Leben im Dazwischen

Anita Rée: eine Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle
Anita Rée (1885-1933), „Selbstbildnis“, 1930. Fotos: Hamburger Kunsthalle
Anita Rée (1885-1933), „Selbstbildnis“, 1930. Fotos: Hamburger Kunsthalle
Zweihundert Werke der Malerin Anita Rée (1885-1933) zeigt die Hamburger Kunsthalle. Der Theologe Robert M. Zoske stellt eine Frau vor, die evangelisch getauft und konfirmiert war, aber von einem antisemitischen Rassismus zur Jüdin erklärt wurde.

Werturteile sind zeitgebunden. Wie zeitgebunden künstlerische Werturteile sind, zeigt die Rezeption Anita Rées (1885-1933), einer Hamburger Malerin, der die Kunsthalle in ihrer aktuellen Ausstellung die erste Retrospektive überhaupt widmet. Als die ehrwürdige Hamburger Institution 1969 zur Jahrhundertfeier einen opulenten Bildband herausgab, wollte man dem Betrachter „eine Vorstellung davon vermitteln, wie reich und vielfältig die Gemäldegalerie dieses Museums ist und einen wie hohen künstlerischen Rang sie behauptet“. Ähnliches sollte 1994 zum 125-jährigen Bestehen geschehen. Da wurden in einer großformatigen Publikation „die wichtigsten Gemälde und Skulpturen“ präsentiert. Auf den insgesamt 700 Seiten sind weder 1969 noch 1994 Bilder Anita Rées publiziert. 2016 erschien zur Wiedereröffnung der sanierten und umgestalteten Kunsthalle ein kompakter Führer. Da fand immerhin das große Selbstporträt Rées von 1930 Eingang. Lange maß man also ihrem Werk keinen hohen oder wichtigen künstlerischen Rang zu.

Das soll nun anders werden. In jahrelanger Forschungsarbeit wurde eine weltweit kollektierte Präsentation ihres Œuvres vorbereitet. In der Kunsthalle, die selbst die größte Rée-Sammlung besitzt, sind jetzt rund zweihundert kaum bekannte Werke zu sehen: Aquarelle, Zeichnungen, Objekte, impressionistische und kubistisch-expressionistische Landschaften. Mehr als die Hälfte der Exponate sind in neusachlichem Stil gefertigte Porträts. So zeigt ein kleinformatiges, um 1915 entstandenes Aquarell einen zarten, ungefähr fünf Jahre alten Jungen. Er wirkt verträumt, melancholisch, vielleicht traurig. Seine feingliedrigen Gesichtszüge verraten Sensibilität und Verletzbarkeit. Das schwarze Haar liegt wie eine Schutzkappe an. Der Bildtitel erklärt dann die blasse, fast graue Gesichtsfarbe, die tiefdunklen Augen, den zurückgezogenen, kraftlos gesenkten Blick: „Kranker Knabe“. Anita Rée hat das Wesen des Kindes meisterhaft eingefangen und erzählt eine Parabel, denn ein vitales Kind symbolisiert die Kraft des Lebens, ein krankes aber spricht von der Hinfälligkeit des Daseins. Als müsste sie der gemalten Lethargie etwas entgegensetzen, signierte Rée das Bild voller Schwung: Die drei Buchstaben scheinen zu tanzen, der accent aigu hüpft lebensfroh.

Während ihres Aufenthaltes in Positano bei Neapel von 1922 bis 1925 entstand das Landschaftsbild „Weiße Nussbäume“. Der Betrachter blickt von einer leicht erhöhten Position auf ein menschenleeres, von grau-weißer Eiseskälte scheinbar eingefrorenes, südländisch-orientalisches Dorf. Der Himmel fehlt. Wie mit Kalk bestäubt, recken kahle Bäume ihre toten Äste, Treppen stoßen auf Mauern oder enden im Nichts. Eine zurückgelassene Leiter lehnt an einer Wand, und das letzte Gebet zur Madonna an der Straßenbiegung liegt lange zurück. Vereinzelte blassfarbene Kakteen und eine Palme trotzen noch dem Frosttod. Fast alle der rot-braunen oder grünen-blauen Türen sind verschlossen.

