Bitte melden Sie sich!

Die EKD und die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt

Das Schwerpunktthema der EKD-Synode in Würzburg hieß offiziell „Glaube junger Menschen“, aber das eigentliche Thema - von heimlich konnte in Medienkreisen schon Wochen vorher nicht die Rede sein - war, wie die evangelische Kirche als Ganzes mit dem Thema der sexualisierten Gewalt, landläufig „sexueller Missbrauch“ genannt, umgeht.

Spätestens nach dem 3. Öffentlichen Hearing „Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ Ende Juni in Berlin dämmerte auch den Verantwortlichen der EKD, dass auf der Würzburger Synode eine überzeugende Übernahme von Gesamtverantwortung auf höchster Ebene erfolgen musste. Damals wurde öffentlich kritisiert, dass sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche häufig nur so viel tun, wie sie - vor allem auf Druck von Betroffenen und Öffentlichkeit hin - tun müssen.

Die unglückliche Präsentation der Missbrauchsstudie der katholischen Deutschen Bischofskonferenz Ende September tat ein Übriges. In der katholischen Studie wurde erstmals deutlich, dass der Zölibat und weitere Spezifika des männerbündisch organisierten Klerus durchaus als begünstigende Faktoren sexualisierter Gewalt betrachtet werden können (vergleiche zz 11/2018). Gleichzeitig wuchs vordringlich aus Kreisen katholischer Medienschaffender der Druck auf die evangelische Kirche, endlich ein überzeugendes Zeichen zu setzen, auch wenn es diese spezifischen Probleme dort so nicht gibt. Dafür gibt es reichlich andere, zum Beispiel, dass die Anstrengungen der zwanzig Landeskirchen, klar definierte und deutlich kommunizierte Ansprechstellen und unbürokratische Hilfen für Betroffene zu schaffen, bisher sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Nur etwa die Hälfte hat sich seit dem Bekanntwerden des monströsen Falls im schleswig-holsteinischen Ahrensburg im Jahre 2010 dem Thema überzeugend gewidmet, die andere Hälfte hat bisher kaum etwas unternommen. Die dezentrale Struktur der evangelischen Kirchen begünstigt solche Ungleichzeitigkeit. Das aber interessiert die Öffentlichkeit nicht, hier hat die Perspektive der Betroffenen absoluten Vorrang. Mit Recht.

Insofern war es sehr nötig, dass die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs als Mitglied des Rates der EKD in einer bewegenden Rede Versäumnisse und Schuld bekannte (siehe Link unten) und einen 11-Punkte-Plan der EKD präsentierte. Der weckt hohe Erwartungen: Neben der sogenannten Dunkelfeldstudie soll auch jede Landeskirche für sich proaktiv nach allen Fällen suchen, selbst wenn sie Jahrzehnte zurückliegen, also eine Art gigantische Wahrheitskommission: „Bitte melden Sie sich!“ rief Kirsten Fehrs in Würzburg aus. Diesem überzeugenden Auftakt müssen nun wirklich Taten folgen, denn nicht nur die Betroffenen, sondern auch eine sensibilisierte Öffentlichkeit warten auf Ergebnisse. Sollte in einem Jahr bei der Synode in Dresden nichts vorzuweisen sein, könnte die gegenüber der evangelischen Kirche bisher erstaunlich wohlwollende öffentliche Meinung schnell umschlagen.

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Reinhard Mawick

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