Ein Abenteuer

Die Hiobsgeschichte
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Türckes Rekonstruktion ist ein Schlüssel zum Rätsel der Hiobsgeschichte

Die Lebenswelt ist auf Ausgleich angelegt. Schon in frühen Ritualen haben Menschen der übermächtigen Naturgewalt geopfert, um einen gerechten Ausgleich für die Schuld zu erwirken, die sie zum Beispiel durch Töten und Fleischessen auf sich luden. Äquivalenz gilt als Prinzip für den Ausgleich von Schuld und Schulden durch Opfern und Bezahlen.

Gegenüber diesem Denken in Äquivalenzen zeigt sich die Hiobsgeschichte seit eh und je als eine sperrige Herausforderung. Sie erzählt von einem Gott, der es dem Satan überlässt, den Glauben des glücklich-reichen Hiob bis aufs Blut zu testen. Und sie zeigt einen leidenden Menschen, der zwar gegen sein Geschick vor Gott protestiert, aber bis zum vollkommenen Verlust seiner Lebenskraft an seinem Glauben festhält. Am Ende erlebt er - ebenso unverdient wie sein Leiden - ein Happy End: beides gratis und doch auch vergeblich. Hier findet kein gerechter Ausgleich statt.

Der Leipziger Philosoph Christoph Türcke stellt die Frage, wie eine solche, das Bild von einem allmächtigen und gerechten Gott kompromittierende Geschichte überhaupt in den biblischen Kanon aufgenommen werden konnte. Türcke macht das plausibel, indem er das Buch Hiob als Märchen interpretiert; das Märchen hat, anders als der Mythos, einen glücklichen Ausgang. Der alten, provokanten Geschichte von der Glaubensprobe als Geschäft mit dem Teufel habe wohl ein kenntnis- und einflussreicher Grande aus der Jerusalemer Priesterschaft die umfangreiche Hiob-Dichtung mit den Reden der Freunde eingefügt. Und dadurch sei vermutlich der ärgerliche, aber im Märchen nötige dritte Teil (nach dem wiederholten Glaubenstest) ersetzt worden.

Zunächst habe Gott den rechtschaffenen Hiob zweimal dem satanischen Test ausgesetzt, ob Hiob denn tatsächlich umsonst, also ohne auf Belohnung zu spekulieren, auf Gott vertraue. Nach Bestehen dieser gesteigerten Probe habe Satan in der dritten Runde Gott herausgefordert, Hiob zu offenbaren, was im Himmel zwischen Gott und ihm verhandelt worden sei. Eine solche Bloßstellung habe schließlich aber Gottes Zorn heraufbeschworen; sie hätte Hiobs vollkommene Verzweiflung und sein tragisches Ende herbeigeführt.

Hiob durfte von diesem Handel also nichts wissen. Die Grenzen zwischen Himmel und Erde müssen im Märchen für die handelnden Personen aufrechterhalten bleiben; nur der Hörer und Leser erfährt von den himmlischen Machenschaften. Um der Glaubensfestigkeit Hiobs und der biblischen Leserschaft willen, bedurfte Türcke zufolge einer „Notoperation“: dem Einschub des Streits der Freunde mit dem Ergebnis: Der göttliche Zornesausbruch blieb erhalten, richtete sich nun aber nicht mehr gegen Satan, sondern als Blitzableiter gegen die Freunde und rehabilitierte den gequälten Hiob.

Das Hiobsmärchen erhält durch diesen Umbau eine andere Zielrichtung: Die Opferarithmetik des gerechten Ausgleichs wird von der Freiheit des geschenkten Umsonst verdrängt: „Eine Welt, die durch einen allmächtigen Gott im Lot gehalten wird, so dass in ihr stets alles mit rechten Dingen zugeht, eine Entsprechung, ein Äquivalent hat: ist die glaubwürdig? Das Hiobsmärchen sagt: Nein…Der Überschuss des Geschenkten ist umsonst und gerade deshalb die Würze aller Glückserfahrung; allerdings auch der Bitterstoff, der uns daran gemahnt, dass sie bloß der Vorgeschmack einer Glückseligkeit ist, die Sterblichen vorenthalten bleibt. Und so berühren sich in dem hebräischen Wörtchen hinnam die Extreme: Umsonst ist das Vergebliche, aber auch das Beglückende.“

Hiob hat umsonst gelitten, und sein Geschick wendet sich, obwohl, ja, gerade weil er sich erduldend dagegen erhoben hat. Türckes Rekonstruktion ist ein Schlüssel zum Rätsel der Hiobsgeschichte und ihrer mutigen Aufnahme in den biblischen Kanon. Sie bleibt eine literarische Hypothese, aber eine in den Interpretationszügen plausible Annahme. Sie ist jedenfalls ein mitreißendes Abenteuer literaturkritischen Scharfsinns.

Hans Norbert Janowski

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