Jesus als Heiler

Clarissa Paul blickt auf die antike Medizin im Lukasevangelium
Foto: Andreas Schoelzel
Foto: Andreas Schoelzel
Die Heilungswunder Jesu im Lukasevangelium erforscht die Neutestamentlerin Clarissa Paul aus Berlin in ihrer Dissertation und analysiert dabei Verbindungen zur medizinischen Literatur der Antike, die bisher kaum beachtet wurden.

Mein Interesse für den christlichen Glauben und die Theologie wurde auf dem evangelischen Gymnasium „Zum Grauen Kloster“ in Berlin geweckt, einem humanistischen Gymnasium mit jahrhundertelanger Tradition. Die Zeit dort hat mich zum einen durch das geistliche Leben, zum anderen durch den Religionsunterricht sehr geprägt. In der Oberstufe belegte ich Religion als Leistungskurs, und es wurde zu meinem Lieblingsfach.

Nach dem Abitur habe ich zunächst Theologie an der Humboldt-Universität und Rechtswissenschaft an der Freien Universität parallel studiert, denn eine Weile liebäugelte ich auch mit der Möglichkeit, Kirchenjuristin zu werden. Auf dem „Grauen Kloster“ habe ich schon das Latinum, das Graecum und sogar das Hebraicum abgelegt und konnte insofern „sprachfrei“ ins Theologiestudium gehen. Nach ein paar Semestern merkte ich, dass zwei Vollstudien zu viel sind und ich konzentrierte mich ganz auf Theologie. Ein Semester lang war ich im Rahmen eines Seminars in Praktischer Theologie mehrere Stunden pro Woche in der Krankenhausseelsorge tätig. Aber dann entdeckte ich meine Liebe zum Neuen Testament. Ich besuchte das Seminar „Botschafter Christi und andere Metaphern im Corpus Paulinum“ und die exegetische Arbeit hat mich begeistert. „Das ist es!“, dachte ich und seitdem war der Gedanke an eine Promotion zumindest im Hinterkopf. Mir gefielen die detaillierte Textarbeit an den paulinischen Briefen sowie die Einordnung der neutestamentlichen Schriften in ihren jüdisch-hellenistischen Kontext.

Im Herbst 2013 wurde ich studentische Hilfskraft bei Professor Jens Schröter. So erhielt ich tiefere Einblicke in die neutestamentliche Arbeit. Zudem habe ich Koptisch gelernt, jene Sprache, die in der Antike in Ägypten gesprochen wurde und noch heute im Gottesdienst der koptischen Kirche verwendet wird. Das war sehr nützlich, denn etliche apokryphe Schriften des Christentums - also solche Schriften, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden - sind auf Koptisch überliefert. Dazu gehören die Texte aus dem berühmten Fund von Nag-Hammadi aus dem Jahr 1945. Sie konnte ich nun im Original studieren, und ich fasste den Entschluss, im Bereich des frühen Christentums zu promovieren. Als Thema kristallisierte sich heraus: „Heilungserzählungen bei Lukas“. Die Entscheidung für dieses Thema wurde nicht zuletzt durch meinen Zweitbetreuer, Philip van der Eijk, einen Spezialisten für antike Medizingeschichte, gefördert.

Zunächst stand jedoch die Arbeit fürs 1. Theologische Examen an. Dafür konzentrierte ich mich auf die Erzählung vom „epileptischen“ Jungen in Lukas 9,37-43. Diese verglich ich mit „De Morbo Sacro“ („Über die Heilige Krankheit“), einer Schrift aus dem Corpus Hippocraticum aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Die Traktate dieses Corpus, die sich mit verschiedenen Fragen von Medizin und Lebensführung befassen, werden dem antiken Arzt Hippokrates zugeschrieben, obwohl sicher nicht alle dieser Schriften von Hippokrates selbst stammen. Aus der Perspektive dieser Texte wäre die Krankheit des Jungen in Lukas 9 als „Epilepsie“ zu klassifizieren. In „De Morbo Sacro“ wird allerdings die Auffassung kritisiert, dass diese Krankheiten auf göttliche Verursachung zurückzuführen sei - eine offenbar verbreitete Sicht. Es handelt sich also um eine klare Gegenposition zu der biblischen Deutung dieser Krankheit! Allerdings findet sich in „De Morbo Sacro“ durchaus auch ein religiöses Verständnis von Krankheit und Heilung. Das Thema interessierte mich, denn es knüpfte von ganz anderer Seite an Erfahrungen an, die ich in der Krankenhausseelsorge gemacht hatte.

