Verständigung ist Chefsache

Corinna Lee möchte Potenziale guter Kommunikation in der Diakonie entfalten
Foto: Stephan Schütze
Foto: Stephan Schütze
Wie kann gelingende Kommunikation strukturiert werden? Was heißt strategische Kommunikation? Wie kann eine werteorientierte Kommunikation in der Diakonie aussehen? Diesen Fragen geht die Gelsenkirchener Theologin Corinna Lee (50) in ihrer Doktorarbeit auf den Grund.

Mein Fachgebiet ist die Kommunikation. Kommunikation ist so schillernd, so selbstverständlich, dass es schwierig ist, sie zu professionalisieren. Das darin steckende Potenzial wird erst langsam erkannt.

Im Diakoniewerk Gelsenkirchen und Wattenscheid e.V. leite ich die Stabsstelle Diakoniemanagement und Kommunikation, also die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Derzeit qualifiziere ich mich mit meiner Promotion weiter, indem ich Arbeits- und Kommunikationsprozesse in der Diakonie analysiere und das Potenzial für diakonische Unternehmen auswerte. Auf Führungsstrukturen und -kompetenzen in Kirche und Diakonie hinzuweisen, ist ein hochsensibles Thema. Bis heute kommen dort Menschen in Führungspositionen, ohne eine besondere Ausbildung dafür zu haben, weil geglaubt wird, dass Gott mit dem Amt auch die entsprechenden Gaben dafür gibt.

Wenn es also darum geht, die Kommunikationskompetenzen von Führungskräften in diakonischen Unternehmen zu professionalisieren, müssen wir Kommunikation als Managementaufgabe betrachten.

Eines habe ich in meiner langjährigen Tätigkeit in verschiedenen kirchlichen und diakonischen Stellen gelernt: Diakonie funktioniert nur, wenn Ökonom und Theologe gemeinsam agieren. Aufgrund der unterschiedlichen Persönlichkeiten und Denkstrukturen kommt es aber oft zu Reibungsverlusten. Das Paradebeispiel: Wenn die Theologin und die Ökonomin über Werte sprechen, hat die eine, aufgrund ihrer Profession, gleich materielle Werte vor Augen, wie Immobilien und Finanzen, die andere hingegen immaterielle Werte, also ethische und spirituelle. Beide benutzen in der Kommunikation dasselbe Wort, aber sie müssen sich darüber verständigen, wie man es füllt, so dass man nicht aneinander vorbeiredet. Die Doppelspitze mit den zwei Professionen birgt viel Wissenspotenzial, aber es benötigt auch einen unglaublich hohen Kommunikationsaufwand, um dieses Potenzial zu identifizieren und zu bergen.

Das ist längst nicht alles. Führungskräfte in diakonischen Unternehmen arbeiten mit unterschiedlichen Professionen zusammen: Sozialpädagogen und -arbeiterinnen, Mediziner, Pflege- und Verwaltungspersonal. Sie alle haben zu Recht einen unterschiedlichen Blickwinkel auf ihre Arbeit. In der Zusammenarbeit in einem Krankenhaus wird deutlich, wie multirational es aufgestellt ist. Das heißt, dass sich jede Berufsgruppe bei ihrem Handeln an unterschiedlichen Entscheidungspraktiken und Erfolgsvorstellungen orientiert. Dabei haben grundsätzlich alle das gleiche Ziel: das Wohl der Patienten. Je vielfältiger die Entscheidungsgrundlagen sind, umso mehr Kommunikationsaufwand wird benötigt, um zu erklären, wie die Herangehensweise der einzelnen Professionen ist und wie sie ihr jeweiliges Ziel erreichen wollen. Das erfordert von allen die Bereitschaft zuzuhören, um zu verstehen. Und nur, wenn man sich gegenseitig respektiert und die Notwendigkeit der fachlichen Kompetenz wahrnimmt, ist man dazu auch bereit.

2013 absolvierte ich eine berufsbegleitende Fortbildung im Diakoniemanagement am Institut für Diakoniewissenschaft und Dia-koniemanagement der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel (KiHo). Das Thema meiner Masterarbeit war „Werte in der internen Kommunikation“. In der Auswertung von Interviews wurde deutlich, dass in der Unternehmenskommunikation Respekt, Wertschätzung und Leitbildorientierung zentrale Werte für Diakonie-Mitarbeitende sind.

Inzwischen promoviere ich berufsbegleitend am selben Institut, und mein Thema ist über die Jahre gleich geblieben: Die Dissertation, mit der ich zum Doktor der Diakoniewissenschaft promoviere, steht unter dem Thema „Normatives Management und Kommunikation“. Zwei interdisziplinär ausgewiesene Wissenschaftler, Professor Martin Büscher von der KiHo und Professor Alexander Brink von der Universität Bayreuth, betreuen die Arbeit.

Der Kommunikationsbegriff in der Diakonie ist umfassender als in anderen Unternehmen. In der Promotion analysiere ich ihn daher vor einem theologischen, ökonomischen und kommunikationswissenschaftlichen Hintergrund. Zum anderen bearbeite ich den Begriff hinsichtlich der speziellen Anforderungen für die Diakonie vor dem Hintergrund des multirationalen Managements. Im zweiten Teil der Arbeit stelle ich best practice-Arbeiten aus diakonischen Unternehmen vor, die heute schon strategisch und werteorientiert arbeiten, zum Beispiel um neue Mitarbeiter zu finden und nach innen zu wirken.

Wertegetriebene Organisationen werden von ihren Anspruchsgruppen sehr stark nach ihrer Glaubwürdigkeit und Authentizität bewertet, das bedeutet einen besonderen Auftrag für diakonische Unternehmen. Die christlichen Werte müssen im Unternehmen eingebettet, strukturiert und gelebt werden. Daher geht es mir darum, ein christliches, an den ursprünglichen Unternehmenswurzeln orientiertes Kommunikationsmanagement zu entwickeln, in dem die werteorientierte Kommunikation als zentrale Führungsaufgabe verstanden wird.

Durch das Diakoniemanagement- und das Promotionsstudium habe ich als studierte evangelische Theologin gelernt, in Strukturen zu denken und diese zu reflektieren. Natürlich ist es eine Herausforderung, berufsbegleitend zu promovieren. Doch das Institut für Diakoniewissenschaft der KiHo hat das berufsbegleitende Studium sehr gut konzipiert. In den ersten drei Jahren gibt es unterschiedliche Präsenzmodule, in denen die Themen Theologie, Ökonomie und Ethik bearbeitet werden - dafür habe ich Urlaub genommen. Die einzelnen Module werden mit mündlichen Prüfungen durch ein vorgezogenes Rigorosum abgeschlossen. Das habe ich im Herbst 2017 absolviert. Parallel dazu wird in Coachinggruppen gearbeitet, in denen der aktuelle Stand und Probleme der Dissertation erörtert werden. 2019 möchte ich die Promotion abgeschlossen haben. Da die Berufstätigkeit immer Vorrang hat, erlaubt mir nur eine straffe Organisation, meine Zeit, wann immer es möglich ist, in die Promotion zu stecken.

Althergebrachtes überwinden zu können und durch Neuerungen zu ersetzen, ist oftmals nicht leicht. Der Nutzen kann aber schnell deutlich werden. Wenn die Diakonie gelingende Kommunikation als grundlegende Führungsaufgabe betrachtet, kann sie sich zukünftigen Herausforderungen kompetenter stellen. Deshalb möchte ich ein werteorientiertes Kommunikationsmanagement für diakonische Leitungskräfte entwickeln.

Aufgezeichnet von Kathrin Jütte

Corinna Lee

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