Ertrag einer Debatte

Neues von Notger Slenczka zum Verhältnis von Altem und Neuem Testament
Slenczkas neues Buch - 500 Seiten einer unausgetragenen Debatte.
Slenczkas neues Buch - 500 Seiten einer unausgetragenen Debatte.
Vor drei Jahren entbrannte eine Debatte über den Berliner Systematiker Notger Slenczka und seine Sicht auf das Alte Testament. Nun hat Slenczka die Debatte noch einmal aufgearbeitet - überwiegend im „sachlichen Ton“ und ohne „Schaum vorm Mund“, meint der langjährige theologische Präsident des lutherischen Kirchenamtes in Hannover, Friedrich Hauschildt.

Eine theologische Debatte schafft es offensichtlich nur in die Feuilletons, wenn sie mit Skandalisierung verbunden wird. So geschah es 2015 mit einem bereits 2013 erschienenen Aufsatz von Notger Slenczka zur Bedeutung des Alten Testaments. Schwierige Sachfragen von hoher Komplexität bei einer sensiblen Thematik, grobe Vereinfachungen und wohl auch persönliche Spannungen waren die Elemente, aus denen Entrüstung und Verwerfungsurteile ihre Dynamik bezogen (vergleiche dazu die Beiträge von Notger Slenczka, Rochus Leonhardt, Alexander Deeg, Frank Crüsemann und Ulrich Barth zur so genannten Slenczka-Debatte in zz 6/2015 bis zz 10/2015).

Nun hat Notger Slenczka ein Buch erscheinen lassen, das zur Versachlichung einer erregten - und dann auch wieder schnell vergessenen - Debatte beitragen kann. Er präsentiert damit die bleibend wichtigen Fragen in einer übersichtlichen, reflektierten und besonnenen, auch selbstkritischen Form. Dass Slenczka angesichts der ihm widerfahrenen Vorwürfe das Bedürfnis verspürt, sich gut abgesichert in einer gewissen Breite (auf gut 500 Seiten) zu äußern, ist verständlich. Ob man mit dem Verfasser in jeder Einzelheit übereinstimmt, ist nicht die Frage. Wissenschaft beginnt nicht damit, dass Überzeugungen entschieden vertreten werden und sie uns Leser zur Parteinahme auffordert, sondern dass richtige, unabweisbare Fragen gestellt werden, dass allgemein vorausgesetzte oder immer wieder beteuerte Konsense auf den Prüfstand kommen, dass verschiedene mögliche Antworten erwogen und gegeneinander abgewogen werden und der offene Diskurs damit angeregt wird. Und genau das leistet Slenczka mit diesem Buch.

Bemerkenswert und transparenzfördernd ist schon die mehrfach-perspektivische Struktur des Buches in vier Kapiteln: Fachwissenschaftlichen Texten folgen allgemeinverständliche Darstellungen. Mit Meditationen und Predigten über alttestamentliche Texte zeigt Slenczka, wie auch unter seinen Denkvoraussetzungen das gegenwärtige fromme Bewusstsein sich auf Texte aus dem Alten Testament fruchtbringend zu beziehen vermag. In einem vierten Zugang erörtert er, wie ein theologisch verantwortetes, von Respekt getragenes Verhältnis zum Judentum aus seiner Sicht heute aussehen kann, beziehungsweise muss.

Eine Reihe von Klärungen und weiter zu erörternden Themenstellungen schälen sich deutlich heraus und lassen Empörung, Skandalisierung und Exklusionsforderungen in den Hintergrund treten: Die Behauptung, Slenczka wolle das Alte Testament „abschaffen“, trifft die Argumentation Slenczkas nicht und setzt sich dem Verdacht aus, sich gegen eine berechtigte Anfrage zu immunisieren. Slenczka vertritt ausdrücklich eine bleibend notwendige, aber in ihrer Bedeutung herabgestufte und präzisierte Bezugnahme auf das Alte Testament.

Alles auf Christus bezogen

Die Klärung der strittigen Frage der Kanonizität des Alten Testaments setzt eine Erörterung darüber voraus, was mit Kanonizität unter neuzeitlichen Bedingungen gemeint sein kann. Die bloße Behauptung der Kanonizität einer Schriftengruppe beantwortet diese Frage nicht. Dass die Normativität biblischer Schriften vor und nach der Durchsetzung der historisch-kritischen Betrachtungsweise unterschiedlich auszulegen ist, dürfte kaum zu bestreiten sein. Slenczka liefert zu dieser Frage klärende historische, hermeneutische und systematische Erläuterungen.

