Im Hintergrund des Widerstands

Die Erinnerungen von Dietrich Bonhoeffers Schwester Susanne Dreß faszinieren
Die Kinder Bonhoeffer mit ihrer Mutter: Susanne in der Mitte mit Puppe und der weißblonde Dietrich rechts. Foto: Gütersloher Verlagshaus
Die Kinder Bonhoeffer mit ihrer Mutter: Susanne in der Mitte mit Puppe und der weißblonde Dietrich rechts. Foto: Gütersloher Verlagshaus
Empörung über die Privilegien Martin Niemöllers in Haft, Erschütterung über die Ermordung ihres Bruders im KZ - erstmals werden die Erinnerungen von Susanne Dreß veröffentlicht. Die Schwester Dietrich Bonhoeffers hatte das Talent zur Schriftstellerin, wurde es aber nie. Dennoch fesselt, was sie über die NS-Zeit und die Nachkriegsjahre schrieb.

Wer meint, es gebe bei der zeitgeschichtlichen Erforschung des Dritten Reiches und seines Umfeldes oder im Bereich der Forschungen zu Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) keine neuen Erkenntnisse mehr, der muss sich durch die soeben erschienenen Aufzeichnungen von Bonhoeffers jüngerer Schwester Susanne Dreß (1909-1991) eines Besseren belehren lassen. Die hessen-nassauische Pfarrerin Jutta Koslowski hat diese Aufzeichnungen in einer sehr sorgfältigen und Vollständigkeit ebenso wie Verständlichkeit anstrebenden Textrekonstruktion herausgegeben.

Was wissen wir über Susanne Dreß? Der Bonhoeffer-Biograph Charles Marsh kennzeichnet sie als eine sehr empathische Person. Ihre Einfühlung galt vielen Menschen, besonders auch ihrem Bruder Dietrich. Gerne wäre sie Schriftstellerin geworden, und das Talent dazu hatte sie, wie ihre Aufzeichnungen beweisen. Jedoch erlebte sie ein tragisches „Schulfiasko“ aufgrund ihrer unzureichenden Rechtschreibleistungen. So wirkte sie als Ehefrau von Walter Dreß (1904-1979) und als Pfarrfrau in Familie und Gemeinde - und im Hintergrund des Widerstandes gegen das NS-Regime. Als Kind einer großbürgerlichen Familie erlebte sie in der Gemeinde soziales Elend, das sie von Hause aus nicht kannte, und wunderte sich anfangs darüber, dass Menschen in engen Mietwohnungen leben können. Selbstkritisch verschweigt sie nicht Momente, in denen sie schwach war, etwa als sie in der schweren Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges „vor Hunger ihr Selbst verlor“, weil sie von Lebensmitteln aß, die ihre Schwester Christel ihr zur Aufbewahrung anvertraut hatte.

Ihr Bruder Dietrich ist ihr in Erinnerung geblieben als eine vertraute und vertrauenswürdige Person, mit der sie als Kind oft spielte, später viele persönliche und auch intime Gespräche führte und in dessen Gemeinde sie als junge Erwachsene zeitweise den Kindergottesdienst mitgestaltete. Besonders beeindruckt hat er sie wohl mit knappen, prägnanten Sentenzen, in denen er ihr die Gehalte des christlichen Glaubens nahebrachte. Als sie einmal zweifelnd nach dem Sinn des Abendmahls fragte, sagte er ihr schlicht: „Ich bin gerne eingeladen, wo man mich gern hat.“ Seine tragische und grausame Ermordung ging ihr sehr nahe.

Welche grauenvollen Abgründe der nationalsozialistischen Ideologie sich in den Reihen der so genannten „Deutschen Christen“ öffneten, macht eine Erinnerung aus dem Religionsunterricht ihres Sohnes Michael deutlich. Die von ihm sehr geschätzte Religionslehrerin erzählte den Kindern vom „guten Führer“, der am Ende des Ersten Weltkrieges blind im Lazarett gelegen habe. Dort habe er zum „lieben Heiland“ gebetet, und dann habe er wieder sehen können. Konsequenterweise meldete die Mutter ihren Sohn daraufhin vom Religionsunterricht ab.

Susanne Dreß erzählt auch von einem unerschütterlich an den Endsieg „des Führers“ glaubenden Nationalsozialisten. Dieser erblickte im April 1945 einen deutschen Soldaten, der von zwei bewaffneten Russen begleitet wurde - und zog daraus die absurde Schlussfolgerung, Deutschland könne den Krieg gar nicht verlieren, wenn ein unbewaffneter Deutscher gleich zwei gefangene, bewaffnete Russen herumführen könne.

Nun war die Bekennende Kirche ohne Zweifel insgesamt derjenige Teil der evangelischen Kirche, der den weitesten Abstand von der nationalsozialistischen Ideologie hatte. Die Barmer Theologische Erklärung aus dem Jahr 1934 war ein gutes theologisches Fundament für den Widerstand, auch wenn sie Dietrich Bonhoeffer zufolge nur die Möglichkeit, nicht die Wirklichkeit des Widerstandes begründete.

