Edles Kaminholz

Jürgen Kaube über Fußball
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Fußballinteressierte werden das Buch in einem Zug an einem Nachmittag durchlesen.

Die Fußballweltmeisterschaft steht vor der Tür, und folglich naht auch in gebildeten Kreisen die Beschwernis, den Fußball als gesellschaftlich-kulturelles Phänomen ernst nehmen zu müssen, denn mit der WM kommt die Zeit, in der auf Empfängen und Einladungen selbst im gehobenen Smalltalk der Fußball ins Zentrum rückt.

Was tun? Wie redet man intellektuell-gehoben über Fußball? Wie bereitet man sich auf Abende am imaginären Fußballkamin während der WM vor, wie kann man glänzen, wie sticht man den luzide parlierenden Konkurrenten aus?

Rettung naht, denn Jürgen Kaube, der für das Feuilleton verantwortliche Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat nun ein intelligentes und kurzweiliges Buch veröffentlicht, ein Lob des Fußballs, das Abhilfe schafft. Kaubes neuste Fußball-Veröffentlichung ist nicht nur ein geistreiches Lesevergnügen, sondern sie schließt auch eine wichtige Lücke, sofern davon in der schier unüberschaubaren Zahl jener Veröffentlichungen, mit denen sich das Feuilleton, wie der Schriftsteller F.C. Delius kürzlich verlautbarte (siehe Seite 49), an den Fußball heranschmeißt, überhaupt noch die Rede sein kann.

Kaube liefert in - wie kann es anders sein - elf Kapiteln tiefschürfende Erkenntnisse und entlegene Fakten, die auch Kenner des Metiers beeindrucken können. So wird jeder bei David-Goliath-Erinnerungen im Fußball auf die schon etwas abgedroschenen Beispiele Deutschland 1954, Nordkorea 1966 oder in Sachen DFB-Pokal auf HSV-Bezwinger SC Geislingen 1984 oder den Bayernkiller TSV Vestenbergsgreuth 1994 kommen. Aber die wahre David-Goliath-Geschichte des Fußballs präsentiert Kaube, wenn er seine Leserschaft mit dem Sporting Club Union El Biar bekannt macht, einem Club aus einem Vorort von Algier, der im Februar 1957 im Sechzehntelfinale des französischen Pokals in Toulouse gegen die damalige französische Spitzenmannschaft Stade de Reims 1:0 siegte und dies im Schatten des tobenden Algerienkrieges, dessen Kampfhandlungen es El Biar unmöglich machten, das nordafrikanische Heimrecht wahrzunehmen. Wahnsinn! Mit dieser Geschichte ist man der König intellektueller Fußballplaudereien. Hundertprozentig!

Des Weiteren führt Kaube in seinem Buch in ästhetische und existentielle Tiefen und spart auch mit bitteren Weisheiten nicht, die jedes Fußballgeflachse existenziell erden, zum Beispiel wenn er über die Fußballmillionäre unserer Tage schreibt: „Viele (Spieler) leben wie in einer Kapsel, die von innen mit Spiegeln ausgekleidet ist, in denen sie ihre Körper betrachten. Sie begreifen nicht, wer sie sind, weswegen es ohne Berater für sie gar nicht geht, aber mit Beratern liegt häufig auch kein großer Segen auf diesem Leben.“ Wohl wahr. Oder wenn er kluge Erwägungen über den spektakulären Platzverweis des Weltstars Zinedine Zidane im WM-Finale 2006 in einem Zitat der Soziologin Nikola Tietze münden lässt: „Zidane flößt nicht nur Respekt ein, vielmehr hat man ihn zum Inbegriff des Respekts stilisiert.“ Schließlich verblüfft Kaube mit Sinnsprüchen der Selbsterkenntnis, auf deren Formulierung man in der Tat erst mal kommen muss, nämlich, dass das Verfolgen der Fußballwelt eine „romantische Übung des Poetisierens von etwas selbst ganz Sprachlosem“ sei. Wow.

So geht es in einer Tour. Fußballinteressierte werden das Buch in einem Zug an einem Nachmittag durchlesen. Dem Sport fernstehendere Zeitgenossen werden schon etwas länger brauchen und sollten sich Notizen machen. Dann aber haben sie genug Kaminholz, sprich Gesprächsstoff, um WM-Abende mit funkelnden Erkenntnissen und Pointen zu bestreiten. Nur in einem Punkt muss der Rezensent Kaubes fulminantes Wissen infrage stellen, wenn derselbe zu den Widersprüchen unterschiedlicher Anspruchshaltungen in der Clubwelt schreibt: „In München entlässt man Trainer, wenn man sich auf Platz zwei befindet oder deutlich in Paris verliert, andernorts tut man gut daran, (…) jeden erzielten Punkt von 38 abzuziehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie weit es noch bis zum Klassenerhalt ist.“ Ob 38 Punkte in der laufenden Saison in der Zweiten Liga zum Klassenerhalt reichen, steht zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen bedenklich in den Sternen. Was meinen Sie, Herr Kaube?

Reinhard Mawick

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