Der „Antichrist“ liebte das AT

Anna Barth untersucht, warum Friedrich Nietzsche das Alte Testament dem Neuen vorzog
Foto: Andreas Schoelzel
Foto: Andreas Schoelzel
In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sich die Theologin Anna Barth mit dem Verhältnis des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844–1900) zum Alten Testament. Er kannte es sehr gut und nutzte es für seine Lebensphilosophie. Nietzsche gelang es, das Christentum mithilfe seiner eigenen Grundlage, der Bibel, zu kritisieren.

Meine Doktorarbeit schreibe ich über das Alte Testament in Friedrich Nietzsches Schriften. Dass Nietzsches Sprache biblisch ist, vor allem in Also sprach Zarathustra, ist zwar bekannt. Genauso, dass er als Pfarrerssohn und Schulpforta-Zögling mit der Bibel gut vertraut war. Bisher wurde in der Forschung aber fast nur auf neutestamentliche Bezugnahmen Nietzsches eingegangen, obwohl sein Werk voll von alttestamentlichen Zitaten ist. Auch sein Nachlass und seine Briefe geben Aufschluss darüber, wie gut er mit der Bibel insgesamt und dem Alten Testament insbesondere vertraut war. Er las nicht nur die Lutherbibel, sondern übersetzte auch aus der Hebräischen Bibel, der Septuaginta und der Vulgata. Ihn ärgerte an den Theologen und Pfarrern seiner Zeit, dass sie – im Gegensatz zu ihm – schlechte Philologen seien und die Bibel willkürlich und dogmatisch interpretierten.

Das Beachtliche ist, dass Nietzsche das Alte Testament über alles gestellt hat, nicht nur über das Neue, sondern auch über das griechische und indische Schrifttum, und das, obwohl er als Altphilologe die vorplatonischen Griechen sehr verehrte. An den Hebräern hat er besonders geschätzt, dass sie das Leben bejahten, mit einer, wie er sagt, „Naivetät des starken Herzens“. Das ist für Nietzsches Lebensphilosophie das A und O: das Leben zu bejahen, und zwar aufrecht, stark und würdevoll. Für diese Haltung suchte er nach antiken Vorbildern. Es geht Nietzsche um ein positives, optimistisches Menschenbild, das er im Alten Testament sieht, nicht jedoch bei Paulus, und schon gar nicht im Christentum. Nietzsche bezeichnet sich selbst als „Anti-Antisemiten“, äußert sich gleichzeitig aber sehr polemisch zu der jüdischen „Sklavenmoral“, die das Christentum universalisiert habe. Wie das mit seinem Lob für das Alte Testament zusammengeht, will ich in meiner Dissertation zeigen.

Geboren wurde ich 1983 in Tübingen. Ich habe im Wintersemester 2002 in Marburg mit einem Lehramtsstudium für Mathematik und Religion begonnen. Dann habe ich von Mathe auf Geschichte, von Geschichte auf Latein gewechselt – und dann beim ersten Schulpraktikum gemerkt, dass ich gar keine Lehrerin werden möchte. Da mich formale Logik und Sprachphilosophie sehr interessierte, schrieb ich mich zusätzlich zur Theologie für Philosophie ein. Nach den Zwischenprüfungen in Marburg ging ich für ein Jahr nach Wien, wo ich Kant, Hegel, jüdische Philosophien und jüdische Geschichte studierte.

Dann bin ich nach Berlin gegangen und habe dort 2011 meine Magistra (so heißt das wirklich) in Philosophie gemacht, mit einer Arbeit über den rationalistischen Antijudaismus bei Immanuel Kant. Zwei Jahre später habe ich in Kurhessen-Waldeck das Erste Theologische Examen mit einer Arbeit über die politische Dimension der paulinischen Mission abgelegt. Danach bin ich ins Vikariat gegangen, habe es aber abgebrochen und mein Erstes Examen als Diplom umwidmen lassen. Mir liegt die Kirche, allein schon familiär bedingt, sehr am Herzen (ich stamme aus einer Familie mit vielen Kirchenmusikerinnen und Pfarrern). Aber einiges stört mich doch so sehr, dass ich den Weg ins Pfarramt (noch) nicht gehen konnte. Ob es nicht der richtige Beruf für mich war oder nur nicht der richtige Zeitpunkt, wird sich zeigen.

