Mit Herz, Hand und Fuß

Wer in der Jugend die Orgel lieben lernt, bleibt ihr ein Leben lang treu - fast immer
Foto: dpa/Pulfer
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Vom Wesen der Orgel

Robert Leicht (73), früherer Chefredakteur und Politischer Korrespondent der Zeit, fand schon als Kind, dass die Kirchenbänke falsch herum stehen.

Jedes Musikinstrument hat wohl seine eigene Faszination für sich. So hat es mich ein Leben lang, freilich relativ spät einsetzend, immer wieder, auch praktizierend, zu Blasinstrumenten hingezogen: Flöte, Oboe, Barockblockflöten, Horn… Aber ganz am Anfang, offenkundig früher, als meine Erinnerung es wiederzugeben mag, stand offenbar die Orgel. Denn als ich nach meinem Gedächtnis zum ersten Mal in einer Kirche stand, als etwa dreijähriger Knabe in einer Kindergartengruppe, nahm ich deutlich Anstoß daran, dass die Kirchenbänke falsch herum standen und man deshalb die Orgel verkehrterweise im Rücken hatte. Die „Tante“ schaute mich befremdet an - sie konnte ja ebensowenig wie ich selber wissen, wann und wie mich irgendwann zuvor der Orgelklang so in Bann geschlagen hatte, dass das Instrument mir Kind zum Eigentlichen der Kirche wurde. Es dauerte dann noch gut zehn Jahre, bevor ich mich eigenmächtig - und gegen das Elternhaus - nach zwei, drei Jahren dem weiteren Klavierunterricht entzog und mich in der Freizeit an die Orgeln im Umfeld meines Internats schlich, als Autodidakt.

Gut, das ist für sich genommen nur eine Kindergeschichte -aber doch auch ein Hinweis auf die überpersönliche Ausstrahlungskraft der Orgel: Liegt das daran, dass wir sie seit langem als Kultinstrument erfahren haben? Oder ist sie gerade wegen ihrer Klangnatur überhaupt zum Kultinstrument geworden? Jedenfalls gehört die Orgel für mich weit eher zum Kultus (und zur Liturgie) als aller kultige, mir musikalisch wie theologisch fragwürdige Sakropop. Was aber macht die kultfähige Eigentümlichkeit des Orgelklanges aus? Fürs Erste gesagt: Anders als bei allen anderen Instrumenten ist jeder einzelne Ton - ungeachtet der Klangfülle und -vielfalt des Gesamtinstrumentes - der Orgel starr und streng objektiv, nicht variationsfähig. Die Orgelbauer haben deshalb besondere schwebende Register erfunden (unda maris, vox celestis) oder Tremulanten eingebaut, die den Luftstrom hin und her an- und abschwellen lassen. Aber diese sozusagen orgelbauerischen „Apps“ bestätigen nur den ursprünglichen Befund, gerade weil sie ihn in bestimmten Situationen zu durchbrechen versuchen.

Genug der Fachsimpelei! Zurück zu meiner eigenen Orgelbiografie, die ja auch einige Umwege ging. Natürlich: Am Anfang fasziniert einen der monumentale Klang: zum Beispiel Bachs Toccata und Fuge in d-moll - ein echter, publikumswirksamer Knaller: Voll in die Tasten und Register gegriffen! Doch das monumentale Gebrüll ist nicht das Wesen der Orgel - einmal abgesehen davon, dass das Dauerfortissimo in den vor-elektrischen Zeiten gar nicht möglich war, weil es die Bälgetreter überfordert hätte. Näher an das Wesen meiner Orgel wurde ich durch einen weiteren jugendlichen Irrtum geführt. Bei einem Orgelabend in Eckernförde im Jahr 1959 stand auch die Triosonate in Es-Dur von J. S. Bach auf dem Programm. Ich hörte aber immerzu nur die eine Orgel. Also ging ich noch recht Ahnungsloser nach dem Konzert zu dem Organisten und fragte nach den beiden anderen Mitspielern. Der gute Mann gab sich Mühe, mich nicht allzu dumm dastehen zu lassen: Triosonate heiße das Werk, weil der Organist auf zwei verschiedenen Manualen und dem Pedal selber drei selbstständige Stimmen mit- und gegeneinander konzertieren lasse.

