Kein Trauerspiel

Sonderling der Weltliteratur
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In der Höhe der Wolken findet der Ich-Erzähler, was er bislang nur ersehnen konnte: Die eigene Unendlichkeit und sein Selbst.

Es ist wie bei vielen Sonderlingen der Weltliteratur: Ihre Geschichte ließe sich leicht in die Schublade „Trauerspiel“ abschieben. Um diesem Missverständnis vorzubeugen, füllt das Hörspiel die Erzählung Fleischmans ganz zu Anfang mit prallem Leben auf. Wir vernehmen Luftstöße, Pumpgeräusche, Ventile. Ein Ballon steigt in den Himmel. „Damit das von Anfang an klar ist. Damit Ihr um mich keine Angst habt“: Am Ende entkommt der Protagonist den eigenen Ängsten. Sein ganzes, dreißigjähriges Leben lang haben sie ihn an seine böhmische Heimatstadt, den „Pisspott Europas“, gefesselt. In Höhe der Wolken findet der Ich-Erzähler, was er bislang nur ersehnen konnte: Die eigene Unendlichkeit und sein Selbst.

Voraussetzung für seinen Aufbruch ist das seltsame Interesse des Antihelden für Wolken, Wind und Wetter. Die genaue Beobachtung dieser Phänomene hat ihm schon als Schüler den Spitznamen „Wolkenpest“ eingetragen. Aber der Spott seiner Umgebung hindert ihn nicht, sich auch weiterhin als bekennender Wetterphilosoph auszuzeichnen. In einer Welt, in der „Gott“ nur noch als Nachname vorkommt, und in der nur bei Bedrohung durch Orkane gebetet wird, bündelt sich in den atmosphärischen Strömungen alles, was an Wahrheit und transzendenter Entgrenzung noch zu erwarten ist. Ohne Kenntnis der Wetterphänomene auch keine Ballonfahrt zum wahren Ich, ohne Zahlen und Skalen nur Lüge.

Fleischman ist ein schräger Typ unter noch schrägeren. Oder ist das alles gar nicht lustig? Matthias Winter verleiht dem Protagonisten genau den Ton zwischen Naivität und Nachdenklichkeit, der alle Fragen, die sich nicht auf das Wetter beziehen, offen lässt.

Susanne Krahe

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