Singen, beten, Streit vermeiden

Eindrücke von der 14. Weltmissionskonferenz in Arusha/Tansania
Bei der Weltmissionskonferenz in Arusha (Tansania) wurde viel gefeiert: Es gab Tanz zur Eröffnung. Foto: Marcello Schneider
Bei der Weltmissionskonferenz in Arusha (Tansania) wurde viel gefeiert: Es gab Tanz zur Eröffnung. Foto: Marcello Schneider
Bei der Weltmissionskonferenz im tansanischen Arusha ging es friedlich zu. Es dominierten die üblichen Themen der ökumenischen Bewegung, Konkretes gab es kaum. Jenseits greifbarer Inhalte überzeugte zumindest das geistliche Profil der Konferenz, wie zwei Teilnehmer, die Theologen Christoph Anders und Michael Biehl vom Evangelischen Missionswerk in Deutschland (EMW), berichten.

Zum offiziellen Konferenzfoto wurden alle auf die Stufen des Convention Center in der Ngurdoto Mountain Lodge gebeten. Über uns das anspruchsvolle Motto „Where vision gets build“! Hier, außerhalb der Stadt Arusha in Nordosten Tansanias eine gemeinsame Vision für die weltweite Missionsbewegung zu formulieren - ein attraktives Ziel für die Weltmissionskonferenz des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und seiner Kommission für Weltmission und Evangelisation (CWME). Es ist die erste seit Achimota/Ghana (1958), die in Afrika stattfindet. An Herausforderungen fehlt es nicht, denn vielerorts verläuft das Miteinander christlicher Konfessionen nicht spannungsfrei, tragfähige interreligiöse Dialoge sind für viele Gemeinden zur Existenzfrage geworden und die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses wird auch an dem Beitrag gemessen, den die Kirchen zur Lösung der Überlebensfragen der Menschheit leisten.

Die meisten der etwa 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus ÖRK-Mitgliedskirchen, Missionsorganisationen und anderen Bereichen der weltweiten Christenheit. Besonders erfreulich war die große Zahl von Repräsentanten aus Afrika und seiner Diaspora. Das verdient Respekt, denn eine angemessene Beteiligung von Menschen aus dem „Globalen Süden“ an ökumenischen Großereignissen ist bis heute nicht selbstverständlich. Bei Vorträgen und Podiumsgesprächen gut vertreten, durch die etwa vierzig jungen Stewards aus verschiedenen regionalen Kirchen sichtbar repräsentiert, wurde so der Anspruch einer afrikanischen Prägung des Treffens eingelöst. Durch die Einbindung der etwa 120 Studierenden aus aller Welt vom Global Ecumenical Theological Institute (GETI) waren auch junge Erwachsene deutlich präsenter als auf anderen ökumenischen Konferenzen.

Andererseits lag der Tagungsort trotzdem irgendwie auch „jenseits von Afrika“. In dieser „gated community“ auf Zeit wurden zwar einige der drängenden Probleme des Kontinents benannt, gab es Beiträge der tansanischen Gastgeber und von prominenten Theologen und Theologinnen wie Mercy Odoyue und John Mbiti und waren schon im Vorfeld wichtige theologische Beiträge aus Afrika veröffentlicht worden.

Doch all das hatte kaum Einfluss auf das sonstige Konferenzgeschehen, so waren in den etwa 80 Workshops Ansagen zu den „Zeichen der Zeit“ speziell dieses Kontinents kaum auszumachen. Hier dominierten globale Themen wie Klimawandel, Korruption, Religion und Gewalt oder Ausprägungen des „Wohlstandsevangeliums“. So blieb der in Arusha häufig beschworene entscheidende Beitrag der Kirchen Afrikas zu Mission und Evangelisation, zur künftigen Prägung der Weltchristenheit ebenso unbestimmt wie ihre Rolle bei der Überwindung von drängenden gesellschaftspolitischen Problemen vor Ort.

Stimmen aus Europa oder dem „Globalen Norden“ kamen vor allem in den Workshops zu Wort. Die mitunter beklagte Dominanz dieser Regionen war jedoch in Arusha nicht zu beobachten, und die artikulierte Vielfalt der Weltchristenheit ist zweifelsohne ein Fortschritt auf dem ökumenischen Weg. Das kann nur geringschätzen, wer ignoriert, dass das Bild weltweiter kirchlicher Konferenzen lange von Menschen aus dem Norden geprägt war, die sich in der Regel auch leicht Gehör verschaffen konnten. Dennoch zeigte Arusha 2018 auch: Vielfalt allein ist kein Garant für thematische Tiefe. Eine vertiefte Standortbestimmung der weltweiten ökumenischen Mission seit der letzten Weltmissionskonferenz 2005 in Athen fand allenfalls in zaghaften Ansätzen statt. Es blieb bei Bestätigungen, gemeinsam auf dem Weg zu sein, eine Vision für einen gemeinsamen Weg war darin letztlich nicht erkennbar.

