Von wegen Grusel!

In Grüften hat sich der Glaube unserer Ahnen konserviert
Grüfte auf dem Wipertifriedhof in Quedlingsburg. Foto: Andreas Ströbl
Grüfte auf dem Wipertifriedhof in Quedlingsburg. Foto: Andreas Ströbl
Alle christlichen Gräber oder Grüfte sind Auferstehungsorte. Es sind Schutzräume, die für den Jüngsten Tag angelegt sind. Es geht hier ganz eindeutig um eine leibliche Auferstehung. Deshalb erzählen uns Grüfte und Mausoleen etwas über uns selbst, über unsere Vorfahren – und über Religion. Eine kleine Einführung in die Sepulkralforschung vom Gruftforscher Andreas Ströbl.

„Träumen Sie nachts nicht davon?“ Das hört man sehr oft, wenn man sich als Gruftforscher outet oder wenn das Gespräch darauf kommt, dass man sich eine eher exotische Nische im freiberuflichen Wissenschaftsbetrieb ausgesucht hat. So oder so: Wäre man als Kulturwissenschaftler mit dem Spezialgebiet neuzeitliche Bestattungskultur von Alpträumen mit knarrenden Grufttüren und Knochenhänden verfolgt, hätte man nicht nur den Beruf verfehlt, sondern verfinge sich auch in den Klischee-Spinnweben von Spukfilmen und Boulevardpresse.

Natürlich wird beim Thema „Gruft“ die Gruselkarte gerne gespielt. Damit ist aber denen schlecht gedient, um die es bei der Sepulkralforschung, wie es im Fach heißt, eigentlich geht. Denn entgegen der Einschätzung mancher Archäologen, dass die Neuzeit doch sowieso schon hinreichend erforscht sei, ist die Gruftforschung voller Überraschungen und kaum bekannter Superlative. Und wenn die Berührungsängste erst einmal überwunden sind, sieht alles ganz anders aus.

Doch zunächst die Frage: Was ist überhaupt Gruftforschung ? Und warum gibt es (Familien-)Grüfte? Klar ist: Eine repräsentative Gruft, womöglich mit aufwendig gestalteten Epitaphen, ist zu allererst ein echtes Statussymbol. Wer man im Leben war, zeigte man auch in seinen Sterbestätten. Und da haben es die vornehmen Herrschaften in Renaissance und Barock mitunter kostspielig krachen lassen. In den Familiengrüften versammelte die soziale Elite stolz die erlauchten Vorfahren, ähnlich wie in einer Ahnengalerie, nur diesmal mit den Personen selbst. Die Memoria, also das ehrende Gedenken an die edlen Verstorbenen, wurde bei jedem Kirchenbesuch aufgefrischt, und die Patronatsfamilie war mit ihren toten und lebenden Vertretern stets sichtbar anwesend.

Familie ist, so gesehen, überhaupt einer der besten Puffer gegen den Tod. Wenn ein Mitglied stirbt, muss der entstandene Riss umgehend wieder geschlossen werden. Wer in der Familiengruft liegt, ist zwar nicht mehr unter den Lebenden, aber durchaus noch körperlich anwesend. Bei Kindern und gerade den als Säugling Gestorbenen ist das dennoch besonders schmerzlich. Es wundert daher nicht, dass gerade die Särge der ganz Kleinen oft liebevoll geschmückt und durch aufwendige Bemalungen verziert sind. Solche Zeugnisse elterlicher Liebe, tiefer Trauer und liebevoller Totenfürsorge rühren auch die bearbeitenden Archäologen und Kunsthistoriker. Der Abschied von einem geliebten Menschen ist schwer, und das war schon immer so. Tröstlicher ist es aber, wenn der- oder diejenige ein, wie es formelhaft heißt, erfülltes Leben hinter sich hatte und eine reiche Nachkommenschaft hinterlassen hat.

