Das grüne Herz der Megacity

Mitten in Mexiko Stadt wird Obst und Gemüse produziert
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Die Chinampas von Mexiko Stadt sind ein agrokulturelles Denkmal für nachhaltige Landwirtschaft. Schon vor der Herrschaft der Azteken warfen ihre fruchtbaren Böden satte Erträge ab. Bis heute wird hier mitten in einer der größten Metropolen der Welt frisches Obst und Gemüse produziert. Eigentlich ein Zukunftsmodell – wäre da nicht die wuchernde Stadt, mit ihrem Schmutz und ihrem großem Hunger nach Bauland.

Dichter Autoverkehr verstopft die Straße. Lastwagen und Busse hupen sich den Weg frei, stoßen schwarze Dieselwolken in den aufgewirbelten Staub. Flora Garcia Galicia wartet am Straßenrand. In der Hand hält sie einen kleinen Eimer mit Küchenabfällen. Nach einer kurzen Begrüßung eilt die 65-Jährige voran, vorbei an bunten Taco-Buden, Frisiersalons und Autowerkstätten. Dann biegt sie zwischen zwei Häusern mit abblätternden Fassaden in eine Art Feldweg. Eine kleine Brücke führt über einen Kanal, auf dem Entengrütze und Wasserhyazinthen schwimmen. Der Straßenlärm rückt in weite Ferne. Vögel zwitschern. Reiher erheben sich krächzend aus dem Wasser, das leise in den Kanälen gluckst. Sind wir noch in Mexiko Stadt? Der Megacity mit Dauerstau und dichtem Smog?

Mittendrin. Die Chinampas liegen zwar knapp zwanzig Kilometer vom historischen Stadtzentrum entfernt. Aber was bedeutet das schon in einer Metropolregion mit zwanzig Millionen Einwohnern und fast achttausend Quadratkilometern Fläche?

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Zwei Männer mit Strohhüten stehen auf einem Beet mit Pok-Choi-Salat, ihre verschränkten Hände ruhen auf den Stielen ihrer Harken. Sie heben die Hand zum Gruß. Flora Garcia Galicia nickt freundlich. „Hier gehöre ich her“, sagt sie und trippelt mit kleinen Schritten über den federnden Boden. „Schon als kleines Mädchen habe ich das hier geliebt.“ Die Wurzeln ihrer Familie reichen tief hinein in den schwarzen Boden der Chinampas. Der Name Galicia lässt sich per Stammbaum schon für das 16. Jahrhundert an dieser Stelle verorten. Die direkten Vorfahren der Farmerin betreiben seit fünf Generationen Landwirtschaft in den Chinampas.

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Die zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Anbauflächen sind ein sehr frühes Beispiel städtischer Landwirtschaft. Bereits zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert wurde hier der gesamte Bedarf an Lebensmitteln der 250.000 Einwohner von Tenochtitlan produziert. Die Hauptstadt des Aztekenreiches war der Vorläufer von Mexiko Stadt. Aber bereits vor der Zeit der Azteken nutzten die Menschen dieses besondere, hochproduktive Landwirtschaftssystem. Damals war das Hochplateau von Mexiko Stadt eine Seenlandschaft, gespeist aus dem Schmelzwasser der umliegenden Bergketten. Aus der Not heraus bauten die Bewohner die Chinampas am Rande der Seen. Zuerst rammten sie lange Holzpfähle in den Grund. An diese Pfähle banden sie ein Flechtwerk aus Schilf, das zusätzlich mit Weiden und anderen Pflanzen befestigt wurde. Die Konstruktion, die fälschlicherweise häufig als schwimmende Gärten bezeichnet wird, befüllten sie mit Sedimenten vom Seegrund. Durchzogen wurde diese Landschaft aus künstlichen Inseln von einem dichten Raster aus Kanälen. Mit einem ausgeklügelten System nutzten die Menschen diese zur Bewässerung und zum Transport ihrer Waren.

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Elsa Valiente Riveros, Direktorin der Organisation Redes kämpft für den Erhalt der Gärten.
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Seit fünf Generationen baut Ihre Familie hier Gemüse an: Flora Garcia Galicia.
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Der Landwirt Victor Dario Velasco führt regelmäßig Besuchergruppen über die Felder, um über die Bedeutung der traditionellen Gärten zu informieren.

