Sieg der Liebe

Klartext
Foto: privat
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für Dezember und Januar stammen von Katharina Wiefel-Jenner. Sie ist Pfarrerin in Berlin.

Sieg der Liebe

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahrs, 18. November

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. (Offenbarung 2,10)

Wir stehen an Gräbern. Die Stimme des Lebens weht aus der Ferne herüber und fragt: „Bist du mir treu?“ Kein Tadel kommt aus dem Munde dessen, der alles für mich riskiert hat. Aus ihm spricht nur die Hoffnung, dass die treu sind, die zu ihm gehören. Kein böses Wort für die Seinen hat der, der das Wort des Lebens ist. Der, der die Liebe ist, verspricht, dass die Macht der Verleumder enden wird. Ihr Hass wird keinen Erfolg haben.

Es gab schon immer diejenigen, die sich nach der Liebe sehnen und die Liebe dann doch im Stich ließen. Wenn Gefängnis, Folter und Tod drohen, wird die Angst eben groß und die Liebe schwach. Es gab schon immer diejenigen, die sich davor fürchteten, ihren Kindern am Ende nur Armut zu hinterlassen. An fröhlichen Tagen haben sie dem Herrn des Lebens vertraut. Aber in den dunklen Stunden wurden sie ängstlich. Sie verrieten, was ihnen zuvor heilig gewesen war und versuchten einfach nur zu überleben.

Die Stimme des Lebens weht zu uns herüber: „Bleib bei mir, trotz des Gelächters der Nachbarn und trotz drohender Schmerzen. Glaube weiter, selbst wenn sich um dich herum alles gegen mich wendet. Halte weiter zu mir, wenn niemand mehr mit dir sprechen will. Ich verspreche, in den dunklen Stunden bei dir zu bleiben. Ich verspreche, mit dir zu reden, wenn alle anderen schweigen.“

Wenn wir an den Gräbern stehen, sagt der, der es mit dem Tod aufgenommen: „Ich habe dir versprochen, dich zu beschenken, wenn dir alles weggenommen worden ist. Ich habe mein Leben dafür hergegeben, dir die Krone des Lebens zu schenken. Wenn die Freunde des Todes sich deiner bemächtigen wollen, bin ich bei dir. Und kein Gefängnis wird dich einschließen.“

Die Stimme des Lebens weht zu uns herüber und fragt: „Bist du mir treu?“

Gemeinsame Feier

Buß- und Bettag, 21. November

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. (Offenbarung 3,20)

In Zeiten, in denen die Lüge zur Wahrheit wird und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, klopft Gott bei uns an. Gott selbst steht vor unserer Tür. Der, der vor dem Anfang schon da war, der die Welt geschaffen hat und die Wahrheit ist, klopft. Gott tut das unablässig, ruft und bettelt. Dabei heilt sein Wort und vereint Menschen, selbst wenn sie getrennt sind. Der wunderbare Rhythmus von Gottes Wort schlägt seinen einzigartigen Takt. Und Gott hofft, dass auch die aufmerken, die bisher ihre Ohren verschlossen hielten. Gottes Klopfzeichen sind eine Warnung. Sie warnen vor der Höhle der Löwen, vor Wunderdrogen und davor, Kleider zu tragen, die von blutenden Händen genäht wurden.

Mit seinem Klopfen gibt Gott den Takt vor, damit sich die voneinander Getrennten aufeinander zu bewegen. Gott lädt ein, die Schritte aufeinanderzuzumachen. Gottes Wahrheit versichert uns, dass jetzt die Zeit gekommen ist. Jetzt ist es Zeit, umzukehren und die Wahrheit Gottes den spaltenden Worten der Feinde des Lebens entgegenzusetzen. Die Welt wird nicht so bleiben, selbst wenn die Lügen nie verstummen und ein Ende der Gewalt nicht in Sicht ist. Denn mit dem Rhythmus der Liebe klopft die Wahrheit Gottes bei uns an und will uns zurückholen aus unserer Angst. Die Zeit ist reif für die Umkehr. Gott wartet und hofft.

Warten wir noch länger, verpasst diese Generation womöglich den richtigen Moment, um die Wahrheit zu erkennen, die Trennung zu überwinden und gemeinsam mit Gott zu feiern. Hören könnten die Klopfzeichen alle. Gott gibt den Rhythmus vor.

Licht und Wärme

Totensonntag, 25. November

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. (Jesaja 65,17)

Gott hat das letzte Wort: Am Ende wird Frieden sein. Keine schmerzenden Wunden mehr und keine Tränen. Selbst die Erinnerungen werden nicht mehr wehtun. Dem Hass, der eine blutige Spur durch das Leben gezogen hat, gelingt nichts mehr. Seine Kraft ist verloschen, ja, niemand weiß noch, was hassen ist. Niemand fühlt noch Hass. Denn seine Wurzeln sind abgestorben.

Am Ende wird Gott sprechen. Die Erinnerung wird auf das Leben schauen und das Glück. Wir werden an den Gräbern aufschauen, Licht sehen und die Wärme der Liebe spüren. Wir werden niemals mehr weinen. Am Ende wird Gott uns ein neues Zuhause geben. Das neue Jerusalem wird die neue Heimat sein. Und dies wird geschehen, weil Gott den Ort der Sehnsucht nach Frieden in den Ort des Friedens verwandelt. Es wird der Ort sein, an dem es keine Schrecken mehr gibt. Denn die Löwen sind zahm. Im neuen Jerusalem wird es keine Bomben und keinen Terror mehr geben, denn die Herzen haben verlernt zu hassen. Wir werden die Angst abgeschüttelt haben, weil es nichts mehr gibt, was wir fürchten müssen.

