Klingender Tempel

Neues von Edwards & Hacke
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Das vor Intensität schier vibrierende Album ist Wucht und Kalligraphie zugleich.

Gesang ist das schon lange nicht mehr oder war es vielleicht nie. Wie der Banjo und Gitarre spielende David Eugene Edwards Songs inszeniert, erinnert eher an Beschwörung, aufgeladenes Sprechtheater, Deklamarieren und schamanistisches Wörterkauen - ein Liturg, der mit Musik Räume für gefühlt uralte, von weit her kommende Ritualgedichte schafft.

Begegnet ist der Mann aus Denver/Colorado hier schon öfters, mit 16 Horsepower, dann mit der Nachfolgeband Wovenhand. Gerichtsbotschaften und weitere biblische Stoffe hatte er immer im Gepäck. Sie begleiten den in einer strengen protestantischen Gemeinde Aufgewachsenen seit der Kindheit, als er mit seinem Feuer und Schwefel predigenden Großvater über Land zog. Dabei hörte er neben dräuendem Buß-Furioso aber auch indianische Gesänge und lernte sie zu schätzen. Jetzt hat er sich für Risha (arab.: Feder) mit dem umtriebigen Berliner Musiker (Einstürzende Neubauten) und Produzenten Alexander Hacke zusammengetan. Das vor Intensität schier vibrierende Album ist Wucht und Kalligraphie zugleich, das orientalisierende Gitarrenfiguren mit Industrial-Rhythmen gekonnt legiert. So entsteht ein nahezu sakrales Gebäude, in das Edwards’ Stimme perfekt passt. Und dennoch scheint die Aufführung der zehn Songs komplett unter freiem Nachthimmel stattzufinden.

Die Atmosphäre changiert zwischen verdichtet und weit und frei. Schreitend, verhallt und sacht anschwellend setzt der gänsehautträchtige neunte Song Teach Us To Pray der verhalten ausklingenden Platte den Akzent. Edwards scheint mit Zweifelsnarbe ganz in den Augenblick versunken, zugleich abwesend und nah. Das ist satter Filmscore und Ritual in einem. The Tell lässt schwere Metaldrums und -gitarrenriffs von der Kette, das hymnenartige Helios klingt aquatisch und nimmt Dampf vom Kessel.

Mit Ritualrufen, dumpfen Indian Drums und einem im Gegentakt tickenden Metronom pendelt die Stimmung in Kiowa 5 zwischen Opfermahl und trauter nächtlicher Lagerfeuerverlorenheit. Das folgende Lily hat mit Streichern, sanfter Gitarre und Tupfbass noch am ehesten vertraut alte Indie-Anmutung. Danach rumpelt Parish Chief mit Harmoniumbeat und faustischem Dranggesang zielstrebig in tiefere Schatten. Und da dann im kreiselnden Drone-Sound von Akhal Edwards’ Stimme fehlt, stutzt man erst, bleibt jedoch tief mit hinein genommen („stay tuned!“, hieß das früher mal) und ist perfekt auf den rituellen Höhepunkt, nämlich Teach Us To Pray, vorbereitet. Ein tempelartiges Album. Der Besuch lohnt sehr.

Udo Feist

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