Ein Eckpunkt der Slenczka’schen Überlegungen besteht in folgender Erwägung: Der christliche Glaube hat sein Charakteristikum darin, dass in ihm alles auf Jesus Christus bezogen wird. Seit Paulus war in der Christenheit die Überzeugung vorherrschend, dass (auch) das Alte Testament schon aus sich heraus auf Christus verweist. Luther hörte in den Psalmen nach ihrem Literalsinn Christus zu seiner Gemeinde reden. Auf dieser Grundlage konnte zum Beispiel die Barmer Theologische Erklärung von Jesus Christus als dem einen, in der Heiligen Schrift bezeugten Wort Gottes sprechen. Wenn nun aber die unmittelbare christologische und ekklesiologische Deutung des Alten Testaments als unzulässige Enteignung Israels durchschaut wird, reicht die Auskunft, „dass das Alte Testament in gleicher Weise wie das Neue Quelle und Norm der evangelischen Theologie“ sei, kaum mehr aus. Wer Slenczkas Texte aufmerksam und unvoreingenommen liest und seine Argumente in Betracht zieht, wird es für absurd halten, den Verfasser in die Nähe von Rassismus zu rücken. Slenczkas Urteile haben mit Abstammungsverhältnissen schlechterdings nichts zu tun.

Problematischer Vorwurf

Auch der von manchen erhobene Antijudaismusvorwurf ist problematisch. Antijudaismus bezeichnet eine angebliche Züge des Judentums böswillig vereinfachende und verzerrende, Ressentiments schürende und Eingriffe in die Menschenrechte von Juden begünstigende und ihnen ihre Gotteserwählung bestreitende Tendenz. Ob Slenczkas Charakterisierung des Judentums in Geschichte und Gegenwart in allen Einzelheiten zutreffend ist, kann offenbleiben. Antijudaistisch wird man seine Argumentation nur dann nennen können, wenn man schon den Aufweis von Differenzen für eine verwerfliche Grenzüberschreitung hält. Was an Luther antijudaistisch genannt werden muss, verschweigt Slenczka nicht. Das Verhältnis zwischen Gottesglaube, Erwählung eines Volkes und Landverheißung, zwischen Partikularität und Universalität im Glauben Israels aber muss kritisch diskutiert werden können. Die Unterstützung des Staates Israel ergibt sich für Slenczka aus den Normen einer allgemeinen politischen Ethik und einer geschichtlichen Verantwortung und nicht aus einer religiös begründeten Heiligkeit des Landes oder exklusiven Erwählung.

Es ist das Verdienst des neuen Buches, dass es wichtige, hochkomplexe und sensible Fragestellungen je für sich und in ihrem Zusammenhang herausarbeitet, über den Stand der Fachdebatte informiert und verschiedene Antwortmöglichkeiten historisch und systematisch fair nach ihren Argumenten und ihrer Leistungsfähigkeit vorstellt.

Slenczkas Argumentation wird von drei allgemeineren Zügen geprägt, denen nicht jeder zustimmen muss, die aber in evangelischer Theologie vertreten werden können müssen, ohne Empörung auszulösen:

Erstens. Religiöse Texte und Wahrheitsansprüche zielen darauf, heute Zustimmung zu finden, also in gegenwärtiges religiöses Selbstbewusstsein einzugehen. Das durch ein christliches Bewusstsein geprägte Subjekt wird Texte aus der Zeit vor Jesus von Nazareth entweder auf die eine oder andere Weise christlich deuten (wie es früher üblich war und wie es heute nach überwiegender Meinung so nicht mehr unmittelbar möglich ist) oder aber es wird eine deutliche Differenz empfinden. Dieses Differenzempfinden kann die Form von Fremdheit annehmen, es kann auch in vorchristlichen Texten eine allgemein-menschliche Selbstdeutung wahrnehmen. Letztere Möglichkeit betont Slenczka. Das Spannungsverhältnis von christlicher Deutung oder Differenz lässt sich nicht auflösen, indem man sich auf eine gegenständlich gedachte Kanon-Autorität beruft oder die deutende Vergewisserung im Subjekt als Subjektivismus verwirft. Slenczka erörtert sehr differenziert unterschiedliche hermeneutische Zugänge nach ihren jeweiligen Stärken und Schwächen.

