Voluminös

Neue Barth-Biographie
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Christiane Tietz vermag auf ansprechende Weise Zugänge zum Leben und zur Theologie Barths zu bahnen.

Pünktlich zu Beginn des Barthjahres erscheint eine neue Biographie zu Karl Barth - und die ist mit über 500 Seiten durchaus voluminös. Nach dem 1975 erstmals erschienenen Lebenslauf Barths von Eberhard Busch liegt jetzt, nach 43 Jahren, eine ausführliche Lebensbeschreibung Barths von einer Autorin vor, die Barth persönlich nicht gekannt hat. Im Vorwort schreibt sie, dass es „höchste Zeit“ sei, „aus einem größeren historischen Abstand Barths Anliegen, ganz anders von Gott zu reden als üblich, neu zu betrachten“ - und natürlich hat sich der Blick auf Karl Barth auch durch die Edition vieler Texte der Gesamtausgabe einschließlich vieler Briefe verändert.

Dazu gehört ganz sicher auch das starke öffentliche Interesse an der komplizierten persönlichen Lebenssituation Barths. Der Untertitel „Ein Leben im Widerspruch“ zeigt spannend auf, wie Barth einerseits immer wieder im Widerspruch zu gängigen Vorstellungen argumentierte, andererseits aber eben auch, dass eine persönliche Geradheit, für die Barth immer stand, nicht bedeutete, ein in sich widerspruchsfreies Leben zu gestalten.

Zwölf der insgesamt vierzehn Kapitel gehen den einzelnen Lebensstationen Barths nach und orientieren sich bis 1935 an seinen Lebensorten; die Basler Zeit wird in drei Wegstrecken beschrieben (bis 1945, bis zur Emeritierung 1962 und dann bis zum Tode 1968). Solide und einfühlsam erzählt Christiane Tietz das Leben Barths und gibt immer wieder behutsam Hintergrundinformationen, wagt aber auch Deutungen. Ein kleines Beispiel nur am Rande: Bei der ältesten erhaltenen theologischen Arbeit aus dem Jahre 1905 überrasche „der Tonfall“: „Hier spricht kein zurückhaltender Student aus den Anfangsjahren, sondern ein junger Mann aus einem Professorenhaushalt, der es offensichtlich gewohnt ist, sich und seiner Sicht der Dinge etwas zuzutrauen.“

Damit ist ein wesentlicher Zug dieser Biographie benannt: Christiane Tietz hat ein ausgeprägtes Interesse am Menschen Karl Barth und möchte vermitteln, dass er nicht nur als Theologe, sondern auch als Mitmensch für spätere Generationen beeindruckend bleibt. Ihr Blick ist dabei nicht voyeuristisch, auch nicht in dem Kapitel zur Beziehung zwischen Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum und über das schwierige Beisammensein von Karl und Nelly Barth und Charlotte von Kirschbaum in einem Haushalt. Dieses Kapitel geht auf eine frühere Veröffentlichung zurück und wirkt nicht vollständig in das Buch integriert; es passt aber dennoch gut hinein - denn auch hier zeigt die Autorin große Anteilnahme und nimmt die Lesenden gleichsam mit in das Geschehen hinein.

Ein zweiter und die Biographie durchziehender Zug ist die Begeisterung an der Theologie Karl Barths, die ihr Eberhard Jüngel, dem das Buch gewidmet ist, vermittelt habe - so die Autorin im Vorwort. Das Interesse an grundlegenden theologischen Akzentsetzungen wird ebenso deutlich wie der Wunsch, diese zu vermitteln - die Lehrerin der Theologie ist in der Biographie ständig präsent. Das zweitletzte Kapitel ist deshalb auch nicht Teil der Biographie, sondern eine zweiundzwanzigseitige Einführung in den „weißen Wal“, die kirchliche Dogmatik. Diese theologischen Grundlinien in ein separates Kapitel zu geben, hat den großen Vorteil, die biographischen Kapitel lesbarer zu gestalten, gerade für die theologisch nicht so Kundigen.

Es bedeutet aber auch, die zeitgeschichtlichen Verzahnungen schwächer herauszustellen. Das ausführlichste Kapitel ist übrigens Barths Bonner Zeit gewidmet - hier finden sich auch die meisten zeitgeschichtlichen Bezüge, denn diese Zeit ist sicher auch am besten historisch aufgearbeitet. Deutlich kürzer geraten ist dagegen die Nachkriegszeit, vor allem Barths politische Haltung im Blick auf die Ost-West-Frage und die Atombewaffnung; natürlich kommt auch hier alles Wesentliche vor, und es gibt keine prinzipiellen Auslassungen - es fällt alleine auf, dass hier alles etwas knapper wird.

Die Karl Barth-Biographie von Christiane Tietz ist solide und gut zu lesen. Sie ersetzt nicht Buschs Lebenslauf, der auch aufgrund eines größeren Satzspiegels deutlich ausführlicher ist. Sie vermag auf ansprechende Weise Zugänge zum Leben und zur Theologie Barths zu bahnen - ihr sind viele Leser und Leserinnen zu wünschen. Und das nicht nur im Barthjahr.

Georg Plasger

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