Nachhilfe

Polen verstehen
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Ein Buch das hilft, die politische und gesellschaftliche Realität zu begreifen, die hinter den verkürzenden Nachrichten steckt.

Wir sind uns viel näher, als wir denken - und zwar nicht nur geografisch: Wir trinken Bier wie die Polen, essen Sauerkraut wie sie, grillen gerne Würstchen und lieben unsere Schrebergärten. So in etwa hat der seit vielen Jahren in Warschau lebende deutsche Kabarettist und Autor Steffen Möller einmal das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen charakterisiert. Sie seien wie Zwillinge, schrieb er, und Polen sei für Deutschland „wie der nächstgelegene bewohnbare Planet“.

Wenn man Marta Kijowskas Buch "Was ist mit den Polen los?" gelesen hat, bekommt man eine Ahnung davon, dass Möller Recht haben könnte, dass wir, Deutsche und Polen, uns überraschend ähnlich sind - allerdings nicht nur wegen des Sauerkrauts. Viel wichtiger: Beide Länder sind - vor unterschiedlichen historischen Hintergründen - weiterhin auf der Suche nach einer eigenen Identität. Beide Länder haben ihre Differenzen zwischen Ost und West. Und beide Länder haben Teile ihrer Geschichte noch nicht wirklich aufgearbeitet.

Wir sind uns ähnlich, aber wir, die Deutschen, wissen es nicht. Während nämlich junge Polen in ihren Schulen eifrig Deutsch lernen, gen Westen reisen und sich so ein Bild von unserem Land machen, herrschen von deutscher Seite aus Ahnungslosigkeit und - noch schlimmer - Desinteresse. Für die meisten Deutschen sei Polen, schreibt Marta Kijowska, nach wie vor ein unbekanntes Land. Dass in verschiedener (vor allem wirtschaftlicher) Hinsicht Russland für Deutsche deutlich interessanter sei, sorge an der Weichsel für „ungute Emotionen“, weil dadurch alte Ängste vor einer engen deutsch-russischen Verbindung geweckt würden.

Denn Polen sind, so die Autorin, „geschichtsbesessen“. Sie kennen ihre eigene Vergangenheit gut, vor allem den Teil, in dem sie Opfer waren, zerrieben zwischen den Interessen Preußens/Deutschlands, Österreichs und Russlands, was soweit führte, dass ihr Land von 1795 bis 1918 gänzlich von der Landkarte verschwand.

Wer weiß das schon in Deutschland? Die allerwenigsten. Obwohl es doch stets hilfreich ist, seine Nachbarn zu kennen und zu verstehen, vor allem, wenn es politisch nicht so ganz rund läuft. Das ist im Verhältnis zu Polen seit 2015 der Fall, als die PiS-Partei („Recht und Gerechtigkeit“) in Warschau das Zepter übernahm. Seither drängt sich aufgrund der nationalistischen Töne, die von dort in Richtung Deutschland und der EU kommen, und angesichts der umstrittenen Justizreform, die nun vor dem Europäischen Gerichtshof verhandelt werden soll, der Eindruck auf, das Land entferne sich aus der europäischen Wertegemeinschaft und von den Idealen demokratischer Gesellschaften. Gänzlich falsch ist der Eindruck nicht, aber das Land ist mehr als Jaroslaw Kaczynski und seine Anhänger in der PiS-Partei.

Marta Kijowska, in Krakau geborene und in Deutschland lebende Autorin und Übersetzerin, weiß das. Sie weiß um die Verletzungen, die Polinnen und Polen erfahren haben, ebenso wie um die, die sie selbst anderen zugefügt haben. Sie kennt die Widersprüche in diesem Land und die aktuell drohenden Spaltungen. Mit ihrer profunden und umfassenden Kenntnis der „polnischen Seelenzustände“, der polnischen Vergangenheit und Gegenwart zeichnet sie ein Bild, das hilft, die politische und gesellschaftliche Realität zu begreifen, die hinter den verkürzenden Nachrichten steckt. Und sie zeigt, dass in Polen vor allem mit der jungen Generation eine Zivilgesellschaft heranwächst, die dazu beitragen kann, dass die rückwärtsgewandten Nationalisten nicht das letzte Wort behalten. Ihr Buch ist für deutsche Leserinnen und Leser ein wichtiges Stück Nachhilfeunterricht und zur Lektüre unbedingt empfohlen.

Annemarie Heibrock

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