Zweitens. Dass Jesus ein gläubiger Jude war und die frühe Gemeinde selbstverständlich jüdische Vorstellungen benutzt, um die Sendung Jesu von Nazareth in Worte zu fassen, wird von Slenczka natürlich nicht bestritten. Auch dass das Evangelium von Jesus Christus unauflöslich auf den jüdischen Glauben bezogen ist und bleibt, bestätigt er ausdrücklich. Aber das Evangelium ist mit seiner historischen Verankerung im Glauben Israels als Evangelium von Jesus Christus nicht einfach aus diesem ableitbar. Mit dem zutreffenden Hinweis auf die historische Verankerung ist die Frage noch nicht beantwortet, inwiefern das Evangelium zugleich über jüdische Vorstellungen hinausgeht und etwas Neues bedeutet. Der christliche Anspruch, dass sich Gott in Jesus Christus erschließt und Jesus von Nazareth in das Gottesgeheimnis selbst hineingehört, reicht nach Slenczka über den alttestamentlichen „Wahrheitsraum“ (Crüsemann) hinaus. In diesem Zusammenhang konstatiert Slenczka eine generelle Schwäche des Protestantismus, das ,Neue‘ als solches wahrzunehmen.

Drittens. Gerade weil Judentum und Christentum sich auf denselben Gott und dieselben Schriften beziehen, diese aber jeweils unterschiedlich deuten, ist eine genauere Verhältnisbestimmung unausweichlich. Denn „die gemeinsame Tradition hat (auch) eine trennende Kraft“. Dieses dialektische Verhältnis ist im Laufe der Jahrhunderte in verschiedenen Modellen vorgestellt worden, von denen keines nicht auch gravierende Probleme impliziert:

(a) Der Abrahambund ist schon immer christologisch zu verstehen. Diese Vorstellung stellt eine rückwirkende christliche In-Besitznahme jüdischen Glaubens dar und bedeutet damit eine Enteignung Israels.

(b) Mit dem neuen Bund Gottes mit der Kirche ist der alte Bund verworfen. Auch das stellt eine Enteignung, Substitution Israels dar und maßt sich ein Urteil über Gottes Handeln an Israel an.

(c) Es gibt nur den einen mit Israel geschlossenen Bund. Der christliche Glaube ist nur die Bestätigung der Weitergeltung des einen Bundes. Diese Vorstellung lässt das Neue in Jesus von Nazareth unterbestimmt.

(d) Die Christen werden durch Chris-tus in den einen Bund Gottes mit Israel hineingenommen. Dies stellt faktisch auch eine Enteignung dar.

All diese Lösungen, die in der Vergangenheit immer wieder vertreten wurden, hält Slenczka aus unterschiedlichen Gründen für nicht sachgerecht. Den gemeinsamen Mangel erblickt er darin, dass in diesen Modellen die Unterschiedlichkeit von Judentum und Christentum nicht ausgehalten, sondern eine Vereinheitlichung durch Harmonisierung oder Substitution beziehungsweise Exklusion angestrebt wird, um so den Konflikt zu vermeiden. Demgegenüber sieht Slenczka die Lösung darin, an der Unterschiedlichkeit festzuhalten, aber diese in wechselseitigem Respekt, ja in „liebevoller Gemeinschaft“ zu leben und so ein Beispiel für Toleranz aus Glauben zu geben. Er will Kontinuität und Diskontinuität, Einheit und Differenz zusammenhalten.

Slenczkas Ausführungen sind - selbstverständlich - nicht über jeden Irrtum erhaben. Er selbst lädt im Vorwort zu kritischer Diskussion ein und schließt die Möglichkeit nicht aus, seinerseits zu irren. Aber Slenczka „provoziert“ zu einer sachbezogenen Debatte, sein Buch regt zur Klärung der eigenen Anschauung an. Dass ein Autor, obwohl er Gegenstand von Empörung und Exklusionsforderungen war, sich - abgesehen von gelegentlichen kleinen „Spitzen“ - ohne „Schaum vorm Mund“ in sachlichem Ton mit Argumenten neuerlich exponiert, ist nicht selbstverständlich.

Literatur

Notger Slenczka: Vom Alten Testament zum Neuen - Beiträge zur Neuvermessung ihres Verhältnisses. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, Leipzig 2017, 506 Seiten, Euro 44,-.

Friedrich Hauschildt

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