Kurzweilig

Streng an Luther orientiert
Bild
Auch wenn von Gemeindeleben, Gemeindeaufbau, kirchlichen Reformbemühungen aus der Erfahrung des Gemeindepfarrers oft kurzweilig die Rede ist, steht die Grundlage der Kirche im Mittelpunkt.

Kirche entsteht da, wo Gott redet und Menschen antworten. Kirche ist das Gott-Mensch-Projekt: Gottes Neustart mit einer kaputten Welt.“ Martin Abraham (Jahrgang 1970) elementarisiert die Grundgedanken seiner von Oswald Bayer betreuten, 2007 publizierten Tübinger Dissertation "Evangelium und Kirchengestalt. Reformatorisches Kirchenverständnis heute". Auch wenn von Gemeindeleben, Gemeindeaufbau, kirchlichen Reformbemühungen aus der Erfahrung des Gemeindepfarrers reichlich, anschaulich und oft auch kurzweilig die Rede ist, steht die Grundlage der Kirche im Mittelpunkt. Das spezifisch reformatorische Kirchenverständnis geht hier ganz und gar auf die Theologie Martin Luthers zurück.

In 13 Kapiteln, die zur Profilierung eines legitimen Kirchenverständnisses mit 14 „Missverständnissen von Kirche“ angereichert sind, wird die Kirche gemäß dem „reformatorischen Glaubens- und Kirchenverständnis mit seinen Leitlinien ‚allein durch das Wort‘ und „‚Wo das Wort ist, ist die Kirche‘“ bestimmt. „Kirche entsteht im Gottesdienst“, „ohne Gottesdienst keine Kirche“: Im Gottesdienst wird Gottes Wort laut und wirksam.

Das „Evangeliumswort“ begegnet weitgehend, wenn auch nicht ausschließlich, in „Text und wörtlicher Rede“. Es handelt von Gottes Zuwendung, die allen Menschen gilt: „Die gesamte Schöpfung, das Leben jedes Menschen ist prinzipiell und von Anfang an Evangelium. Denn Evangelium heißt: Zuwendung ohne Vorleistung.“ Das Evangelium ist also in Schöpfung und Erlösung präsent. „Es entspricht dem Schöpfungsevangelium, dass jeder Mensch in möglichster Freiheit seine Begabungen entfalten und sein Leben gestalten kann.“

Nach Luther differenziert sich das Wort Gottes als „Gesetz und Evangelium“. So bringt Abraham auch das Gesetz in das Verständnis der Kirche und des Gottesdienstes ein. Das führt nicht zu „Gesetzlichkeit“, sondern zu Nüchternheit, Relativierung aller menschlichen Gestaltungen, Gelassenheit, und es bewahrt das Evangeliumswort davor, als wohlfeil missverstanden zu werden. Das Bezogensein auf Gottes Wort bringt „Entlastung“ und hilft dazu, dass die Atmosphäre einer Gemeinde „einladend und weitherzig“ ist, „ohne dabei konturlos oder beliebig zu werden“. Mit dem konsequenten Verständnis der Kirche als Geschöpf des Wortes Gottes wird die Frage nach der „Brauchbarkeit“ von Glaube und Kirche relativiert: „Eine Wahrheit, die größer ist als jeder Mensch und jede Kirche, lässt sich nicht funktional verrechnen.“

Abrahams Kritik an Friedrich Schleiermacher, dem „Kirchenvater des modernen Protestantismus“, ergibt sich nicht zwingend aus seiner Orientierung an Luther. Bezeichnet Schleiermacher Gott strukturell als „Woher der schlechthinnigen Abhängigkeit“, so spricht Abraham vom „Evangelium mit seiner Lehre der radikalen Abhängigkeit des Menschen von Gottes Urteil und Gnade“. Schleiermachers Bestimmung der Religion als „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ auf eine Ebene mit Bedürfnissen wie „Essen, Trinken, Schlafen, Arbeiten, Sex haben, Gespräche führen, Spielen“ zu stellen, ist unangebracht: In der im weiteren Sinn verstandenen Religion geht es um unser Betroffensein vom Ganzen. Das scheint Abraham an anderer Stelle einzusehen, wenn er Religion als „menschliche Sehnsüchte, Deutungen und Hoffnungen“ beschreibt, über deren „letztgültigen Gehalt keine Aussage“ zu machen sei, während sich der Mensch im „Glauben auf eine Realität verlässt, die außerhalb seiner selbst liegt“. Wenn man Religion und Glauben im Verhältnis von Dimension und wahrem Profil aufeinander bezieht, erübrigt sich die Polemik gegen eine Theologie, die Religion als Anknüpfungspunkt für die Anrede Gottes versteht.

Andreas Rössler

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen