Vermittlerin

Eine Migrantengeschichte
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Emilia Smechowski will den „Unsichtbaren“ Gesicht und Stimme geben, indem sie ihre eigene Geschichte erzählt.

In Deutschland leben rund zwei Millionen Menschen polnischer Herkunft. Viele von ihnen suchten bereits in den Achtzigerjahren das „bessere Leben“ im Westen und hatten es damit relativ leicht, wenn sie sich als Aussiedler ausweisen konnten. Es lag nicht nur am deutschen Desinteresse, wenn sie als Einwanderer kaum wahrgenommen wurden. Sie selbst waren bemüht, ihre polnische Herkunft unsichtbar zu machen. Sie wollten perfekte Deutsche werden. Die Angst, nicht gut genug zu sein, schwang dabei oft mit und lastete auf den Familien. Dazu kam bei vielen auch eine gewisse Scham: Denn „Aussiedler“ war man ja nur, weil ein Großvater sich von den Nazis auf die so genannte Deutsche Volksliste hatte setzen lassen, nicht ahnend, dass er dann auch für die Deutsche Wehrmacht kämpfen müsste. Für diesen dunklen Punkt in der Familiengeschichte bekam man nun die deutsche Staatsangehörigkeit und wurde das Gefühl nicht los, das „bessere Leben“ mit einem Verrat an der Heimat erkauft zu haben.

So jedenfalls beschreibt die Journalistin Emilia Smechowski die Gefühlslage in ihrer Familie. Sie will den „Unsichtbaren“ Gesicht und Stimme geben, indem sie ihre eigene Geschichte erzählt. Keine fünf Jahre alt war sie, als ihre Eltern 1988 den Fiat Polski mit Badesachen vollpackten, die Plattenbausiedlung in Wejherowo bei Danzig verließen, um, wie es hieß, „in die Ferien zu fahren“. Tatsächlich steuerten sie ein Aufnahmelager in West-Berlin an. Rätselhaft blieb für das Kind, warum die Mutter weinte und der Vater schwieg, rätselhaft, warum es keine Heimfahrt gab, aber sehr bald die Maßgabe: „In Deutschland sprechen wir deutsch.“

Der Aussiedlerstatus machte es möglich: Eine Wohnung und Arbeit ließen nicht lange auf sich warten. Beide Eltern waren Ärzte, und bald ging es aufwärts in eine gutbürgerliche Existenz mit neuem Auto, Eigenheim und Designermöbeln. Zugleich verschwand jedoch die Fröhlichkeit aus der Familie: Zu sehr standen die Eltern unter Druck, im deutschen Ärztemilieu mithalten zu können. Von den Töchtern wurden makellose Zeugnisse erwartet. Emilia fand Freiraum in der Musik.

Sie war als Sängerin begabt und entfloh schon als Sechzehnjährige den familiären Zwängen mit dem Ziel, Gesang zu studieren. Nur den enormen Leistungsdruck hatte sie verinnerlicht. Sie überforderte sich jahrelang, bis sie schließlich in ein freieres Leben fand, als sie ihre Herkunft nicht länger verleugnete, sondern sich wieder mit ihren polnischen Wurzeln verband. Ihre Tochter wächst nun zweisprachig auf - europäisch.

Vieles in dieser sehr ehrlichen und höchst lebendig erzählten Autobiografie wird zumindest älteren Leserinnen und Lesern so fremd gar nicht sein: Das Hineinwachsen in zunehmenden Wohlstand, eine strenge Erziehung, Leistungsdruck und endlich die heftige Rebellion dagegen haben ja auch so manche deutsche Nachkriegsjugend bestimmt. Nur wird hier ein Stück deutscher Geschichte noch einmal aus einer anderen Perspektive erzählt, gewissermaßen von außen, und das erweitert dann doch sehr den eigenen Horizont.

Als Frau mit zwei Heimatländern will Emilia Smechowski auch in der aktuellen Debatte um die Geflüchteten und Migranten Vermittlerin sein, die von der Mehrheitsgesellschaft oft genug nur als Problem, jedenfalls als integrations- und hilfsbedürftig wahrgenommen werden. Sie fragt, ob man nicht viel mehr mit dem Eigenantrieb der Menschen rechnen sollte, die so viel investiert haben, um hierher zu kommen. Und sie fragt auch: Ist Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft wirklich das A und O? Warum darf der Bruch nicht sichtbar bleiben, der mit jeder Migrationsbiografie verbunden ist?

Angelika Obert

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