Fast eine Hagiographie

Wim Wenders: „Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes“
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Der Dokumentarfilm „Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes“ lässt nicht viele Fragen offen. Vielleicht ist das eines seiner Probleme.

Die erste Einstellung: ein grauer Himmel, nichts Schönes, nur Trübes, alles bedeckt. Gott ist fern, könnte man interpretieren. Wenn da nicht die leichtfüßige, schöne, entfernt an Schubert erinnernde Musik wäre. Ist Gott doch ganz nahe, eben auch im Unklaren, Trüben, im Alltag?

Der Dokumentarfilm „Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes“ lässt nicht viele Fragen offen. Vielleicht ist das eines seiner Probleme. Der große deutsche Regisseur Wim Wenders hat den Film gedreht, auf ausdrückliche Einladung des Vatikans, mit exklusivem Zugang zum Pontifex Maximus.

Wohlgemerkt: Die Zentrale der katholischen Weltkirche in Rom habe den Film nicht abgenommen, heißt es aus Wenders‘ Umfeld. Aber das war auch gar nicht nötig: Wenders ist eindeutig ein Fan von Papst Franziskus. Er macht daraus keinen Hehl. Wer eine kritische Auseinandersetzung mit Jorge Mario Bergoglio auf dem Papstthron erwartet, sollte in diesen Film nicht gehen. Wegbleiben sollten auch alle, die empfindlich sind, was Kitsch angeht, etwa bei nachgestellten, auf alt getrimmten Reenactment-Szenen zum Leben des Heiligen Franz von Assisi, auf den sich Bergoglio beruft. Der Film ist keine Hagiographie von Papst Franziskus - aber leider oft nahe dran.

Dennoch könnte es sich lohnen, diesen Film anzuschauen. Warum? Zum einen, weil er in vielen Interviewpassagen mit dem Papst dessen Weltsicht und Programm glasklar aufzeigt. Wer diesen Film gesehen hat, wird das weitgehend umstürzende, ja revolutionäre Pontifikat von Papst Franziskus verstehen: die katholische Kirche als eine Kirche der Armen, ganz nahe bei den Menschen, ein Bruch mit langen Jahrhunderten der Kirchengeschichte.

Man muss nicht mit allem überein stimmen, was Bergoglio sagt und vorhat - so ist etwa sein Urteil über den Feminismus in Wenders’ Film ziemlich rückwärtsgewandt, um es vorsichtig zu sagen. Aber dem Papst gelingt es, sein Reformprogramm für die Kirche schlüssig und gewinnend darzustellen. Ein Film für Papst-Versteher oder solche, die es werden wollen. Das ist ein Wert.

Zum zweiten und vor allem aber fasziniert Wenders’ Hommage auf Papst Franziskus durch seine Bilder. Es ist einfach mitreißend, wenn man etwa, wortwörtlich, im Rücken von Franziskus auf dem Papamobil steht und zwischen Tausenden von jubelnden Menschen mit hindurchdüsen darf. Doch diese privilegierte Nähe geht noch weiter, tiefer: Der Film rührt immer dann an, wenn er Franziskus ganz nahe bei den Besuchen der Armen begleitet: bei den Menschen in einer Favela, bei Opfern eines Taifuns, bei Strafgefangenen, bei Flüchtlingen, bei Kranken, bei Kindern und Alten in aller Welt, vor allem im armen Süden des Globus.

Papst Franziskus sucht die Nähe der Menschen, berührt, küsst und umarmt sie - und das wirkt auf beiden Seiten stets so natürlich und echt, dass es keiner weiteren Worte mehr braucht: Das ist die Kirche, die Franziskus vorschwebt. Diese Bilder entschädigen auch für die Tatsache, dass die Interview-Sequenzen mit Jorge Mario Bergoglio nach rund einer Stunde beginnen, ein wenig zu ermüden. Denn wenn jemand dauernd ziemlich kluge Dinge sagt, über die nachzudenken sich lohnen würde, wozu aber kein Raum bleibt, weil uns Wenders wieder in eine neue Weltgegend oder an einen anderen Krisenherd zerrt, verpufft die Wirkung des Gesagten immer mehr. Da wäre weniger wohl mehr gewesen.

„Papst Franziskus“ ist ein großer Appell geworden. Ein drängender Aufruf des Papstes an die ganze Welt, mit unserem Planeten, seinen Pflanzen, Tieren und Menschen sorgsam, ja zärtlich umzugehen. Es gibt nicht viele Menschen, denen man einen solchen Appell abnimmt - und noch weniger, die tatsächlich Wirkung damit erzielen könnten. Nicht zuletzt deshalb lohnt es sich, alles in allem, diesen Film zu sehen.

Philipp Gessler

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