Wie sich das äußern kann, zeigt ein Beispiel: die Fürstengruft unter der Johanniterkirche, die zusammen mit Schloss und Dreiköniginnenpalais im mecklenburgischen Mirow ein reizvolles Ensemble auf der Schlossinsel bildet. Hier liegt unter vielen anderen aus dem Haus Mecklenburg-Strelitz auch die Großmutter und Erzieherin von Königin Luise. Die 1818 gestorbene Maria Luise Albertine zu Leiningen-Dagsburg-Falkenburg wird als stets humorvoll, gutgelaunt und warmherzig beschrieben. Ihre sehr vielen Familienangehörigen müssen wirklich an ihr gehangen haben. So ist auf der Inschriftentafel ihres Sarges zu lesen, dass sie an Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln insgesamt 122 Nachkommen erlebt hat. Im Original heißt es: „Sie ward von allen geliebt und geehrt, wie sie es reichlich verdienet hatte.“

Familie ist auch das Thema auf dem Sarg von Hennig Siegfried von Saldern, der 1795 starb, aber sein letztes Möbel schon zu Lebzeiten in Auftrag gegeben hatte. Die Angaben in seinem Testament werden durch ein interessantes Detail auf der einstmals silbern glänzenden Inschriftentafel seines schwarz lackierten Sarges bestätigt: Name, Titel und Geburtsdatum sind fein säuberlich graviert und schwarz eingelegt, nur das Todesdatum wirkt etwas krakelig. In der Tat ist es von anderer Hand nachträglich eingefügt und nur aufgemalt anstatt eingraviert. Auf großen Inschriftentafeln, die auf die Deckelwangen genagelt sind, werden einerseits seine Ehefrau und das Hochzeitsdatum genannt, andererseits die Kinder des Paares aufgezählt. Von acht Söhnen und zwei Töchtern sind zum Todeszeitpunkt des Vaters lediglich die beiden Mädchen und ein Sohn noch am Leben. So üblich das vielleicht im 18. Jahrhundert war – der Tod eines Kindes ist für Eltern jedesmal eine entsetzliche Erfahrung. So spricht aus diesem eleganten Sarg mit den verspielten Rocaillen-Griffbeschlägen die nahe Todesahnung zu Lebzeiten. Chronos, der Gott der Zeit und Vergänglichkeit, ist mit seiner Sense auf der Deckelplatte zu sehen. Der unbarmherzige Schnitter symbolisiert die Unabdingbarkeit und Gnadenlosigkeit des Todes, zumal der eigenen Kinder.

Hier kommt die Religion ins Spiel. Denn ohne religiösen Halt ist der Tod von Kindern kaum zu ertragen. Das ist ein weiterer Hintergrund von Gruftbestattungen, denn – das haben wir in unserer entzauberten Sicht auf den Glauben und abstrahierten Ideen von Auferstehung vergessen – alle christlichen Gräber oder Grüfte sind Auferstehungs- orte; es sind Schutzräume, die für den Jüngsten Tag angelegt sind. Es geht hier auch ganz unzweideutig um eine leibliche Auferstehung. Bis in die Sechzigerjahre hinein wurde im Glaubensbekenntnis der Glaube an die Auferstehung des Fleisches bekannt. Mentalitäten ändern sich mitunter schnell, und in der entmythologisierten Theologie eines Rudolf Bultmann (1884–1976) haben Wunder und Vorstellungen von Skeletten, die wie die Maikäfer aus ihren Gräbern krabbeln und mit Haut und Fleisch versehen werden, keinen Platz.

Genau das aber war für diejenigen Gewissheit, auf deren Särgen das Zitat aus dem Buch Hiob zu lesen ist: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und er wird mich hernach aus der Erde auferwecken, und werde danach mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleisch Gott sehen“ (Hiob 19, 25–27). Auch wenn Luther hier ursprünglich falsch übersetzt hatte – die Stelle müßte lauten: „…und nachdem diese meine Haut zerschlagen ist, werde ich ohne mein Fleisch Gott sehen“ –, das Zitat wurde über Jahrhunderte exakt so wiedergegeben, auf Friedhofstoren, Epitaphen und vor allem auf Hunderten von Särgen. Daher sind Grüfte, wie es gerne von denen heißt, die „die alten Kisten raushauen“ wollen, eben keine Stätten des Verfalls. Die oft prachtvoll verzierten Särge aus Holz, Metall oder Stein sind Schmuckpanzer für die Verstorbenen, die hier ihrer Auferweckung entgegenschlafen.

