Wie Schuljungen

Der Streit in der katholischen Kirche über die Kommunion
Offenbar sind die deutschen katholischen Bischöfe intern so zerstritten, unsolidarisch und allein auf die eigene Sicherheit und Autonomie bedacht, dass sie zu keinem Konsens mehr fähig sind.

Ach, es ist schrecklich mit diesen Deutschen! Wollen immer das ganz eindeutige Wort, am besten schriftlich, von einem da oben haben, der ihnen sagt, dass sie das dürfen, was sie tun. Oder, wie es ein Satz sagt, der dem (zugegeben: umstrittenen) Berufsrevolutionär Wladimir Iljitsch Lenin zugeschrieben wird: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“

Die deutschen katholischen Bischöfe würden solche Bahnsteigkarten kaufen: Da hatten sie sich nach, wohlgemerkt, Jahren, eher Jahrzehnten der Diskussion endlich dazu durchgerungen, die Eucharistie auch evangelischen Ehepartnern von katholischen Christinnen und Christen unter vielen „Wenns“ und „Notfalls“ zu erlauben … und kaum ist dieser für katholische Verhältnisse revolutionäre Beschluss mit Zwei-Drittel-Mehrheit unter den 27 Diözesanbischöfen gefallen, haben sieben von ihnen nichts Besseres zu tun, als einen Brief nach Rom zu schicken mit der dringenden Frage: „Ja, dürfen wir das überhaupt?“

Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man darüber lachen. Natürlich ist das katholische Abendmahl ein sehr hohes Gut in der Kirche. Manche reden vom Herzstück des Glaubens, was aber eigentlich einen leicht kitschig-pathetischen Einschlag hat: Als habe Jesus seinen Aposteln nur diese eine Kulthandlung zur Erinnerung an ihn gegeben, als seien nicht viel mehr Taten der Liebe dringender, Stichwort: der barmherzige Samariter und die vorbei eilenden Priester.

Papst Franziskus betont zurecht immer wieder, dass er die Zentrierung der Kirche auf Rom beenden will, dass die jeweiligen Ortskirchen beziehungsweise Bischofskonferenzen das für sich entscheiden sollen, was sie zuerst betrifft, was seelsorgerlich besonders drängt und nicht zum Kern des Glaubens der Weltkirche gehört. Genau das passt hier: Nur in Deutschland ist die Kommunionsfrage für evangelisch-katholische Paare von größerer Bedeutung. Und soll die Frage, ob höchstens ein paar Hundert evangelische Christen gelegentlich auch die Hostie erhalten, wesentlich für den Glauben der Weltkirche sein? Versuchen Sie, die Dringlichkeit dieser Frage mal ernsthaft Ihren jugendlichen Kindern zu erklären, ohne ungläubiges Lachen zu provozieren: Solche Probleme habt ihr?

Franziskus hat schon vor knapp drei Jahren in dieser Frage konfessionsverschiedener Eheleute öffentlich ermutigt: „Sprecht mit dem Herrn und geht weiter.“ Auch seine Enzyklika „Amoris laetita“ spricht diese Sprache. Warum also führen sich sieben Bischöfe wie streberhafte Schuljungen auf, die zum Lehrer rennen und ihn fragen: „Dürfen wir das wirklich?!“

Offenbar sind die deutschen katholischen Bischöfe intern so zerstritten, unsolidarisch und allein auf die eigene Sicherheit und Autonomie bedacht, dass sie zu keinem Konsens mehr fähig sind. Die Konservativen unter ihnen haben es auch nach fünf Jahren zudem immer noch nicht überwunden, dass ihre Jahrzehnte lange Dominanz in Rom mit Franziskus ein Ende gefunden hat. Und weil sie sich öffentlich keine Opposition getrauen, wird halt hinten rum ausgeteilt. Alles angeblich nur um der Sache willen. Das zeigt: Viele Oberhirten wären in einem Beamtenbüro besser aufgehoben als auf einem Bischofsstuhl. Und das ist nicht zum Lachen.

Philipp Gessler

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