Los Normalos

Kammermusik in Echtzeit
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"Baroque Passion" ist eine Aufnahme à la Kloppo: Klar heraus, leidenschaftlich gespielt, aber ohne Sperenzchen.

"I’m the normal one" ("Ich bin der Normale") sagte Jürgen Klopp vor drei Jahren anlässlich seiner Vorstellung als Trainer des FC Liverpool. Kenner wussten sofort, worauf er anspielte, nämlich auf seinen Konkurrenten José Mourinho, der über sich den Satz "I’m the special one" ("Ich bin der Besondere") in Umlauf gebracht hatte. Flugs vom Philosophieren über Fußballtrainer zum Philosophieren über Aufnahmen von Barockmusik gewechselt, könnte man vielleicht sagen, dass die CD "Baroque Passion" so eine Aufnahme à la Kloppo ist: Klar heraus, leidenschaftlich gespielt, aber ohne Sperenzchen.

So etwas ist selten geworden, denn heute werden auch Aufnahmen mit Alter Musik sehr häufig, gefühlt fast immer, „cross over“ konzipiert, also kombiniert mit Modernem, grell Kontrastierendem. Eine Manie, die von fraglos gelungenen Konzertdesigns unserer Tage abgeguckt ist, deren Nutzen aber für das Genre Aufnahme fragwürdig bleibt. Heute hat man schon Glück, wenn auf Alte-Musik-CDs nicht gesprochen wird. Manchmal wünschte man sich da, die Konzertbühne möge bei ihren Leisten bleiben und nicht ins Wohnzimmer überschwappen, schließlich möchte man - der Autor outet sich hier ohne Scheu - schönste Musik ja auch mal „nur“ nebenbei hören!

Anders nun die vorliegende CD, wenn auch keineswegs nur zum Nebenbei hören: Eine Stunde lang bieten Elisabeth Schwanda (Blockflöte) und Bernward Lohr (Cembalo) - und das soll keineswegs ein negatives Vorzeichen sein - absolut Erwartbares und zwar auf hohem Niveau. Das verschweigt „La Schwanda“ selbst in ihrem Text im Beiheft nicht: „Die hier eingespielten Blockflötensonaten (.) gehören zu den bekanntesten und wohl auch edelsten Werken ihrer Art.“ Mit Letzterem hat Schwanda, die seit Jahrzehnten zu den angesehensten Künstlerinnen und Lehrkräften im Bereich Alter Musik in Deutschland zählt, wohl Recht. Es ist hinreißend, wie klangfarbenfroh und detailliert die Flötistin und der brillant „cemparlierende“ Bernward Lohr, einer der wirklich Besten seines Faches in Deutschland, der aber aufgrund angeborener Uneitelkeit außerhalb des Konzertpodiums nicht viel Aufhebens um sich macht, die Berühmtheiten der Trias Bach, Händel, Telemann musizieren.

Da kommt der Werbespruch einer anderen Branche in den Sinn: „Wie schön, dass es noch so etwas Gutes gibt.“ Das fängt schon damit an, dass man den Atem hört (er ist nicht weggeschnitten, wie bei manchen gestylten anderen Aufnahmen) - welch Labsal!

Ob der Markt so etwas im besten Sinne Konventionelles belohnt? Der Autor hofft es inständig und gibt den beiden noch eine Weisheit von Bundestrainer Jogi Löw mit auf den Weg, der einmal gesagt haben soll: „Brauchscht Cleverness, Power und Spielfreude“. Letzteres ist auf Baroque Passion reichlich zu finden!

Reinhard Mawick

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