Kurz und gut: Was mich heute an der Orgel immer noch bewegt, ist die Tatsache, dass man mit im Einzelnen zwar starren Tönen gleichwohl unter Einsatz aller vier Gliedmaßen, im wechselnden Anschlag die Ansprache der Pfeifen ein wenig variierend, mehrere Stimmen miteinander verflechten und kontrastieren kann, und so den kultischen Raum (was sollen mir Orgeln in Konzertsälen?) mit Leben füllen kann. Von Nicolaus Bruhns (1665-1697) natürlich immer noch himmelweit entfernt: Der soll ja in Husum Werke aufgeführt haben, bei denen er den Bass im Pedal der Orgel spielte, dazu kräftig sang und zur gleichen Zeit entweder manualiter die Orgel oder die abwechselnd die Geige dazu spielte.

Von Bach zu Rock’n Roll gekommen

Dieter Falk (58), Musikproduzent, mag die Erhabenheit der Kirchenorgel. Dennoch wünscht er sich mehr Pop im Gottesdienst.

Nachdem ich schon etliche Jahre Klavierunterricht hatte, habe ich mit etwa 13 Jahren auf Wunsch meines Vaters bei unserem örtlichen Kantor in Siegen-Geisweid Orgelunterricht genommen. Einige Jahre lang habe ich zweimal pro Woche in der leeren Kirche gespielt. Irgendwann bin ich dabei einmal von Bach auf Rock‘ n Roll gekommen. Das klang super. Aber dem Küster, der das gehört hat, hat es nicht gefallen. Er hat mich am Ohr gepackt und aus der Kirche geworfen.

Ich bin ein großer Verehrer von Bach und seinen Orgelwerken. Das Orgelspiel hat mir gefallen, weshalb ich auch den C-Kurs, also die Ausbildung zum Kirchenmusiker angefangen habe. Zwei Wochen vor der Prüfung habe ich allerdings damit aufgehört, weil ich da als Pianist in der Band von Katja Ebstein anfangen konnte. Mir war damals schon klar, dass ich nicht als Organist meinen Lebensunterhalt verdienen werde, sondern eher als Rock- und Jazzpianist. Mein Vater hat das bedauert, da er ein ganz großer Orgelliebhaber war.

Was ich an der Orgel immer gemocht habe, ist ihre Erhabenheit, schon allein bedingt durch die Akustik in einer großen Kirche. Auch die Klangvielfalt der Kirchenorgel ist beeindruckend. Aber als Pianist hatte ich doch immer Probleme mit der fehlenden Anschlagsdynamik der Tasten. In diesem Punkt hat das Klavier mehr Ausdrucksmöglichkeiten. Die Orgel war für mich immer eher wie ein zusätzliches Keyboard. Das meine ich gar nicht abwertend. Ich besitze zwei Nachbauten der Hammond-Orgel, also der elektrischen Orgel ohne Pfeifen (siehe Bild oben). Sie spielt nach wie vor eine wichtige Rolle in unseren Konzerten, weil wir „als Falk & Sons“ ja auch klassisches Repertoire neu interpretieren. Mein Sohn Paul spielt dann die Hammond.

