Kein Schnee von gestern

Auch Klimaschützer kommen an Karl Marx und seinen Thesen nicht vorbei
Marxens Analyse ist nicht auf einen bestimmten Zeithorizont beschränkt, sie ist ein Blick aufs Ganze, in die Strukturen, in das scheinbar Verborgene des Kapitalismus, meint Dagmar Enkelmann (Die Linke), Vorstandsvorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

War Marx nach 1989 für einige Jahre aus dem öffentlichen Bewusstsein regelrecht verschwunden und dachten viele damals, mit dem angeblichen „Ende der Geschichte“ sei auch Marx endgültig beerdigt, haben uns die letzten Jahre eines Besseren belehrt. Marx wurde wieder aus der Mottenkiste des kritischen Denkens geholt, sein bärtiges Konterfei zierte Zeitungstitel, und Medien fragten sich: „Hatte Marx doch recht?“ Es war dies eine Art Wiederauferstehung in zwei Akten - der erste nach Ausbruch der globalen Finanzkrise um 2008 herum, der zweite vor dem Hintergrund des Jubiläumsreigens 150 Jahre erster Band von Das Kapital 2017 und 200 Jahre Karl Marx in diesem Jahr.

Meist wird Marx heute Respekt gezollt, er gilt weithin als scharfsinniger Analytiker der kapitalistischen Gesellschaftsweise. Aber unterm Strich, so die häufige Quintessenz, sei er Kind seiner Zeit: Er lebte im 19. Jahrhundert, der Kapitalismus war längst noch nicht so weit entwickelt wie heute, es gab kein Internet, keinen Sozialstaat, keine Umweltbewegung und auch die Finanzmärkte waren noch nicht zur Bühne abwegigster Wettspiele geworden wie im 21. Jahrhundert. Passt seine Analyse noch auf das Heute? Sie tut es. Denn was Marx zu erforschen trachtete, „ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse“, schrieb er im Vorwort zum ersten Band von Das Kapital. England diene ihm als „Hauptillustration“ seiner theoretischen Überlegungen, weil es die „klassische Stätte“ der kapitalistischen Produktionsweise sei. Marx, zu jener Zeit in London lebend, sah den „letzten Endzweck dieses Werks“ darin, „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“.

Marxens Analyse ist also keine auf einen bestimmten Zeithorizont beschränkte, sie ist ein Blick aufs Ganze, in die Strukturen, in das scheinbar Verborgene des Kapitalismus, seine „innere Organisation“, wie er selbst das beschrieb, seine „Kernstruktur“.

Konnte er diesem Anspruch gerecht werden? Die Antwort liegt im Kapitalismus von heute. Eine der wesentlichen Charakteristika der kapitalistischen Produktionsweise ist der Wachstumsimperativ. Marx schrieb dazu: „Akkumuliere, akkumuliere! Das ist Moses und die Propheten.“ Die berühmte Formel, die dieses Zwangsgesetz des Kapitalismus auf den Punkt bringt, lautet: G-W-G’ (Geld-Ware-mehr Geld). Der Kapitalist kauft Arbeitskraft, Rohstoffe und Maschinen, lässt produzieren und verkauft die Produkte dann - wobei mehr herausspringen muss, als für den Kauf von Arbeitskraft, Rohstoffe und Maschinen ausgegeben wurde. Dieser Mehrwert ist Zweck und Ziel des ganzen Unterfangens, allerdings: produziert wird mehr Wert um der Mehrung des Wertes willens. Das - das Selbstzweckhafte - unterscheidet die Epoche der kapitalistischen Produktionsweise von ihren Vorgängern.

Das heißt auch, die moderne Produktionsweise findet weder ein Maß an den Grenzen der menschlichen Arbeitskraft noch eines an jenen der Natur. Die negativen Auswüchse - Umweltzerstörung etwa - sind ins System programmiert. Marx wusste das schon in seiner Kritik des „Gothaer Programms“ der frühen Sozialdemokratie von 1875, die er belehrte: „Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte.“ Warum ist das heute von Bedeutung? Weil zum Beispiel eine Klimabewegung, will sie die systemischen Gründe für fortschreitende Naturausbeutung und ihre verheerenden sozialen und ökologischen Folgen wirklich kritisieren, über das „Akkumuliere, akkumuliere“ nicht schweigen kann. Umweltauflagen, teure Energiewende-Programme, hohe Abgaben an die Opfer des Klimawandels werden nicht mangels Moral verweigert, sie stehen der globalen Konkurrenz um kapitalistische Wettbewerbsfähigkeit und bessere Profitbedingungen im Weg.

Das blieb und bleibt nie unwidersprochen. Die Geschichte des Kapitalismus ist auch eine des ständigen Ringens gegen die zerstörerischen Konsequenzen dieser Produktionsweise: Lohnkämpfe, Arbeitsschutzgesetze, Umweltschutz - was immer die Logik des „Mehr um des Mehr willen“ einhegt, ist nötige Korrektur und soll die Maßlosigkeit begrenzen.

Gleichzeitig ist richtig, dass der Kapitalismus jene Elemente aus sich selbst hervorzubringen imstande ist, die über ihn schon hinausweisen. Das gilt besonders für die immerwährende Revolutionierung seiner eigenen Möglichkeiten. Hierin liegt immer beides - Treibstoff für den spezifisch kapitalistischen Wachstumsimperativ und technologischer Fortschritt, der nicht nur ständig die sozialen Verhältnisse durchwirbelt, man denke nur an Internet und Automatisierung, sondern zugleich auch an Potenziale der Befreiung. Marx konnte sich einer gewissen Faszination für diese technologische Innovationsfähigkeit nicht entziehen und auch sie gehörte für ihn zur „Kernstruktur“ der kapitalistischen Produktionsweise - ebenso übrigens wie die Krise, die für Marx keine Abweichung von der Norm war, sondern periodisch wiederkehrender fester Bestandteil der instabilen und fragilen Produktionsweise des Kapitals.

Ein weiteres Beispiel für die Aktualität von Marx ist seine Sicht auf den Expansionsdrang des Kapitalismus. Der Zwang, für immer neue Waren immer neue Absatzmärkte zu schaffen, „jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel“. Wir nennen das heute Globalisierung.

Auf Marxens Aktualität hinzuweisen, heißt freilich nicht, ihn auf den Sockel der Unfehlbarkeit zu heben. Marx war ein Mensch mit Irrtümern, und er wusste das selbst am besten, der Anspruch einer einzigen „Wahrheit“ wäre ihm zuwider gewesen. Selbst sein wichtigstes Werk - Das Kapital - konnte er kaum zu Ende bringen, immer wieder feilte er an der Darstellung, immer wieder beobachtete er neue Entwicklungen, die er noch aufnehmen wollte. Der „alte Marx“ überlegte sogar, die USA statt England als Beispiel heranzuziehen, weil sich dort eine neue „klassische Stätte“ des Kapitalismus entwickelte.

Entwickelt hat sich über die Jahrzehnte auch die Rezeption des Marx’schen Werks. Dass man den Alten aus Trier viel „grüner“ lesen kann, als das in der Vergangenheit getan wurde, ist heute keine Überraschung mehr. Selbst noch die „gleichberechtigten Gesellschaften“, schreibt er im Kapital, seien „nicht die Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“. Marx als Ökologe? Selbstverständlich - auch das ist eine seiner ganz aktuellen Seiten.

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Pro und Contra: Hatte Marx recht?

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