Gefühle bei Matthäus

Tanja Dannenmann und die Emotionen im Neuen Testament
Foto: Andrea Enderlein
Foto: Andrea Enderlein
Die Neutestamentlerin Tanja Dannenmann hat Gleichnisse im Matthäusevangelium untersucht und besonders darauf geachtet, wie und mit welcher Absicht dort mit Emotionen gearbeitet wird.

Am Ende meiner Schulzeit wusste ich lange nicht, was ich nach dem Abitur machen sollte. Von den Noten her wäre wohl alles gegangen, aber ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Dann bin ich in der Oberstufe an einem Studientag nach Tübingen gefahren, und es gab eine Führung durch das Theologicum. Ich weiß heute noch genau, an welcher Stelle in der Bibliothek ich stand, als sich in mir der Gedanke festsetzte: „Hier gehöre ich hin, Theologie ist mein Fach!“ Eine Art „Erweckungserlebnis“ angesichts der vielen Bücher, deren Inhalt mich lockte.

Also begann ich Theologie zu studieren, wobei ich von Anfang an überzeugt war, dass der Lehrerberuf besser zu mir passen würde als das Pfarramt. Als zweites Fach wählte ich Latein.

Nach dem Examen wollte ich eigentlich gleich ins Referendariat, aber meine Abschlussarbeit über den Zweiten Thessalonicherbrief machte mir so viel Freude, dass ich Lust bekam, weiter zu forschen. So habe ich mich beim Graduiertenkolleg „Die Zeitdimension in der Begründung der Ethik“ am Forschungszentrum „Ethik in Antike und Christentum“ an der Universität Mainz beworben. Gemeinsam mit meinem Doktorvater Professor Ruben Zimmermann habe ich ein Thema entwickelt, das im Bereich der narrativen Ethik angesiedelt ist. Narrative Ethik meint jene Art von Ethik, die in Erzähltexten, also eher implizit vermittelt wird und nicht explizit durch klare Gebots- oder Verbotssätze à la „Du sollst/Du sollst nicht“.

Im Laufe der Zeit, als sich das genaue Thema meiner Arbeit formte, wurde mir dann immer mehr bewusst, dass es in diesem Feld stark um Emotionen geht, denn je nachdem, wie ich eine Zeitvorstellung, die in Erzähltexten vermittelt wird, emotional wahrnehme, ob sie mich beispielsweise besorgt oder beruhigt, handle ich auch anders. Mir fiel auf, dass es in der Exegese bisher kaum ausgereifte Methoden gibt, mit denen Emotionen in und an neutestamentlichen Texten sinnvoll untersucht werden können, Methoden, mit denen wir der Frage nachgehen, welche Emotionen der Figuren ein Text vermittelt und welche Emotionen der Autor des Textes im Rezipienten auslösen möchte, denn das können ja durchaus verschiedene Dinge sein. Insofern geht es mir in meiner Arbeit um eine Sensibilisierung auf die emotionalen Textkomponenten biblischer Erzähltexte. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, Modelle zu skizzieren, mit denen man die verschiedenen emotionalen Schichten im Text besser identifizieren kann.

Emotionen, die in Texten explizit genannt werden, sind nicht so schwer zu erschließen. Daneben gibt es aber auch indirekt dargebotene, da müssen wir beispielsweise aus dem Verhalten der handelnden Figuren auf die Emotionen derselben schließen. Darüber hinaus gibt es noch eine weitere Ebene, nämlich die der Emotionen, die die Erzählung beim Leser auslösen soll. Also die Frage danach, wie der Autor den Text gestaltet, damit beim Leser ganz bestimmte Emotionen aufkommen. Diese Emotionen wiederum tragen häufig maßgeblich zur Textpragmatik bei, indem sie die ethischen Handlungsimpulse der Erzählung unterstützen. In der Literaturwissenschaft gibt es für diese emotive Untersuchung diverse Methoden, welche ich für die neutestamentliche Exegese fruchtbar mache.

Dieses „Management von Emotionalität“ in neutestamentlichen Texten habe ich nun in meiner kürzlich abgeschlossenen Arbeit „Emotion, Narration und Ethik - Zur ethischen Relevanz antizipatorischer Emotionen in Parabeln des Matthäus-Evangeliums“ zum Beispiel in der Parabel von den anvertrauten Geldern in Matthäus 25, 14-30 untersucht: Da gibt es zwei „gute“ Sklaven, die handeln mit dem Geld ihres Herrn und vermehren es. Und dann gibt es den einen „faulen“ Sklaven, der das Geld einfach vergräbt. Welche Emotionen soll das bei den Rezipienten auslösen? Bei Matthäus geht es darum, auf das zukünftige Gericht Gottes vorbereitet zu sein. Dieses vergegenwärtigt er in Parabeln narrativ, an deren Ende oft sehr drastische Bilder stehen, so auch bei der Parabel von den anvertrauten Geldern, da heißt es: „den unnützen Sklaven werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird Weinen und Zähneknirschen sein.“ Die hier von Matthäus ausgelöste Furcht wird im Sinne einer Drohethik häufig sehr kritisch gesehen. Ich finde ein stückweit zu Unrecht: Denn Wachsamkeit verbindet sich ja emotionspsychologisch mit Freude oder Furcht, und Matthäus stellt neben das „Weinen und Zähneknirschen“ auch immer wieder explizit die Freude (wie in 25, 21.23: „Geh hinein in die Freude“).

Vereinfacht könnte man also im Falle von Matthäus 25, 14-30 sagen: Wen die vorwegnehmende Freude mit den beiden „guten“ Sklaven am Heil nicht genug motiviert, für den gibt es bei Matthäus eben auch einen anderen Handlungsstrang, der zeigt, was passiert, wenn man nicht wachsam ist. Emotionen bei Matthäus sind also nicht per se gut oder schlecht, sondern für ihn ist der handlungspragmatische Aspekt entscheidend. Die Furcht am Ende der Parabeln soll zu Wachsamkeit hinsichtlich der eigenen Lebensweise führen, indem sie ein mögliches Schicksal des Menschen beim Endgericht Gottes antizipierend wahrnehmbar macht. Ja, ich habe den Eindruck gewonnen, Matthäus will uns ethisch emotional motivieren und sagen: „Du kannst dein Schicksal hier und jetzt beeinflussen! Dabei ist es in Ordnung, wenn Du dich vor dem Gericht Gottes fürchtest, solange dich das anreizt, gut zu handeln. Du solltest dich nur nicht so fürchten wie der dritte Sklave im Gleichnis von den anvertrauten Geldern, denn diese Angst, die alles vergräbt, ist unproduktiv und führt zu nichts.“ Das Gleichnis endet also mit der Angst vor der Angst selbst, und die Pointe könnte man so formulieren: Furcht darf sein und gehört zum Leben, aber Du kannst im Vertrauen auf Gott und auf dein eigenes Handeln diese Furcht auflösen, sie sogar in Vorfreude verwandeln und mutig in der Gegenwart handeln.

Wie sieht meine Zukunft aus? Zunächst werde ich mein Promotionsverfahren mit dem Rigorosum abschließen und dann im nächsten Jahr ins Referendariat in die Schule gehen. Wie es dann weitergeht, ist noch nicht ganz klar, aber ich hoffe, dass ich auch weiter wissenschaftlich arbeiten kann, denn das macht mir großen Spaß. Vielleicht eine halbe Stelle in der Schule und eine halbe an der Uni? Das wäre the best of both worlds …

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick

Tanja Dannenmann

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