Als Rée 1926 nach Hamburg zurückkehrte, bot sie das kalte Erstarrungskonstrukt den Hamburger Sezessionisten für eine Ausstellung an. Doch die Jury der sich als progressive Elite verstehenden Künstlervereinigung lehnte das Bild ab. Man erkannte „affektierte, altmeisterliche Härte“.

Kirchliche Bedenken

Das vielleicht bekannteste Werk Rées ist ihr Selbstbildnis von 1930. Es zeigt die 45-Jährige mit südländischen, herb-androgynen Zügen. Auch ein einzelnes Ohrgehänge ist kein unzweideutiges Zeichen ihres Geschlechts. Die Künstlerin hat sich selbst in eine grün-gelbe Wandnische gerückt, bloßgestellt von einem senkrecht auf sie fallenden, grellen Licht. Der Gestus der Arme und Hände vor ihrem nackten Oberkörper signalisiert eine rat-, schutz- und schonungslose Selbstbefragung. Der verschleierte Blick geht über den Betrachter hinweg in die Ferne, die Lippen sind fast trotzig geschlossen. Wie bei nahezu allen Selbstporträts ist Rées Ausdruck melancholisch, skeptisch und leicht verdrießlich.

Man kann von Anita Rées Werk auch ohne ihre Vita fasziniert sein. Doch wer ihr Leben kennt, weiß nicht nur mehr, er versteht die Gemälde besser. Die Künstlerin lebte ständig „im Dazwischen“, wie Karin Schick, die Kuratorin der Ausstellung, im ausgezeichneten, aufschlussreichen Katalog formuliert. Rée war - wie ihre Schwester Emilia - Christin jüdischer Herkunft, evangelisch getauft und konfirmiert; von ihrer familiär halbjüdischen, aber katholisch erzogenen, später protestantischen Mutter aus Venezuela hatte sie ihre dunkle, südländische Erscheinung, von ihrer väterlicherseits jüdischen, wohlhabenden Hamburger Kaufmannsfamilie entfremdete sie sich durch ihr Künstlerleben als Frau. Sie war alleinstehend und kinderlos, malte überwiegend für sich in Paris, Tirol und Süditalien und liebte - meist unglücklich - Männer und Frauen. Die Ablehnung zweier Hauptwerke, der „Weißen Nussbäume“, als gekünstelt und rückwärtsgewandt, und des Triptychons für die Ansgarkirche - auf die nachfolgend eingegangen wird - als künstlerische Fehlinterpretation, ging nicht spurlos an ihr vorüber. Obwohl sie zwischen 1926 und 1930 als Porträtistin in Hamburg durchaus Erfolg hatte und anerkannt war, (ver)zweifelte sie an ihren Fähigkeiten, ihren Beziehungen und der Welt. Kunsthallendirektor Gustav Pauli, der ihre Bilder erwarb und sie auch sonst sehr unterstützte, schrieb: „Sie ist über alle Maßen schwierig und von zahlreichen Hemmungen gelähmt.“ Und der Schriftsteller Hans Carossa urteilte nach einer Begegnung: „Sie scheint es mit sich selbst nicht leicht zu haben.“

Zu Rées pessimistischer Selbst- und Weltsicht trug gewiss der wachsende antisemitische Rassismus bei - an dem sich auch ihre evangelische Kirche beteiligte. Als Ende 1930 die leitenden Gremien berieten, ob sie den Auftrag zur Gestaltung eines Triptychons für die neu errichtete Ansgarkirche in Hamburg-Langenhorn erhalten sollte, erkundigte sich das Hamburger Tagblatt beim Kirchenrat, ob der Auftrag tatsächlich an eine „Jüdin oder getaufte Jüdin“ vergeben werden solle. Auf die Antwort, die Malerin sei „als Kind evangelisch-lutherisch getauft“, ihre Mutter sei „in den zuständigen Registern als evangelisch-lutherisch, (...) ihr Vater ohne Religionsangabe geführt“, erwiderte die Redaktion des nationalsozialistischen Blattes, für sie sei „nicht das Glaubensbekenntnis, sondern die Rasse“ entscheidend: „Ein Jude ist für uns auch dann noch ein Jude, wenn er sich hat umtaufen lassen.“ Diese Ideologie entsprach dem Parteiprogramm der NSDAP.

Gegen diesen Rassismus half es auch nicht, dass Rée sich ausdrücklich von der jüdischen Gemeinschaft distanzierte und sich in ihren biblischen Bilder ausschließlich auf Szenen des Neuen Testaments konzentrierte.

Trotz der Attacke der Tageszeitung erteilte der Kirchenrat Rée den Auftrag zur Gestaltung des Altarbildes: „Das Abendmahl“ in der Mitte, flankiert vom „Einzug in Jerusalem“, dem „Verrat des Judas“ und auf den Außenseiten „Die klugen und törichten Jungfrauen“. Nicht Rées Ausführung, aber die Umsetzung in der Kirchengemeinde scheiterte völlig. Obwohl sie der Kunstkommission eine Vielzahl formal unterschiedlicher Varianten anbot und dem dezidiert geäußerten Verlangen nachkam, in der Darstellung des Abendmahls den „jüdischen Typ Christi“ zu mildern, stieß ihre Darstellung wegen ihrer Farbgebung und Expressivität auf „starke Bedenken“, sie sei „unkultisch und unliturgisch“. Die Jünger wirkten „nicht überzeugend, sondern befremdend“, die Jungfrauen ließen „jede Symbolkraft vermissen“ und entsprächen nicht „dem Charakter des Kirchenraums“, auch die „Christusgestalt“ rief weiterhin „starke Kritik“ hervor, sie sei „durchaus ungenügend“ interpretiert. Insgesamt habe die Malerin es verfehlt, „das Heilige zum Ausdruck zu bringen“, ja, es sei „völlig missglückt“. Dementsprechend lehnte die Ansgarkirche in Hamburg-Langenhorn die von Rée geschaffenen fünf Altarretabeln ab - und zwar nicht aus formalen, sondern aus inhaltlichen Gründen. Das Protokoll des Kirchenvorstands vom 5. September 1932 hält fest: „Die Darstellung des Heiligen sei völlig missglückt, das bildhafte Erschrecken der Jünger schreckte auch die Abendmahlsgäste ab. (...) Der Kirchenvorstand ist nicht gewillt, die Bilder aufzustellen oder auch nur in Verwahrung zu nehmen.“ Der christlichen Gemeinde war das Werk also angeblich nicht zuzumuten. Dass dabei antisemitische Ressentiments eine Rolle gespielt haben, belegt die Forderung, Jesus nicht als Juden darzustellen.

Hakenkreuz am Kirchturm

Des Weiteren befindet sich bis heute auf halber Höhe an der Südseite des Kirchturms ein Hakenkreuz. Die Website der Ansgargemeinde erklärt das damit, ein Maurer habe beim Bau des Turms helle Klinkersteine beiseite gelegt und dann „das Symbol der politischen Partei seiner Wahl eingemauert“. Die Swastika soll also das Machwerk eines einzelnen, unauthorisierten Mauermanns gewesen sein. Wenn das wirklich so war, erstaunt sehr, dass der erste Kirchenvorstand bei der Bauabnahme keine Entfernung des „bis heute deutlich zu erkennenden hellroten Hakenkreuzes“ verlangte. Das spricht für eine breite Akzeptanz dieser Gesinnung in der damaligen Gemeinde. Anita Rées Tafeln wurden 1933 an die Hauptkirche St. Nikolai verschenkt, wo sie vermutlich in einer der Bombennächte 1943 verbrannten.

Die Künstlerin musste noch am 6. Juli 1932 beim Kirchenrat die Auszahlung des vereinbarten Honorars anmahnen: Sie brauche doch „die Summe so nötig.“ Von dem geöffnet ungefähr 0,75 x 4,81 cm großen Triptychon existieren nur monochrome Fotos. Sie werden kleinformatig in der Retrospektive gezeigt.

Sicher trug Anita Rée bereits charakterlich viel dunkel Depressives in sich. Dazu kam aber die politische Verfinsterung durch den Nationalsozialismus, dessen Rassismus die Künstlerin zur Jüdin machte. Sie litt für etwas, was sie nicht war.

Gelegentlich wird in der Literatur dennoch behauptet, sie sei eine „jüdische Künstlerin“ und ein „Opfer ihrer Religionszugehörigkeit“. Wo das geschieht, übernimmt man die nationalsozialistische Ideologie, Menschen nach so genannten Blut- und Rassenmerkmalen zu kategorisieren und missachtet das Selbstverständnis, die Überzeugung und den Glauben der Person.

In der zunehmenden politischen Verfinsterung durch Antisemitismus und Rassismus Anfang der Dreißigerjahre, war ihre Kirche für die evangelischen Christin Anita Rée kein Licht, sondern Teil des Dunkels. In ihrer Hamburger Landeskirche gewann die Bewegung des vier Jahre jüngeren Adolf Hitler immer mehr an Einfluss.

Anita Rée zog sich 1932 desillusioniert in eine kleine unbeheizte Dachkammer auf Sylt zurück. Ihre dort entstandenen, sehr schlichten Bilder von Dünen, Kliff, Leuchtturm, Meer und Schafen zeugen von persönlicher und künstlerischer Regression - und von gebrochenem Herzen: Seit September 1932 signierte sie - zuweilen herzverziert - mit CVAR“, eine Verbindung ihrer Initiale mit denen einer unerfüllten Liebe, dem Hamburger Kaufmann Carl Vorwerk. In ihrem letzten Brief im Winter 1933 von der Insel zog sie eine Lebensbilanz: „Ich kann mich in so einer Welt nie mehr zurechtfinden und habe keinen anderen Wunsch, als sie, auf die ich nicht mehr gehöre, zu verlassen. Welchen Sinn hat es - ohne Familie und ohne die einst geliebte Kunst und ohne irgendeinen Menschen - in so einer unbeschreiblichen, dem Wahnsinn verfallenen Welt weiter einsam zu vegetieren und allmählich an ihren Grausamkeiten innerlich zugrunde zu gehen?“ Diese ganz persönliche Lebenssumme, ihr Fazit, führte dazu, dass sie am 12. Dezember 1933 in Kampen auf Sylt den Freitod durch eine tödliche Dosis des Schlafmittels Veronal wählte.

Anita Rées Werk wird in der chronologisch-thematisch aufgebauten Hamburger Retrospektive optimal präsentiert und ist ein ästhetischer Genuss. Doch es wird deutlich, dass Rée gewiss keine bahnbrechende, experimentierfreudige Avantgardistin war; aber sie ist eine entdeckenswerte, eigenständige Künstlerin von weit mehr als nur regionalem Rang. Diese Erkenntnis setzt sich in ihrer Geburtsstadt nur allmählich durch. 2019 wird die Hamburger Kunsthalle ihr hundertfünfzigstes Bestehen feiern. Wie viele Rée-Gemälde werden dann als Meisterwerke gelten?

Informationen

Anita Rée - Retrospektive, bis 4. Februar 2018. Der reich bebilderte, wissenschaftliche Katalog kostet im Museumsshop 29 Euro, 248 Seiten. Im Februar 2018 erscheint ein neuer Werkkatalog.

Robert M. Zoske

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