Die Besitzer solcher Familiengrüfte haben niemals damit gerechnet, dass die soziale Ordnung einmal dermaßen erschüttert würde und Frevler Hand an die Grablegen im vermeintlichen Schutz der Kirche und des gesellschaftlichen Respekts legen könnten. Oder dass sie einfach entsorgt werden, weil in die Gruft die neue Heizung eingebaut wird. Dass die Leichname aus solchen Grüften häufig verbrannt werden, wäre für die Bestatteten selbst ein Graus gewesen, denn das hätte nach ihrem Glauben ihre leibliche Auferstehung erschwert, wenn nicht verunmöglicht. Sie könnten sich aus Abscheu nicht mal mehr im Grabe umdrehen.

Auch deshalb hatte die Einäscherung der Toten lange Zeit viele Gegner. Noch 1917 verbot die katholische Kirche denjenigen Katholiken, die sich für eine Feuerbestattung entschieden hatten, eine kirchliche Begräbnisfeier und die Beisetzung auf geweihtem Boden. Das strikte Diktum ist einer nicht wirklich begeisterten Toleranz gewichen, was auch für die Protestanten gilt. Aber wenn Gott aus Staub den ersten Menschen bilden kann dann sollte das mit der Asche der Toten auch kein Problem sein. Das zumindest ist offenbar die ungeschriebene opinio communis der beiden Kirchen.

Gruftbestattungen sind im Laufe des 19. Jahrhunderts aus der Mode gekommen. Außerdem haben sich die hygienischen Maßgaben so verschärft, dass Körperbestattungen nur noch unterirdisch erfolgen durften. Ein letztes großartiges Beispiel aufklärerischer Gruftarchitektur ist die Krypta des Hamburger Michel, die der Baumeister Ernst Georg Sonnin unter der Hauptkirche einrichten ließ und die selbst die meisten Hamburger nicht kennen. In einem gut belüfteten, durch die sogenannte „Unterkirche“ vom eigentlichen Kirchenraum getrennten Komplex aus 268 Gruftkammern wurden von 1762 bis 1817 weit über 2.000 Menschen beigesetzt. Ein Verbot gemäß dem Code Napoleon machte dieser Praxis, bei der böse Zungen schon mal den Begriff „Bestattungsfabrik“ gebraucht haben, schließlich ein Ende. Seitdem haben wir einige Probleme mit den Grüften, die auf uns gekommen sind. Da gibt es die Plünderungen der vermeintlich zur letzten Ruhe Gebetteten und ihrer Grabstätten: Viele Leichname, ob skelettiert oder mumifiziert, und ihre Grablegen wurden nicht nur in den Nachkriegsjahrzehnten mitunter übel verwüstet.

Gerade im Osten der Republik wird bis heute oft erzählt, wie „die Russen“ auf der Suche nach Schmuck und anderen wertvollen Beigaben Särge aufgebrochen oder Mumien an Bäume gehängt haben. Grabraub bleibt ein Thema Das mag immer wieder passiert sein, doch auch die Bevölkerung vor Ort hat sich meist nicht mit Ruhm bekleckert. Im Gegenteil – die Geschichten häufen sich, in denen Jugendliche für Mutproben in die Gruftkeller gestiegen sind und die Leichname aus den Särgen gezerrt haben. Auch Grabraub ist immer noch ein Thema: Vor einigen Jahren erzählte ein Archäologe aus Litauen von jungen Mädchen, die in der Diskothek stolz den Goldschmuck zeigten, den ihnen ihre Verehrer geschenkt hatten. Es waren Juwelen aus der Renaissance, gestohlen aus Adelsgrüften.