Die Orgel hat nach wie vor eine zentrale Bedeutung in der Kirchenmusik. Aber ist ihre Dominanz gerechtfertigt? Meiner Meinung nach geht das an der Realität der Gesellschaft vorbei. Ohne Frage hat Kirche ihr kulturelles Erbe zu pflegen und auch die traditionelle Musikkultur, also Orgel und Bläserchöre, zu bewahren. Aber Kirche hat auch kulturell eine Reformation nötig. Ich bin derzeit im Rahmen meines neuen Projektes „Rockchor 60+“ in Deutschland unterwegs. Da treffe ich auf Leute, die mit Bach groß geworden sind und immer noch in Orgelkonzerte gehen. Aber sie fetzen wirklich ab bei „Satisfaction“ von den Rolling Stones. Denn sie sind ja auch mit deren Liedern und denen der Beatles groß geworden. Die Generation 60+ ist musikalisch viel breiter aufgestellt als frühere Generationen. Das bedeutet, die Gesellschaft hat sich auch mit Blick auf ihren Musikgeschmack stark verändert, und Kirche muss sich dem anpassen - ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Wir sollten mehr populäre Musik im Gottesdienst unterbringen, noch viel stärker als das bereits geschieht. Denn die Lieder, die jetzt als so genanntes neues Liedgut in den Gesangbüchern stehen, haben ja auch schon wieder fünfzig Jahre auf dem Buckel.

Aufgezeichnet von Stephan Kosch

Fasziniert von Technik und Klang

Björn Hegener (44) ist Oberarzt am Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin. Er hört leidenschaftlich gern Orgelkonzerte.

Ich bin schon lange ein Orgelliebhaber. Mit 16 Jahren habe ich begonnen, das Spiel auf der Kirchenorgel zu erlernen, und habe bis zum Ende meines Studiums regelmäßig gespielt. Dazu fehlt mir mittlerweile leider die Zeit, aber ich gehe immer noch mit großer Begeisterung in Orgelkonzerte. Es war und ist die Kombination aus Technik und Klang, die mich noch immer fasziniert. Man sieht einer Orgel an, wie sie klingt, wie die Töne entstehen, welche strukturellen Eigenschaften einer jeden Pfeife die unterschiedlichen Klänge bestimmen. Zudem begeistert mich die unglaubliche Vielfalt. Jede Orgel klingt anders, jeder Orgelbauer hat seine Eigenheiten, jede Epoche des Orgelbaus hat ihren eigenen Klang. Es ist eine große Kunst im Orgelbau, die Vielzahl unterschiedlicher Register für jedes Instrument individuell auf den Raum abgestimmt zu einer neuen, einmaligen Einheit zu verbinden.

Ob ich ein Orgelkonzert in einer Kirche oder einem Konzertsaal höre, ist für mich zweitrangig. Ich gehe dorthin, wo es interessante Instrumente zu hören gibt. Vor kurzem war ich zum Beispiel in der Hamburger Elbphilharmonie mit ihrer neuen Orgel von Johannes Klais. Und während der Documenta habe ich in Kassel die neue Orgel der Martinskirche gehört, auf der auch Vierteltonschritte gespielt werden können. Sehr beeindruckend!

Ein Gleichnis des Lebens

Natürlich ist mir auch wichtig, welche Orgelstücke auf dem Konzertprogramm stehen. Für mich ist Johann Sebastian Bach der Orgelkomponist. Ich kenne keinen, dessen Musik die Menschen so tief im Inneren erreicht. Ich war einmal in einem Konzert mit Stücken von Olivier Messiaen und seinen Schülern. Das ist gute Musik, ohne Frage. Aber als Zugabe wurde dann ein Bach-Stück gespielt. Es war unglaublich, was das mit dem Publikum gemacht hat. Plötzlich saßen alle auf der Stuhlkante und waren durch diese Musik auf ganz besondere Weise berührt. Ein Orgelstück, das mich immer wieder bewegt, ist Bachs „Pièce d‘orgue“ (Fantasie) in G-Dur (bwv 572). Ein dreiteiliges Stück, in dem im prachtvollen fünfstimmigen Mittelteil eine fantasiereiche Reise durch die Welt der Harmonien stattfindet, während die Rahmenstücke scheinbar schlicht mit wenigen Stimmen und schnellen Figuren quasi immateriell sind. Für mich ist dieses Stück ein Gleichnis des Lebens: unglaublich farbig, trotz Höhen und Tiefen immer harmonisch, aus dem für uns nicht Fassbaren entstanden, wohin es auch wieder verschwindet.

Aufgezeichnet von Stephan Kosch

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