Fernreise

Verhängnisvolle Begegnung
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Das urwalddichte Werk entpuppt sich als subtile Linse auf die Vorgeschichte der politischen Aktualität unserer Zeit.

Wen wundert’s, dass Stephan Thomes neuer Roman mit besonderer Spannung erwartet wurde, nachdem es bereits alle vorherigen auf die Shortlist des jeweiligen Buchpreises geschafft haben? Die Verblüffung ist zunächst gewaltig: nach Büchern, die ganz im Hier und Jetzt angesiedelt sind, nimmt Thome im Gott der Barbaren auf vollen 710 Seiten den weiten Weg nach China in der Zeit um 1850 und geht mitten hinein in die Kolonialisierung des Reiches der Mitte und in die damit verknüpfte Taiping-Rebellion, die seinerzeit zwanzig bis dreißig Millionen Chinesen ihr Leben kostete. Das urwalddichte Werk mutet erst einmal wie ein Historienroman an, entpuppt sich aber sehr bald als subtile Linse auf die Vorgeschichte der politischen Aktualität unserer Zeit, auf Selbstverständnis und Selbstverständlichkeit, auf kulturelle Überheblichkeit, imperialistisches und religiöses Allmachtstreben.

Die drei Strähnen des Erzählzopfes verkörpern verschiedene Facetten in überzeugend ausgearbeiteter Figurenführung: Im Mittelpunkt steht zunächst der junge deutsche 1848er Revolutionär Philipp Johann Neukamp, den es auf der Flucht als Missionar der Basler Missionsgesellschaft nach China verschlägt. Dort heißt er Fei Lipu und schließt sich über den Missionarsgehilfen Hong Jin den Aufständischen um Hong Xiuquan an, der Anführer der Taiping-Rebellion ist und sich „Himmlischer König“ nennt. Die historische Gestalt Hong Xiuquan war infolge der christlichen Mission überzeugt, der zweite Sohn Gottes und jüngere Bruder Jesu zu sein. Er fühlte sich in göttlicher Mission beauftragt, das chinesische Kaiserreich zu stürzen. Zeitweilig herrschte er über ein Gebiet, das die Größe Frankreichs und Englands noch übertraf. Öffnet Thome hier den Blick auf das verhängnisvolle Wirken christlicher Mission und die daraus resultierenden kulturellen Kämpfe und Zerwürfnisse, eröffnen die beiden anderen Strähnen die erweiterte politische Dimension im Kontext europäischer Kolonisationsbestrebungen auf der einen und chinesischer Selbstbehauptung auf der anderen Seite - hier Lord Elgin, Sonderbotschafter der britischen Krone mit seinem persönlichen Sekretär Maddox, der als notorisch hinterfragender Geist wie das alter ego des Lords auftritt, da Zeng Guofan, der Oberbefehlshaber der chinesischen Armee, der tief in der reichen chinesischen Tradition, in ihrer Ästhetik und philosophischen Gedankenwelt wurzelt und lebt. Diese Drei begegnen einander nie - aber in ihren Selbstgesprächen sind sie einander verblüffend nah.

Das liegt an den von Thome exzellent auf die Herzwände der Figuren ziselierten Reflexionen, auf ihren Wahrnehmungen des eigenen Handelns und der Weltgeschichte, die mit den jeweiligen Blickwinkeln ein verstörendes, aber die Wirklichkeit realistisch zeichnendes Ganzes ergeben. Es geht um die abendländisch-christliche Wahnvorstellung des besseren, erlösten Menschen und um die irrig-skrupellose Vorstellung, Vorsprung durch Handel und Technik mache den Menschen aus. Verständnis und Einfühlung sind hier Zeichen von Schwäche, unnützes Hinterfragen der eigenen Position. Damit geht Thome imperialem Selbstverständnis entlarvend auf den Grund und stellt auch die Presse in diesen Kontext, die vom Informations- zum Sensationsmedium verkommt. Im Knoten des Zopfes wird in der Tragik aller drei Lebensgeschichten deutlich: erst das Loslassen von der Selbstverständlichkeit des eigenen Selbstverständnisses macht den Dialog mit dem Anderen möglich und macht das Fremde wertfrei verstehbar.

Stephan Thome mutet einem auf dem Fernreiseweg nach China viel zu, aber es ist ein Gewinn, denn auch wenn der Tee am Abend der Lektüre bitter schmeckt: Er öffnet die Augen.

Klaus-Martin Bresgott

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