Das Aparte an meinem Projekt finde ich, dass Nietzsche das Christentum mit seiner eigenen Grundlage, der Bibel, angreift, und zwar aus guten philologischen und historischen Gründen. Nietzsche hat geschrieben: „Das Volk glaubt apokryph“, und das Christentum sei im Ganzen nicht mehr als „Platonismus für’s Volk“. Die Dogmen der alten Kirche, etwa die Trinität oder die Erbsündenlehre, sind unter so vielen Einflüssen und Abgrenzungen entstanden – griechische und lateinische Philosophien, Mysterienkulte, gnostische Strömungen, dem Manichäismus, dem Zoroastrismus, politische Interessen –, da wundert es doch nicht, dass sie sich mit dem heutigen Stand der wissenschaftlichen Bibel-Forschung philologisch relativieren, vielleicht sogar nivellieren lassen. Warum sollten vor diesem Hintergrund „große Denker“, ob sie nun Augustin, Luther, Kant oder Schleiermacher heißen, für meine Bibelinterpretation maßgeblich sein? Heißt es nicht sola scriptura?

Ein Beispiel: Dass es in der so genannten Sündenfall-Erzählung von Adam und Eva gar nicht um Sünde geht – das tut es erst bei der Erzählung von Kain und Abel –, ist unter Alttestamentlern längst ein alter Hut. In der dogmatischen Disziplin aber scheint diese philologische Einsicht noch nicht ganz angekommen zu sein. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Kommunikation zwischen den fünf thelogischen Disziplinen nicht die beste ist. Nietzsche deutet die Erzählung vom Garten Eden jedenfalls komplett anders und lädt damit zu einer neuen Perspektive auf altbekannte Texte ein.

Insgesamt eröffnet Nietzsche durch seinen Umgang mit dem Alten Testament eine, wie ich finde, viel schönere Sicht auf den Menschen und das Leben, als es die christliche Dogmatik tut. Meine These ist, dass sich Nietzsches sehr hartes Urteil über den Stil und Inhalt des Neuen Testaments, seine Polemik gegen Paulus und dass er Jesus als „Idiot“ bezeichnet, erst aus seiner Bewunderung für den Stil der „Menschen, Dinge und Reden“ erklären lässt, die er im „jüdischen ‚alten Testament‘, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit“ vorfindet.

Mit meiner Arbeit versuche ich, neben einem wissenschaftlichen Beitrag zur Nietzsche-Forschung, der Theologie und Kirche aufzuzeigen, dass der „Immoralist“ und „Antichrist“ Friedrich Nietzsche nichts zum Fürchten ist. Im Gegenteil! Nietzsche betonte, dass er ein „froher Botschafter“ ist, und er bringt einen durch seine pointierte Sprache tatsächlich häufig zum Schmunzeln.

Meiner Meinung nach braucht die Kirche dringend mehr Fröhlichkeit. Wie oft habe ich theologisch von der Sünde, Entfremdung und Gebrochenheit des Menschen gehört, der durch den Glauben an Christi Sühnetod und Auferstehung irgendwie gerechtfertigt wird – was auch immer das konkret für mein Leben heißen mag. Es ist schwer, das als frohe Botschaft für ein Leben hier und jetzt (und nicht im Jenseits) zu vermitteln. Oder wie Nietzsche es sagt: „Die Christen müssten mir erlöster aussehen (…), wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“

Ich weiß nicht, wie realistisch es ist, dass Theologie und Kirche einen Weg jenseits der traditionellen Dogmatik beschreiten. Ich fände es aber wünschenswert, zumal die Dogmen auch unter Theologen vielfach als unglaubwürdig gelten, von Gemeindemitgliedern und Kirchenaustretern ganz zu schweigen. Ich glaube, in dem Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche liegt wirklich eine große Chance für die Theologie unserer Zeit. „Gott ist tot“ ist nicht Nietzsches letztes Wort.

Aufgezeichnet von Philipp Gessler

Anna Barth

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