Paar mit Bart

Dinner mit Marx und Darwin
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Im Buch fällt der Pfarrer ohnmächtig vom Stuhl, wenn Darwin und Marx miteinander diskutieren. Der aufgeklärte Christ der Gegenwart freut sich hingegen an der Lektüre dieses Buches.

Was wäre wenn sie sich getroffen hätten, zwei Giganten der Geschichte? Diese Frage ist immer wieder Ausgangspunkt von Romanen. Schon Christa Wolf imaginierte das Treffen von Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode und entwickelte vor diesem Hintergrund einen bewegenden Roman über die Gedankenwelt der Romantik. Und in der jüngeren Vergangenheit sorgten diese halb fiktionalen, halb biographischen Paarbeschreibungen für Bestseller, etwa in Daniel Kehlmanns in „Die Vermessung der Welt“ (Alexander von Humboldt und Carl-Friedrich Gauß) oder Michael Köhlmeier „Zwei Herren am Strand“ (Charlie Chaplin und Winston Churchill), wobei sich letztere tatsächlich begegneten. Nun nutzt die Journalistin und Sachbuchautorin Ilona Jerger dieses Motiv und beschreibt in ihrem Romandebut ein Treffen von Karl Marx und Charles Darwin im London am Ende des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich lebten die beiden zur gleichen Zeit nicht sehr weit voneinander entfernt in der englischen Metropole und kannten die Hauptwerke des anderen. In Darwins Bücherschrank steht bis heute „Das Kapital“, welches der Naturforscher aber nicht ganz gelesen hat, wie die Zahl der aufgeschnittenen Seiten verrät. Karl Marx hingegen hat Darwins Hauptwerk, in der dieser die Evolutionstheorie entwickelt, sorgfältig durchgearbeitet, denn hier fand der atheistische Religionskritiker ein naturwissenschaftliches Modell, das die Entstehung der Tier-und Pflanzenwelt ganz ohne Schöpfergott beschreibt.

Dass die beiden bärtigen alten Männer noch mehr verbindet, war eine Entdeckung der Autorin bei ihren Recherchen. Beide verloren ihre Lieblingskinder, als diese noch klein waren und haben dies nie ganz verwunden. Beide stießen mit ihrer „gottlosen“ Theorie in der noch sehr kirchlich geprägten damaligen Gesellschaft auf Ablehnung. Und beide waren am Ende ihres Lebens von Krankheiten geplagt - weshalb Jerger geschickt einen Arzt erfindet, der beide behandelt und so zum Mittler zwischen den Protagonisten wird, die bei allen Gemeinsamkeiten dann doch in sehr unterschiedlichen Welten leben: Hier der bürgerlich in Wohlstand lebende Naturforscher, dort der ewig unter Geldnot leidende Revolutionär im Londoner Exil. Der Leser begleitet den Arzt bei seinen Krankenbesuchen und lernt viel über die Gedanken-, aber vor allem über die Lebenswelt der beiden. In dem Sujet angemessenen konventionellem Sprachstil gelingt es Ilona Jerger, die viele Jahre Chefredakteurin der Zeitschrift „Natur“ war, sowohl in die Evolutionstheorie als auch in den historischen Materialismus einzuführen. Dass ihr Darwins Welt näher ist als die des Kommunisten, kann sie dabei nicht verhehlen. Im Gegensatz zum fein gezeichneten, bei aller Skurrilität noch immer sympathischen Gentleman, gerät ihr Marx doch ein wenig grobschlächtig und clownesk. Und man fragt sich schon, warum er immer wieder in seinen Sätzen englische Begriffe benutzt, wo doch eigentlich alle englisch reden. Und warum soll ihm kein sauberes „th“ gelingen, wenn er ansonsten lispelt?

Aber das sind Petitessen, die den Spaß an der leichten aber nie seichten Lektüre kaum trüben. Das direkte Aufeinandertreffen von Karl Marx und Charles Darwin, bei einem Dinner in Darwins Haus, ist sicher der Höhepunkt des Buches. Hier wird gestritten über die Frage, ob Darwins Theorien tatsächlich für den Kommunismus taugen oder nicht eher im Gegenteil das kapitalistische Prinzip stützen, nach dem der Stärkere überlebt. Und ist Gott nicht doch in den von Darwin entdeckten Naturgesetzen zu finden? Für den armen Pfarrer ist dies alles jedenfalls zu viel, er fällt am Ende ohnmächtig vom Stuhl. Für den aufgeklärten Christen der Gegenwart besteht dazu kein Grund, vielmehr kann er sich durch die Lektüre dieses Buches zur Suche nach verbindenden Gedankenmodellen inspirieren lassen.

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Stephan Kosch

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