Ich bin Fundamentalist

Warum wir keine mitläuferischen Floskeln brauchen, sondern christliche Deutlichkeit
Foto: privat
Christlicher Glaube soll sich die Wahrheitsgewissheit abgewöhnen? Kommt nicht in Frage.

Ich bin ein Fundamentalist. Wer je in der Situation war, den Boden unter den Füßen zu verlieren, weiß, wovon ich spreche. Ich hasse sogar Karussells und vereiste Gehwege. Ich bin Fundamentalist. Was ist denn die Alternative? Mach’s mir einmal vor, das Bodenlose. Unter all den unpassenden Wörtern, die im Umlauf sind, ist dies eines der blödesten: „Fundamentalismus“. Gemeint ist menschenverachtender Fanatismus und Mordgesinnung. Aber das Wort dafür, „Fundamentalismus“, ist semantischer Unfug. Ein diffuses öffentliches Bewusstsein gestattet sich allzu billige, irrige sprachliche Abkürzungen.

Das Fundament? Am Schluss der Bergpredigt: der kluge Mann, der sein Haus auf den Felsen baut - Jesus verweist auf einen ausgesprochenen Fundamentalisten. Paulus: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Fundamentalist Paulus - er muss ja auch sonst für alle möglichen Laster der Christenheit herhalten, das antipaulinische Ressentiment ist alt und zäh.

Ja, „intolerant“ bin ich dann ja auch. Wieder so ein Wort. Christlicher Glaube ohne Verbindlichkeit geht aber nicht. Ich meine, dass das Neue Testament - dann ja wohl ein intolerantes Buch - ohne den bestimmten Artikel nicht gedacht werden kann („Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“). Der Sache nach sagt es häufig: „Sela. Psalmende.“ Schluss der Debatte. Nicht alles ist verhandelbar. „Ich bin die Wahrheit“ (Johannes 14,6) - nicht eine Wahrheit unter vielen.

Plötzlich kann „die Wahrheit des Evangeliums“ (Galater 2,5) zu einem harten Thema werden. Zweimal zwei ist vier. Niemand soll gezwungen werden, das anzuerkennen. Aber abrücken wird man davon auch nicht. Seine Majestät, der beliebig Deutende und Wertende, wird abgesetzt. Die Wahrheit, eine Person, tritt uns souverän entgegen. Gedacht ist in der Bibel keineswegs, als könne es das ernsthaft geben, an sogenannte „Schnittmengen“ mit „anderen Religionen“ (Religions-Geometrie) oder an eine Vielzahl von Teilwahrheiten (im Sinne des Satzes „An allen Religionen ist etwas Wahres“ oder „Wir gehören zu den abrahamitischen Religionen“). Nein, all dies nicht. Gemeint ist die eine unüberholbare, alles entscheidende Wahrheit - deren man gewiss sein kann „im Leben und im Sterben“.

„Gewissheit“ wiederum darf nicht sein. Und das paulinische „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes“? Die Gewissheit Luthers und Bonhoeffers. „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Wie soll das gehen: Glaube ohne Gewissheit? Karl Barth, Theologe aus selbstbewussteren Tagen, nennt sie gelegentlich „die diamantene, die diskussionslose, die schlechthin fröhliche Gewissheit“. Am schlimmsten: auch noch fröhlich. „Das sind subjektive Meinungsäußerungen - oder Fundamentalismus!“ höre ich rufen. Siehe oben.

Der christliche Glaube soll sich die Wahrheitsgewissheit abgewöhnen? Kommt nicht in Frage. Er soll auf „essentialistische Wahrheitsansprüche“ verzichten? Ach nein. Vom Ballast der „Universalitätsforderung“ sei er zu befreien, zu vollziehen seine Zurücknahme ins Feld der Poesie (was eine Herabsetzung sein soll). Sonst ist der Glaube nicht „tolerant“. Das heißt: Er soll sich selbst abschaffen.

Ganz schlimm: „Mission“. Das Heil für die Welt und für mich begegnet aber als der Gekreuzigte, als das geschlachtete Lamm. Muss man das für Anmaßung halten, die missionarische Existenz der ersten Christen für ideologischen Fanatismus, die Mission in der Geschichte der Kirche für nichts als Kolonialismus und das heutige Zeugnis von Rettung und Befreiung durch Christus für religiösen Imperialismus?

Es ist bei solchen Beschuldigungen nicht verstanden, was Evangelium heißt: dass es allen Menschen zugute kommt und alle seiner bedürfen. Die Wahrheit kommt dann nicht als Freund und Verlockung.

Ach ja, „evangelikal“ bin ich auch. Das hatte ich bis vor einigen Jahren nicht gewusst. Ich halte große Stücke auf die Theologie Karl Barths. Sie ein wenig offensiv zu vertreten - das ist schon evangelikal, höre ich jetzt. Nun gut, die Erklärungskraft der altkirchlichen Dogmen, meine ich mit Barth, sucht ihresgleichen. Und was die Bibel von sich aus sagen will, scheint mir unendlich wichtiger als das, wie es „eigentlich gewesen ist“. Das ist dann „evangelikal“ und „dogmatisch“. Ach herrje.

Manchmal platzt einem einfach der Kragen - wegen all dieser mitläuferischer Floskeln. Ja, ich bin ein Fundamentalist. Intolerant. Prinzipiell ein Missionar. Und evangelikal. Und alles gerne. Beenden wir den semantischen Unfug. Gründen wir einen Verein für christliche Deutlichkeit.

Michael Trowitzsch

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