Bis heute existieren diese städtischen Anbauflächen, die ursprünglich jeweils kaum größer als ein Handballfeld waren. Und nicht wenige werden noch genutzt. Die Sedimente sind nährstoffreich, die Böden immer noch sehr fruchtbar. „Wir ernten bis zu fünf Mal im Jahr.“ Angekommen auf ihrer Chinampa kippt Flora Garcia Galicia die Küchenabfälle auf einen Komposthaufen aus abgeschnittenen Wasserhyazinthen und Pferdedung. Mehr braucht sie nicht zum Düngen. Als Pflanzenschutz genügt Jauche aus Brennnesseln. Zudem wachsen Tagetes und andere Blumen auf der Chinampa. „Das lockt die nützlichen Insekten an und hält die Schädlinge fern“, erklärt die Biofarmerin ohne Zertifikat.

Kurzer Transportweg

Ein umwerfender Duft von Koriander und feuchter, frischer Erde weht herüber. Neben den Flächen mit Kräutern wachsen Spinat, verschiedene Kohlsorten, Lauch und Salate, dazwischen hat Flora Garcia Galicia Zitrusbäume gepflanzt. Verkaufen kann sie ihre Produkte an einen Großmarkt in Mexiko Stadt, den lokalen Markt im nahen Stadtteil Xochimilco sowie direkt an einige Haushalte. „Obst und Gemüse aus den Chinampas ist sehr gefragt, weil es frisch ist und gut schmeckt.“ Mit umgerechnet fünfhundert Euro Einnahmen im Monat bestreitet sie die Hälfe des Familieneinkommens. Ihr Mann ist Angestellter der Kommune.

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Einer der Gründe für die Frische der Produkte ist der kurze Transportweg. „Das schätzen die Verbraucher, die anderen Waren werden aus dem ganzen Land in die Hauptstadt gekarrt“, sagt Erntehelfer Andres Ugalde Antonio und steigt in ein Art Kanu, um den Weg zum Sammelplatz zu zeigen, wo die Lastwagen vom Großmarkt warten. Die traditionellen Boote sind aus groben Brettern gezimmert. In das Holz sind die Namen der Besitzer geschnitzt. Aufrecht steht der kräftige Mann im Boot, das er mithilfe einer langen Stange durch die Kanäle stakst, die nicht tiefer als eineinhalb Meter sind. Andere Boote kommen uns entgegen, auf denen sich Gemüsekisten stapeln. An der Uferböschung sind hinter Weidenwurzeln und Flechtwerk die schwarzen Sedimentschichten zu erkennen, die über die Jahrhunderte aufgeschüttet wurden.

Die Fahrt geht aber auch vorbei an halb vermoderten Kanus, die im dunklen Wasser auf Grund liegen, abbröckelnden Böschungen und verwilderten Anbauflächen. Längst befindet sich die Landwirtschaft im Niedergang, ungeachtet ihrer nachhaltigen Techniken, die eigentlich in die Zukunft weisen. Das große Ausbluten fand vor allem ab den Sechzigerjahren statt. Viele Farmer suchten sich Jobs in der Stadt, andere ermöglichten ihren Kindern gute Ausbildungen, woraufhin diese die Farmen nicht weiter führen wollten. Bis dahin hatte es noch einige Tausend Chinampas gegeben. Heute sind es nur noch wenige Hundert.

Der Niedergang hatte aber bereits viel früher eingesetzt: Als die Spanier das Reich der Azteken vernichteten, bauten sie Abflüsse, um das Hochplateau trockenzulegen. Der Untergrund eines großen Teils von Mexiko Stadt besteht deshalb aus weichem Seegrund, weshalb viele alte Gebäude der Stadt schief stehen. Die Chinampas wurden zusätzlich noch zeitweilig als Trinkwasserreservoir genutzt. Heute wären die Kanäle wohl trocken, würden sie nicht seit den Siebzigerjahren mit Wasser aus zwei städtischen Kläranlagen versorgt. Doch die Wasserstände sind gerade in der Trockenzeit viel zu niedrig. „Oft können wir dann unsere Waren nicht mehr per Boot transportieren,“ beklagt Andres Ugalde Antonio. Auch die Qualität des Wassers, das eigentlich gereinigt sein soll, lässt zu Wünschen übrig. Zumal auch die Abwässer aus illegal errichteten Häusern direkt in die Kanäle geleitet werden.

