Impulse

Über die kirchliche Trauung
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Ilona Nord will die Krisensemantik beim Thema "Kirchliche Trauung" hinter sich lassen. Das gelingt ihr - mir leichten Schwächen.

Die Trauung gilt als das Sorgenkind unter den lebensbegleitenden Ritualen der Kirche. In ihrem Zusammenhang ist das kirchliche Handeln mit der Vielfalt der Lebensformen in der heutigen Gesellschaft konfrontiert. Hier treffen die Pfarrerinnen und Pfarrer auf herausfordernde Inszenierungswünsche der Paare. Nicht zuletzt ist die Zahl der Trauungen stark zurückgegangen. Man heiratet heutzutage gut und gerne auch ohne kirchlichen Beistand.

Muss man das so sehen? Ilona Nord, Praktische Theologin in Würzburg, will die Krisensemantik hinter sich lassen. So wie Ehe und Familie in all ihren Formationen neue Wertschätzung erfahren, soll auch die Kirche mit einer reflektierten Wertschätzung der Vielfalt von Trau- und Segnungsgottesdiensten Wege einschlagen, die der Traupraxis ein positives Image verleihen.

Für solche Wege legt die Würzburger Theologin mit ihrem kulturhermeneutisch orientierten Ansatz zahlreiche Spuren. Sie stellt die Selbstverständlichkeit der vielfältigen Lebensformen in unserer Gesellschaft vor Augen und plädiert für eine Lösung der Trauung vom rechtlichen Akt der Eheschließung. Sie greift zurück auf das mythische Motiv der Heiligen Hochzeit und auf Hochzeitsmotive in Märchen, um das magische Moment in den Wünschen der Traupaare in seiner Berechtigung zu erschließen.

Und sie widmet sich den Phänomenen, an denen die sinnlich-emotionalen Momente des Geschehens besonders sichtbar werden. Die Vielfalt der Paarkonstellationen wird an den Themen der wiederholten Trauung, der interreligiösen Trauung, der Trauung homosexueller Paare und - in der Literatur vernachlässigt - der Trauung von Paaren, die mit Behinderungen leben, durchgespielt. In allen Themenbereichen bezieht die Autorin das Thema der Erweiterung der Beziehungsgewohnheiten durch die Internetkommunikation ein und fragt an, ob diese in der Traupraxis ausreichend berücksichtigt werde.

Die leitenden theologischen Überlegungen erscheinen eher beiläufig an verschiedenen Stellen des Buches. Eine deutlichere Systematisierung wäre hier hilfreich. Die Theologieprofessorin akzentuiert, dass die Liebe des Paares nicht für sich steht, sondern in ein soziales Netz aus Liebesbeziehungen und in die Gottesliebe eingebunden ist. Insgesamt sei der Schritt in eine Partnerschaft angesichts des Wissens um ihre Verletzlichkeit Ausdruck von Glauben, der in der Trauung gefeiert wird. Ihr Glaubensverständnis entfaltet Ilona Nord im Anschluss an den Theologen Paul Tillich (1886-1965): Es sei im Vollzug der Trauung auszulegen, was es bedeute, trotz der Risiken einer Partnerschaft ein Versprechen füreinander abzugeben und, trotz allen Wissens um das mögliche Scheitern einer Partnerschaft, bejaht zu sein. In diesem Sinne - nicht eines regressiven und beschwichtigenden Gottesglaubens, sondern als „Mut zum Sein“ an den Grenzen des Menschenmöglichen - sei die Trauung ein Fest, bei dem sich Glaube und Folklore unauflöslich miteinander verbinden.

Die Lektüre des Buches ist anregend. Der Gedanke, dass es bei der Trauung ebenso um festliche Verzauberung wie um kritische Entzauberung der Liebe geht, leuchtet ebenso ein wie die Aufmerksamkeit der Autorin für das Gesamtgeschehen einer Hochzeitsfeier, bis hin zum Spaziergang des Paares und der Hochzeitsreise. Allerdings braucht es eine gewisse Hartnäckigkeit, um zwischen der Vielfalt der thematischen Aspekte die Grundlinien der Argumentation zu entdecken und das auszumachen, was in produktiver Weise neu gedacht ist. Im Einzelnen gäbe es durchaus manches einzuwenden. Aber ebenso vermögen zahlreiche Impulse des Buches ein Gespräch über das Trauhandeln der Kirche zu initiieren.

Ulrike Wagner-Rau

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