Axt und Armbrust

Poems for Laila: Dark Timber
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Tschechow-artige Villen tief im Wald oder in der Ebene, in denen ihr Traumfolk schwundigen Love Stories ein wohliges Zuhause bietet...

Ein Mann, eine Frau - die gängigste Blaupause für Begehren, Erfüllung, Verlassen und Verfehlen. Zwischen Amour fou, Larifari, Diamanthochzeit und Drama ist viel möglich, Gelingen nie garantiert, Spannung dafür aber meist. Hier sind das Nikolai Tomás und Joanna Gemma Auguri, Gitarre und Akkordeon, zwei starke Stimmen, gemeinsam seit 2015 "Poems for Laila": Ein Duo aus Berlin mit weißrussischen und polnischen Wurzeln, nonchalant, zugleich cool und lächelnd melancholisch, stabil desillusioniert, krachend ironisch, schwermütig nie, aber unbeirrt romantisch und in ihren Songs geht es meist um Liebe.

Symbol ihrer ersten Platte "Tik Tak" war die Axt, für die neue Dark Timber ist es jetzt die Armbrust. Entsprechend oft begegnet in ihren Love Songs denn auch das Schlachtfeld als akzentuierende Vokabel, was mit dem getragenen, reduzierten Sound aus englischem Gitarrenfolk und gehaucht sehnsuchtslastige Klangfarben aus Ostmitteleuropa eine besondere Poesie schafft. Sie singen und schreiben ganz selbstbewusst auf Englisch, so wie das auch Joseph Conrad tat. Erotischer Scheitelpunkt ihrer Geschichten ist die wirkliche oder imaginierte Stadt der Liebe - Paris. Aufgenommen haben sie die zwölf Songs jedoch im Abgelegenen, in einem Jurtenstudio im Brandenburgischen, an das die legendäre Landschaft Sarmatien zwischen Ostsee und Schwarzem Meer grenzt: „Seele, /voll Dunkel, spät -/der Tag mit geöffneten/Pulsen, Bläue -/die Ebene singt“, heißt es in Johannes Bobrowskis emblematischem Gedicht „Die sarmatische Ebene“ dazu.

"Poems for Laila" widmen sich aber ganz der aufblühenden und wieder vergehenden Liebe, bevorzugt auf der Grenze zur Nacht. Sie tun das so vital ernst wie nötig, aber ohne Schwere und gern auch mit schelmischem Grinsen: „She said: Loving me is easy/but life with her was pain“ lautet etwa die Eröffnungszeile von Easy, und das hymnische Oh, My Heart ist denn auch der heimliche Hit der Platte. Die rhythmische Dynamik ist stets aufrecht ausschreitend, selbst in dem verrätselt introvertierten und klanglich experimentierenden Lyttleton. Und stets reichen ihnen faszinierender Duettgesang, gelegentliche Loops, intensiver Balladentalk, Gitarre und Akkordeon, um ihren Songs das passende Gewand zu geben. Statt wohlfeilem Effektgeschnatter goldener Handwerksboden, darauf tschechow-artige Villen tief im Wald oder in der Ebene, in denen ihr Traumfolk schwundigen Love Stories ein wohliges Zuhause bietet - verschleppt, fast hinkend, dafür tanzen die Stimmen und der Sound, und halten die unstillbare Sehnsucht aus. Das ist zauberhaft versponnen und sehr erwachsen, denn die Welt ist nun mal so. Oder wir? Einfach wunderbar.

Udo Feist

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