

Wie ich anfangs schon gesagt habe: Die Antwort auf diese Frage ist sehr komplex, sie unterscheidet sich von Mensch zu Mensch, von einer Kategorie zur anderen. Doch was wäre, wenn wir die Frage umgekehrt stellen würden: Was wollen die Flüchtlinge von Deutschland? Vielleicht erhalten wir dann Antworten, die den Integrationsprozess der Neuankömmlinge in die deutsche Gesellschaft beschleunigt. Sie würden sich beteiligen, jeder nach seinen eigenen Fähigkeiten, nach seinem Potenzial. Es gäbe die Möglichkeit, die Fähigkeiten der Neuankömmlinge zu entwickeln. Möglich wären Berufsausbildungen, Eintritt in Universitäten, Fortsetzung von Studien. Das alles hinge hauptsächlich vom Willen der Neuankömmlinge ab und von den Mitteln, die der deutsche Staat ihnen zur Verfügung stellt, damit die Gesellschaft letztendlich ein Hindernis für die rechstextremistischen Wellen in all ihren Arten und Formen ist.

Übersetzung: Karin El Minawi

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Khalid al Aboud

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