Keine Fürbitten

Natürlich gab es auch in der Bekennenden Kirche menschliche Probleme, Spannungen und Ambivalenzen, die zum Teil auf persönliche Differenzen oder den Ehrgeiz Einzelner zurückzuführen waren. Susanne Dreß litt besonders darunter, dass man ihren inhaftierten Bruder, der den Tod vor Augen hatte, von der Fürbittenliste der Bekennenden Kirche strich. Die Verehrung, die gleichzeitig dem ebenfalls in Haft befindlichen Martin Niemöller (1892-1984) zuteilwurde, konnte sie angesichts der Zurücksetzung ihres Bruders nur bedingt teilen. Geradezu empört berichtet sie von den Privilegien, die Niemöller in seiner Haft genoss: Frühstück mit Kakao, weiche Eier und die Morgenzeitung. Auch gab es wohl in Dahlem eine Gruppe von Personen, die Niemöllers „Fähnlein“ schwenkten - das Bild von der „Fahne“ taucht in den Aufzeichnungen immer wieder auf.

Das Ehepaar Dreß und ihnen nahestehende Personen in der Bekennenden Kirche standen politisch jedenfalls deutlich weiter links als diejenigen, die mit dem deutschnational und judenfeindlich geprägten Niemöller verbunden waren. Noch eine weitere Metapher gebraucht Susanne Dreß im Blick auf den späteren Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (ekhn), nämlich die vom „U-Boot“. Der ehemalige U-Boot-Kommandant, dessen autobiographisches Buch „Vom U-Boot zur Kanzel“ schon 1934 erschienen war, pflegte die Leitungsstruktur der Unterseeboot-Hierarchie auf die Gruppen, Kreise und Institutionen zu übertragen, denen er selbst angehörte - bis hin zum so genannten Leitenden Geistlichen Amt, das er nach seiner Wahl zum Kirchenpräsidenten 1947 in der ekhn etablierte (eine Art Neben-Kirchenleitung, die aus dem Kirchenpräsidenten, seinem Stellvertreter und den Pröpsten bestand und noch bis 2010 existierte).

Als das „Dritte Reich“ endete, begann für viele Menschen in Deutschland ein Kampf ums Weiterleben und Überleben. Hunger, Armut, Verzweiflung und Not herrschten vielerorts in Deutschland - auch in der Gemeinde Berlin-Dahlem, wo Walter Dreß als Vertreter von Martin Niemöller zuständig war. In jenen Jahren widmete sich Susanne Dreß als Mit-Gründerin des „Dahlemer Hilfswerks“ konkreten humanitären Nöten wie etwa dem Elend der Kriegsversehrten, für die über Spendengelder medizinische Prothesen beschafft wurden. Zur Stimmung der damaligen Zeit schreibt Frau Dreß treffend: „Man trug damals Trauer wie eine zweite Haut.“ Als geistliche Antwort auf die Trauer hielt man sich an den von Gott selbst zugesagten Trost: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott .“ (Jesaja 40, 1). Der Grundtenor in Verkündigung und Seelsorge wurde für das Ehepaar Dreß die Zusage von Vergebung und Trost. Auch ehemaligen Parteigenossen gegenüber war man offen für den Neubeginn. Der Grundsatz war „Friede und Liebe allen, die guten Willen zeigen“. Natürlich wurde diese Haltung von vielen Menschen argwöhnisch beäugt, denn die damit verbundene Gefahr war die einer bruchlosen Restauration - was auf die Adenauer-Ära ja in Teilen durchaus zutraf.

Eine Frage, die sich im Blick auf das Schicksal nicht nur von Susanne Dreß stellt: Was schützte wirklich gegen die Infiltration durch die NS-Ideologie? War es die christliche Tradition an sich und alleine? Wohl kaum, sonst hätte es weder das Phänomen der Deutschen Christen noch einen Antijudaismus innerhalb der Bekennenden Kirche gegeben. Wichtig war im Fall der Familie Bonhoeffer/Dreß gewiss der großbürgerliche Bildungshintergrund, der die Vertrautheit mit dem humanitären Weltbürgerethos Goethes gewährleistete. Natürlich spielte auch die starke Individualität einer Person eine Rolle: Je mehr Selbstbewusstsein ein Mensch hat, desto weniger ist er auf Konformität und den Beifall der Vielen angewiesen.

Von besonderer Bedeutung aber war, wie die Biographie von Susanne Dreß zeigt, der familiäre Zusammenhalt in eng miteinander vernetzten Großfamilien - eben dies traf auf die Bonhoeffers/von Dohnanyis/Delbrücks zu, mit denen Susanne Dreß lebenslang verbunden war und blieb (trotz aller Auseinandersetzungen und Rivalitäten unter Geschwistern und sonstigen Verwandten). Um im Hintergrund des Widerstandes bestehen zu können, war das Familienleben neben dem Glauben an Gott die wohl wichtigste Stütze. Hier erfuhr sie, was sie selbst lebte und als Quintessenz ihres Glaubens an andere weiterzugeben bestrebt war: „Liebe ist niemals spießig.“

Information

Am 10. Dezember um 19 Uhr stellt die Herausgeberin Jutta Koslowski bei der Veranstaltung „Im Hintergrund des Widerstands. Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer“ in der Evangelischen Akademie Frankfurt, Römerberg 9, die Lebenserinnerungen von Susanne Dreß vor. Koslowskis Buch ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen, hat 928 Seiten und kostet Euro 49,-.

Eberhard Pausch

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