Apropos: Es ist sehr leicht, mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die sich an wehrlosen Toten bereichern. Fragen wir uns doch einmal, wo genau die Grenze liegt, an der der Respekt vor den Verstorbenen übertreten wird. Die Lösung ist in der Praxis denkbar einfach: Man muss neugierige Touristen oder Journalisten, die naturgemäß auf spektakuläre Bilder hoffen, nur kurz anhalten, sich zu überlegen, was sie wohl empfänden, wenn das ihre Mutter oder das eigene Kind wäre, das da vor ihnen liegt und begafft wird. Auch die Sensationsgier ist ein echtes Problem in der Gruftforschung: In Mumienausstellungen, die seit Jahren auf mehreren Kontinenten reges Publikumsinteresse verzeichnen, können die Besucher konservierte Leichname von Menschen und Tieren bestaunen und, wie die Webseite der „Reiss-Engelhorn-Museen“ wirbt, „selbst zum Mumienforscher“ werden. Unter den Exponaten ist auch eine Nonne aus dem ungarischen Vac, der man das Herz entnommen hatte. Soweit, so unspektakulär für Zeiten, in der Organentnahmen entweder mit Überführungen, längeren Aufbahrungszeiten oder Repräsentationszwecken zusammenhingen und häufig durchgeführt wurden. Aber ist es wirklich ethisch vertretbar, ein Großfoto der entkleideten Nonne mit einem Loch in der entblößten Brust auszustellen, dazu mit dramatisch geöffnetem Mund? Und nein – das ist nicht der gefrorene Todesschrei, sondern Resultat natürlicher Trocknungsvorgänge. Nüchterne wissenschaftliche Erkenntnisse verkaufen sich allerdings nicht so gut wie Horrorgeschichten. Und so lassen sich auch Wissenschaftler immer wieder vor den Gruselkarren spannen. Da sind Mumienforscher schaudernd fasziniert von „Fingern, die sich tief in das Fleisch der Brust gegraben haben“, zu lesen bei Zeit Online im Oktober 2010. Und sollten doch wissen, dass eine Austrocknung zu Sehnenverkürzungen führt und im Falle von Mündern und Augen zu Öffnungen derselben.

Ein anderes Beispiel sensationsgieriger Auswüchse: Insektenforscher, Entomologen, geistern nachts „wie Indiana Jones“ durch die Catacombe dei Cappuccini in Palermo, die doch für das Eintrittsgeld von drei Euro jedermann zugänglich sind. Sie entnehmen Proben von den Mumien – entgegen der ausdrücklichen Weisung des zuständigen Kurators, wie Zeit Online im September 2012 berichtete: „Man kann ja mal nachsehen – Mit welchen Tricks sich deutsche Wissenschaftler in Palermo zu Mumienforschern machten.“

Schließlich gibt es das Problem des unsachgemäßen Umgangs mit Grüften: Dabei geht es vor allem um das Vermauern der für Grüfte und Mausoleen lebenswichtigen Belüftungsöffnungen. Aus Unwissenheit hat man immer wieder Fenster und Schächte verschlossen, ohne die die Gruftinventare schnell von Schimmelpilzen befallen werden. Manchmal bleibt so von einst prachtvollen Holzsärgen nur noch Humus übrig. Dass wertvolle und einzigartige Sargbestände auch heute noch undokumentiert entsorgt werden, macht auch den erfahrenen Kulturwissenschaftler zuweilen nur noch sprachlos.

Es ist ja zu begrüßen, wenn barocke Gruftanlagen immer noch genutzt werden und durch die Gebühren für Urnenbegräbnisse der Bestand gesichert wird. Dass auf dem Wipertifriedhof in Quedlinburg vor Jahren jedoch zahlreiche Gruftkammern mit Särgen aus dem 18. und 19. Jahrhundert schlichtweg leergeräumt wurden, die Metallsärge auf den Schrottplatz kamen und die Leichname in ein großes Loch gekippt wurden, ohne dass zumindest dokumentiert wurde, was da unwiederbringlich verschwand, ist schwer zu fassen. Das ist nur ein Beispiel von vielen – es ist so, als ginge man ins Heimatmuseum und würfe Barockschränke auf den Sperrmüll, weil man den Platz gerade für etwas anderes braucht.

Dennoch: Trotz dieser Probleme und Schwierigkeiten ist die „Gruftologie“, wie Kollegen diese eigenwillige Spezialisierung der Kulturwissenschaften gerne nennen, überaus faszinierend. Denn man hat tatsächlich mit Menschen zu tun, auch wenn diese tot sind. Sie erzählen Geschichten, von ihrer Trauer, ihrem familiären Zusammenhalt und ihrer Hoffnung auf die Auferstehung. Dass sie ihr in Würde entgegensehen können, lohnt Mühe und Idealismus. Ganz ohne Grusel und Alpträume.

Andreas Ströbl

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Kultur"