Unterschiedliche Stränge

Dies hängt wohl auch damit zusammen, dass sich in der globalen Missionsdiskussion - beispielhaft in der ÖRK-Missionserklärung „Gemeinsam für das Leben“ von 2012 - seit längerem eine Konfluenz von Themen beobachten lässt, die zuvor auf unterschiedliche Stränge der ökumenischen Bewegung verteilt waren: Mission und Evangelisation, Einheit der Kirchen, Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung und Kritik des (neoliberalen) Wirtschaftssystems mit seinen zerstörerischen Folgen für Menschen und Umwelt. Solche Punkte standen auf den Tagesordnungen der vergangenen ökumenischen Großveranstaltungen, und auch die gut dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland waren neugierig auf Impulse etwa zum interreligiösen Dialog oder zur Nachfolgepraxis in säkularisierten Kontexten.

Tatsächlich war dies alles in Arusha auf Podien, in Workshops, den Marktplatzveranstaltungen und in Andachten präsent. Stimmen aus allen Bereichen der Ökumene konnten ihre Anliegen und Positionen vorbringen, erhielten mal mehr, mal weniger Applaus, und am Ende waren alle Themen irgendwie gleich wichtig. Führt die Einbindung der weltweiten Missionsbewegung in den organisatorischen Rahmen und das Themengeflecht des ÖRK also gegenwärtig dazu, dass sich ein spezifisch evangelistisch-missionarisches Profil einer Weltmissionskonferenz kaum fassen lässt? „Vom Geist bewegt - zu verwandelnder Nachfolge berufen“ - in den Bemühungen um die mit diesem Titel gesetzten Akzente konzentrierten sich viele Impulse darauf, wie engagierte Nachfolge die Welt verändern soll. Davon ist auch das Abschlussdokument, der „Ruf in die Nachfolge von Arusha“ geprägt. Darin wird der Ruf Jesu weitgehend appellativ auf die Überwindung von untragbaren Zuständen überall in der Welt fokussiert. Dahinter tritt zurück, wie Einzelne, Gruppen und Kirchen selbst durch den Geist bewegt und verändert wurden und werden. So ist seit einigen Jahren häufig die Rede von einer „Mission von den Rändern“. Doch auch in Arusha wurden kaum konkrete Beispiele gezeigt.

Seit der ersten Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910 war jede Versammlung auch der Versuch, die jeweils aktuelle Lage der weltweiten Missionsbewegung abzubilden. Vielfalt der Teilnehmenden, beeindruckende Spiritualität und Liturgien, die Fülle der Themen und Anliegen sowie die Vergewisserung gemeinsamen Unterwegsseins - dies waren auch markante Kennzeichen des Arusha-Treffens. Nachdenklich stimmt aber dies: In Athen 2005 gab es Proteste gegen den Veranstaltungsort, ein Militärgelände. Die C-Vollversammlung von Busan/Südkorea (2013) war begleitet von ständigen Demonstrationen konservativer und anti-ökumenisch eingestellter Christen und Christinnen. In Arusha kam es dagegen zu keinerlei Protesten von außen, und auch innerhalb der Konferenz ging es harmonisch zu, und selbst die wenigen polarisierenden Beiträge riefen keine hörbare Reaktion der Konferenz hervor. Die einzige öffentliche Kritik bezog sich auf die Form, wie die Nachricht eines Übergriffes auf zwei Frauen in der Stadt Arusha von den Verantwortlichen der Konferenz aufgenommen worden war. Die Option für Abgeschiedenheit, der Verzicht auf Projektbesuche in Stadt und Land sowie das offensichtliche Vermeiden von streitbaren Diskussionsformaten zeichnet so das Bild einer ökumenischen Missionsbewegung, die zwar ihren Willen zu transformatorischer Weltgestaltung proklamiert, sich faktisch aber an geschütztem Ort in ihrer Vielfalt sammelt, um sich gegenseitig für den weiteren ökumenisch-missionarischen Pilgerweg zu stärken.

Quelle der Vergewisserung

Das Motto „Vom Geist bewegt“ - war im geistlichen Leben der Konferenz erfahrbar: Anregende Bibelarbeiten, gut vorbereitete Andachten am Morgen, Mittag und Abend, Gottesdienste am Anfang und Ende der Konferenz sowie am Sonntag in umliegenden Gemeinden, faszinierende Auftritte großer Chöre und kreative szenische Darbietungen bildeten wichtige Bestandteile der Konferenz. Klage und Fürbitten, Lob und Dank hatten Orte und angemessene Zeit, setzten Verbindendes frei. Die Weltmissionskonferenz verstand sich zuerst als betende, singende und feiernde Versammlung, und das ist ein starkes Signal.

Vielleicht lässt sich dieser Trend auch als ein Reflex auf die häufig erwähnte Verschiebung des Gravitationszentrums des Christentums in den „Globalen Süden“ deuten. Hierzulande werden ökumenische Großveranstaltungen vorrangig am möglichst konkreten Gehalt ihrer verschriftlichten Ergebnisse gemessen. In Arusha erwies sich das geistliche Profil der Konferenz als Quelle für Vergewisserung und Stärkung. So bestünde die Vision in der Hoffnung, dass die Teilnehmenden dadurch zu einer verwandelnden Nachfolge befähigt werden, die zu ihrer Zeit und an vielen Orten Früchte bringt.

Christoph Anders / Michael Biehl

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