Am Ende wird Gott alles neu machen. Am Ende! Erst am Ende. Noch stehen wir an Gräbern. Noch herrscht Schrecken in Jerusalem. Noch frisst der Löwe das Schaf. Noch nistet sich täglich Hass in die Herzen ein. Noch muss die Sehnsucht Trauer tragen und darauf warten, dass der Tod sich endlich geschlagen gibt. Noch klagen und weinen wir. Denn Gottes Wort hat noch nicht alle Herzen erreicht. Es hat noch nicht alle Füße auf den Weg des Friedens gerichtet. Gottes Wort wartet noch auf Antwort.

Aber am Ende werden wir tanzen und singen - im neuen Jerusalem. Am Ende werden wir leben - im neuen Jerusalem. Am Ende werden wir die Schmerzen und den Tod vergessen haben.

Neues Glück

1. Advent, 2. Dezember

Das Volk schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! (Matthäus 21,9)

Jesus aus Nazareth reitet auf einem Esel in Jerusalem ein. Wenn er kommt, dann wird alles gut.

Seit Jahrhunderten hatte Israel auf diesen Moment gewartet. Die Sanftmut des Reiters war das Erkennungszeichen. Die Pilger, die zum Fest nach Jerusalem wollten, hatten es sofort verstanden. Sie konnten das Neue erkennen, weil sie die Worte der Alten im Ohr hatten: „Tochter Zion freue dich!“ Die längst bekannte Wahrheit klang ihnen in den Ohren.

Das Neue beginnt nicht hoch zu Ross. Es verbreitet keine Angst. Das Neue beginnt vielmehr auf einem Esel, freundlich und sanftmütig. Alles kommt auf den sanftmütigen Reiter an. Wenn es gut werden soll, dann sind die Sanftmütigen entscheidend. In den glücklichen Momenten der Weltgeschichte jubeln die Menschen über die Sanftmut. Wenn sie den Klang von Gottes Verheißungen im Ohr haben, erkennen sie, dass Sanftmut Wunden heilt, die Risse im Leben schließt und Wahrheit gegen die Lüge verteidigt. In den glücklichen Momenten verbünden sie sich mit den Engeln gegen das Unrecht und tragen die Gerechtigkeit zu den Orten, an denen sie fehlt.

Wenn Jesus auf dem Esel kommt, wird die Gegenwart zu einem glücklichen Moment. Dann ist es Zeit, die alten Lieder anzustimmen, wie die Festpilger loszuziehen und der Sanftmut zu vertrauen. Dabei kommt alles auf den sanftmütigen Reiter an. Selbst wenn sich die durchsetzen, die über schnelle Waffen und die Lüge verfügen, wird das Glück denen treu bleiben, die sich mit den Engeln verbünden und der Sanftmut ihr „Hosanna in der Höhe“ zujubeln.

Jedes Mal, wenn Jesus auf dem Esel einzieht, beginnt die Gegenwart von neuem. Mit jedem Advent kommt der Moment, in dem das Neue beginnt. Mit jedem Advent bricht die Sanftmut von neuem auf, die Härte des Todes zu zerbrechen.

Gedeckter Tisch

2. Advent, 9. Dezember

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. (Jesaja 35,5)

Die Ankunft ist gewiss. Die Tage bis dahin sind bereits gezählt. Doch der Adventsweg ist länger als erhofft. Denn nach dem 24. Türchen wird es weitergehen. Und die weiteren Wege werden alle verfügbaren Kräfte fordern. „Stärkt die müden Hände!“, rufen uns die Alten zu. Es wird weiter durch die Wüste gehen, vorbei an Gefahren, an die man nur mit verzagtem Herzen und zitternden Knien denkt.

Aber die Ankunft bleibt gewiss. Darum machen uns die Alten Mut, weiter auf dem Adventsweg zu bleiben.

Heute zählen die Kleinen die Tage bis zur Ankunft. Voller Erwartung öffnen sie am Morgen ein weiteres Türchen, bleiben dabei und verlieren die Vorfreude nicht aus dem Blick.

„Schaut hin“, sagen uns die Alten. Jedes Türchen, das die Kleinen öffnen, gibt den Blick frei auf die Zukunft, die am Ziel des langen Adventswegs leuchtet. Hinter dem Schaukelpferd strahlt ein himmlisches Blütenmeer auf, das weder Panzer noch Marschkolonnen niederwalzen können. Hinter dem Lebkuchenherzen warten ein gedeckter Tisch und das Ende des Hungers. Hinter dem Stern versteckt sich ein Feuerwerk, das darauf wartet, eines Tages, am Ende der Schmerzen, abgebrannt zu werden.

Die Alten haben ihre Erfahrung mit dem Weg gemacht. Sie sahen das Leuchten. In ihren Herzen brannte die Vorfreude. Sie schmeckten das große Freudenmahl schon im Voraus. Sie gingen auf dem Adventsweg unbeirrt weiter und sorgten füreinander. Sie ließen es nicht zu, dass da jemand fiel und zurückblieb. Die Lahmen haben sie vielmehr getragen. Den Tauben Zeichen gegeben. Die Blinden an die Hand genommen. Sie wussten, was sie tun mussten, bis Erschöpfung und Trauer endgültig vergangen sind. Zugleich warteten sie wie die Kleinen ungeduldig auf jeden neuen Morgen, um die nächste Tür zu öffnen.

Heute zählen unsere Kleinen bis zur Ankunft am Heiligen Abend die Tage. Aber wir werden danach weiterzählen, Türen öffnen, die Blinden an die Hand nehmen, den Tauben Zeichen geben und mit festen Knien an Löwen und Panzern vorbeigehen. Und sie werden uns nichts anhaben können. Denn die Freude auf das Ziel, das im Advent aufleuchtet, ermutigt uns.

Katharina Wiefel-Jenner

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