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Die allergrößte Bedrohung der Chinampas aber ist die wuchernde Stadt. Hochstraßen, Gewächshäuser aus Plastikfolien, Gewerbezeilen und Wohnblocks drohen in das Schutzgebiet zu wachsen. „Der Druck ist riesengroß, geldgierige Geschäftsleute und Politiker scharren mit den Füßen, um diese Flächen zu bebauen“, kritisiert Elsa Valiente Riveros von Restauración Ecológica y Desarrollo. In der Nichtregierungsorganisation, die sich für den Erhalt der Chinampas einsetzt, engagieren sich unter anderem viele Wissenschaftler der renommierten UNAM–Universität von Mexiko Stadt. Sie wollen die von 207 Kilometern Kanälen durchzogenen Chinampas und das sie umgebende Sumpfland als Agroökosystem schützen. Das Areal soll als Naherholungsgebiet und grüne Lunge der Stadt erhalten bleiben. Vor allem aber auch als Naturraum für die 140 Arten von Zugvögeln, die hier jeden Winter Halt machen, so wie für den endemischen Axolotl und einige seltene Süßwasserkrebs-, Fisch- und zahlreiche Pflanzenarten. Damit koexistieren könnte die traditionelle, kleinteilige Landwirtschaft, vorausgesetzt sie verzichtet auf chemische Dünger und Pflanzenschutzmittel, so wie die von Flora Garcia Galicia.

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Beliebtes Ausflugsgebiet

Aber ist das Gebiet nicht bereits Weltkulturerbe und in Teilen ausgewiesener Ökopark? „Nur auf dem Papier: denn alles, was die Regierung unternimmt, ist die Kanäle von Wasserhyazinthen frei zu halten“, kritisiert Riveros. „Das Gebiet braucht jedoch einen nachhaltigen Entwicklungsplan und die Wertschätzung seiner Bedeutung.“ Das findet auch Victor Dario Velasco. „Die meisten in Mexiko Stadt kennen das hier nur als Ausflugsgebiet.“ Hunderte bunter Boote mit Mariachibands und trinkfreudigen Passagieren an Bord schlingern vor allem an den Wochenenden durch das dunkle Wasser der breiteren Kanäle in dem Teil der Chinam-pas, in dem er seine Farm betreibt. „Der kulturelle und ökologische Wert dieses kostbaren Fleckens Erde ist den meisten nicht bewusst.“ Mit einer Art Kescher an einer langen Stange schöpft der 31-Jährige Schlamm aus dem Kanal. Seit tausenden Jahren ziehen die Farmer ihre Setzlinge in Beeten aus diesen Sedimenten auf, die sie mit Messern in kleine Quadrate teilen. Ist aus dem Samen ein Pflänzchen gewachsen, lassen sich Pflanze und hart gewordener Schlamm bestens umsetzen. Zusammen mit seinem Vater baut Velasco Sellerie, Paprika, rote Beete und viele Sorten Salate an. Die Gemüse wachsen im ständigen Wechsel das ganze Jahr hindurch. Zudem halten sie Kühe, die ausschließlich selbst gepflanztes Gras und Mais fressen. Die Familie hat insbesondere für ihre Molkereiprodukte eine gute Direktvermarktung aufgebaut. „So sind wir nicht dem Preisdruck der Großhändler ausgesetzt, wie viele der anderen Bauern.“ Insgesamt bewirtschaften Vater und Sohn über sechs Hektar. Flächen gibt es genug. In der Nachbarschaft sind die meisten Chinampas aufgegeben worden.

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Eigentlich hatte auch der studierte Veterinär Velasco woanders gearbeitet. Die Geburt seines Sohnes hat ihn dazu bewegt, zurückzukehren und die seit vier Generationen von seiner Familie bewirtschaftete Chinampa zu übernehmen. Nun arbeitet er täglich fast zwölf Stunden. „Wie soll ich meinem Sohn dieses reiche Erbe vermitteln, ohne selbst im Feld zu sein?“ Darüber hinaus veranstaltet Velasco Workshops und führt meist jüngere Interessenten mit Rucksäcken und Trekkingschuhen über seine Chinampa und durch die Kulturlandschaft. Auch in Mexiko gibt es einen Trend zu Ökologie und lokal produzierten Lebensmitteln.

Die Zukunft aber sieht der Farmer eher düster. „Die Stadt wächst weiter und weiter.“ Auch Flora Garcia Galicia bangt um den Erhalt des einzigartigen Agroökosystems. „Erst wenn dieser Ort verschwunden ist, werden die Menschen merken, wie wertvoll er war“, meint sie nachdenklich. Dann nimmt sie den kleinen Eimer und ihre Tasche, um leicht vornüber gebeugt an den Kanälen entlang zurückzueilen. Auf den Berghängen am Horizont gehen langsam die Lichter in

Klaus Sieg (Text) / Martin Egbert (Fotos)

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