Berührend

Selbstverwirklichung im Glauben
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Ein Buch, das über die theologische Zunft hinaus eine große Leserschaft verdient.

Was ist das Selbst? Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Und was hat das mit meinem christlichen Glauben zu tun? Um diese zentralen Fragen geht es in dem neuen Buch des Systematischen Theologen Hans-Martin Barth. Dieser nimmt Leserin und Leser auf einen längeren Weg mit, der mit der „Annäherung an das Ich“ beginnt und bei konkreten Vorschlägen endet, mit der Ermutigung, „entschlossen zur Entfaltung zu bringen, was mir an Kräften und Gaben mit meinem Leben geschenkt ist“.

Dazwischen gilt es erst einmal, sich dem eigenen Ich anzunähern, immer im Bewusstsein, dass Selbstverwirklichung auf Möglichkeiten zur Veränderung beruht. Bei den Konzeptionen der Selbstverwirklichung verweist Hans-Martin Barth auf bekannte Vertreter existentieller und humanwissenschaftlicher Ansätze und Aspekte. Aber zur Frage nach dem Selbst gehört auch, dass von „Christentum und Ich-Schwächung“ die Rede ist. Barth zitiert Friedrich Nietzsches Vorwurf, dass christlich heiße, alles zu hassen, was Freude macht.

Diese Auffassung Friedrich Nietzsches scheinen „verhängnisvolle Bibelstellen“ und Belege zu einer „Frömmigkeit auf Kosten des Selbst“ zu stützen. Da tauchen Mystiker wie Meister Eckhart und Johannes Tauler ebenso auf wie einschlägige Liedstrophen des evangelischen Gesangbuchs.

Barth kontert, dass das „deutlichste und bleibende Korrektiv einer solchen Fehleinschätzung Jesus selbst“ sei. Zudem verhindere nicht der christliche Glaube die Entfaltung des menschlichen Ichs, sondern es sei der Mensch selber, der durch „vielerlei Programme und Techniken“ sein Selbst reduziere. Damit kommt das Phänomen „Sünde“ ins Spiel. Aber wie kann, fragt der Systematiker Barth, christlicher Glaube „von Selbstverwirklichung reden und zugleich an der These von der Sündhaftigkeit des Menschen festhalten“? Barths Antwort setzt bei theologischen Begriffen wie Gottebenbildlichkeit und Gottähnlichkeit an, um daran den Kampf zwischen Sünde und Selbst und die Sünde der Selbstentfremdung aufzuzeigen.

Barth führt Leser und Leserinnen auf diese weitere, theologisch dichte Wegstrecke seines Buches: Da werden von ihm theologische Denkmodelle genannt, die sich mit Theologen verschiedener Epochen verbinden. Der Bogen spannt sich von Thomas von Aquin über Mystiker, wie Nikolaus Cusanus und Meister Eckhart, und die Reformatoren, bis hin zu Ludwig Feuerbach.

Was bedeutet dies nun für die eigene Selbstverwirklichung im Glauben? Barth spricht von Talenten, die es zu entdecken und zu entfalten gelte und mit denen man andere beschenken könne. Gerade der Abschnitt „Authentisch leben: Konkretionen“ vermag anzuregen, ganz persönliche Schritte in Richtung Selbstverwirklichung im Glauben zu tun: Der Verfasser zeigt ein weites Feld auf, das einlädt, sich persönlich einzubringen: in der Gesellschaft und auch in persönlichen Beziehungen.

Wie gestalte ich Abschiede? Wie gehe ich mit Konflikten um? Wie überwinde ich Konfliktscheu? Wie gelingt es, mehr Fantasie im familiären, beruflichen oder auch religiösen Bereich zu entwickeln? Dies könnte Leserinnen und Leser dazu ermutigen, sich darin zu üben und zu erfahren, wie das Danken und Feiern ihr Leben bereichern kann. Es kann aber auch für andere sensibilisieren, die auf Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe angewiesen sind. Hilfreich sind die Anmerkungen, und die ausgewählte weiterführende Literatur lädt ein, sich mit den Themen evangelische Spiritualität, Mystik und Meditation eingehender zu befassen. Ein Buch, das über die theologische Zunft hinaus eine große Leserschaft verdient.

Karl-Friedrich Ruf

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