Zu dieser Zeit kam mir sehr gelegen, dass Jens Schröter ein Hauptseminar zu Heilungsgeschichten im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte anbot, das ich in wesentlichen Teilen mitkonzipieren durfte. Im Zuge dieser Vorbereitung habe ich grundlegende Literatur zum lukanischen Doppelwerk zur Kenntnis genommen, was sich als sehr hilfreich erwies. Für meine Dissertation erweiterte ich das Thema meiner Examensarbeit dann auf das Lukasevangelium insgesamt. Der Titel lautet nun „Jesus als Heiler im Lukasevangelium - Die lukanischen Heilungserzählungen im Kontext der medizinischen und religiösen Traditionen der griechisch-römischen und der jüdischen Antike“.

In der Dissertation untersuche ich das Lu-kasevangelium im Kontext von Schriften seiner eigenen Zeit. In meinem Fall ist dabei neben jüdischen Schriften besonders die medizinische Literatur der Antike einschlägig, so etwa Schriften von Galen von Pergamon, einem griechischen Arzt, der im zweiten christlichen Jahrhundert wirkte und selbst enge Verbindungen zu religiösen Traditionen hatte, besonders zu solchen über den Heilgott Asklepios. Ein Vergleich von Galen und Lukas lässt Rückschlüsse darauf zu, welche Krankheiten bei Lukas beschrieben werden. Dabei ist auffällig, dass Lukas die Symptome oft präziser beschreibt, als es in den Parallelen bei Markus und Matthäus der Fall ist. Zudem geht es Lukas darum, Jesus als denjenigen zu charakterisieren, der den Menschen das Heil Gottes vermittelt.

Ich war erstaunt, dass bisher in der Literatur zum Lukasevangelium zu diesem Thema nur wenig zu finden ist. Die Heilungen werden zumeist unter die anderen Wundererzählungen subsumiert, aber nicht als eigenständige Textgruppe wahrgenommen. Im Zuge meiner Beschäftigung mit dem Thema wird immer deutlicher, dass die Heilungen Jesu sein gesamtes öffentliches Wirken prägen: Jesus ist der göttliche Heiler, der die prophetischen Verheißungen Jesajas erfüllt hat. In seinen Heilungen bricht das Gottesreich bereits im Hier und Jetzt an - ein zentrales Motiv, das bisher zu wenig gewichtet wurde!

Die Arbeit, für die ich seit Mai 2016 für drei Jahre ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung bekomme, schreibe ich auf Englisch. Der Hauptgrund dafür ist, dass Englisch immer mehr zur internationalen Wissenschaftssprache geworden ist, auch in der Theologie. Das war noch vor einigen Jahrzehnten ganz anders. Nebenbei arbeite ich fünf Stunden in der Woche am Lehrstuhl von Jens Schröter und bin dort mit der Erstellung von Manuskripten für Buchpublikationen befasst. Ein Band über die Nag-Hammadi-Schriften in der Literatur- und Theologiegeschichte ist gerade erschienen. Aktuell arbeite ich an einem Tagungsband zu Paulusrezeptionen im frühen Christentum. Insofern bin ich - obwohl derzeit das Lukasevangelium den Großteil meiner Arbeitszeit ausfüllt - auch Paulus, meiner ersten Liebe im Neuen Testament, nicht ganz untreu geworden.

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick

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Clarissa Paul

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