Fit machen

Menschen und Medien
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Der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt, hätte vor 20 Jahren niemanden interessiert, heute aber hat er das Zeug dazu, ein Erdbeben auszulösen.

Die Faktenlage ist klar. Man muss kein Medienwissenschaftler sein, um festzustellen, dass die digitale Technik Kommunikation und Information radikal verändert hat. Der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt, hätte vor 20 Jahren niemanden interessiert, heute aber hat er das Zeug dazu, ein Erdbeben auszulösen. Quasi in Echtzeit verbreiten sich Nachrichten (oder Fake News) und Meinungen um die Welt. Dabei entsteht, wie der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen schreibt, eine „deterritoriale Simultaneiät“: Millionen von Menschen befassen sich in Postings, Tweets oder Kommentaren mit demselben Thema, befeuern sich gegenseitig und erzeugen so Zustände weltweiter Gereiztheit. Dabei werden diese Millionen, die früher lediglich Rezipienten von Nachrichten waren, zu deren Produzenten.

Die Folgen dieser Entwicklung greift Pörksen in seinem neuen Buch "Die große Gereiztheit" auf. Er macht dabei verschiedene mediale und soziale Krisen aus: etwa die „Wahrheitskrise“, in der das Vertrauen in Information und alte Gewissheiten verloren geht, die „Diskurskrise“ mit einer sinkenden Deutungshoheit des klassischen Journalismus und die „Autoritätskrise“, die dadurch gekennzeichnet ist, dass Politikerinnen und Politiker in ihrer „Gewöhnlichkeit, Widersprüchlichkeit und Fehlerhaftigkeit sichtbar werden“. Dazu kommt nach Pörksens Darstellung die „Behaglichkeitskrise“, also der Verlust von Rückzugsorten vor der dauerhaften Konfrontation mit (Schreckens-)Meldungen aus aller Welt, und die „Reputationskrise“: der öffentliche Pranger in sozialen Netzwerken, der das Ansehen eines Menschen zum gefährdeten Gut macht.

So weit, so nachvollziehbar die Analyse. Viel wichtiger aber erscheinen an Pörksens Buch die Entwürfe dazu, wie mit dieser Realität künftig umzugehen sei. Vor allem an die Adresse der Bildungspolitik richtet er seine Anforderungen. Sein Ziel ist eine „redaktionelle Gesellschaft“, die die Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zu einem Bestandteil der Allgemeinbildung macht. Wahrheitsorientierung, Skepsis, ethisch-moralische Abwägung und Transparenz sind einige Stichworte dazu. Den Raum der Schule sieht Pörksen zu Recht als „Labor“ einer solchen redaktionellen Gesellschaft. Als eines der Lernziele eines neuen „unvermeidlich interdisziplinären Faches“ nennt er die Vermittlung von Wissen darüber, wie Wissen zustande kommt und wie fehlerhaft und manipulationsanfällig die Wahrnehmung einzelner Personen oder auch die ganzer Gruppen und Gesellschaften sein kann. Auch in Sachen Einschätzung von Quellen und Abschätzung von Wirkungen könnte ein solches Schulfach junge Menschen fit machen.

Bereits 2012 hatte Pörksen in seinem Buch Der entfesselte Skandal festgestellt, dass sich die Menschheit im Umgang mit den neuen Kommunikationstechniken im Zustand einer mentalen Pubertät befände. Daran habe sich, so sagte er jetzt in einem Zeitungsinterview, bis heute nichts geändert. Das ist bedauerlich, denn in der Tat wird es höchste Zeit, dass die Anwender aus dem Zustand des unreifen, unaufgeklärten und unkritischen Umgangs mit dieser Technik (und mit den internationalen Konzernen, die sie zur Verfügung stellen) herauswachsen. Wenn das gelingt, liegen in der weltweiten Vernetzung mit ihren Informationen und Diskursen Chancen für jede Gesellschaft.

Ob diese Botschaft aber von der Politik gehört werden wird, darf bezweifelt werden. Von allen Seiten erklingt hierzulande zwar der Ruf nach einer besseren digitalen Ausstattung der Schulen. Kaum jemand aber verliert ein Wort darüber, dass es mit Hard- und Software allein nicht getan ist. Vielleicht trägt das neue Buch aus der Feder Bernhard Pörksens ja dazu bei, dass sich das ändert. Zu wünschen wäre es.

Annemarie Heibrock

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