Ein zärtlicher Film

In „Maria Magdalena“ glückt die Rehabilitation einer Verfemten
Foto: pixelio
Der Film „Maria Magdalena“ ist ein kleines Plädoyer für das Frauen-Priestertum - und ein noch größeres für Liebe.

Was weiß man über Maria Magdalena - oder Maria von Magdala, wie sie auch genannt wird? Ziemlich wenig. Sie kam wahrscheinlich aus Magdala, einem Dorf am See Genezareth. Sie war eine Gefährtin Jesu, zog mit ihm in Galiläa umher wie die Apostel, das scheint sicher. Aber schon nach diesen spärlichen Informationen wird die Sache unsicher, denn alles weitere erzählen noch nicht einmal alle Evangelien: Trieb Jesus ihr wirklich sieben Dämonen aus? Beobachtete sie tatsächlich seine Kreuzigung in Jerusalem von weitem? Sah sie zuerst das leere Grab, was nur der Glaube ganz sicher weiß? Begegnete sie wirklich als erste dem Auferstandenen und kündete den Aposteln davon?

Historisch ist das alles nicht zu fassen. Maria Magdalena ist ein fast leeres Gefäß, in das in zwei Jahrtausenden viele Gelehrte, Theologen und Künstler die Geschichte gefüllt haben, die ihnen wichtig war - bis zu der Polemik, sie sei vor der Begegnung mit Jesus eine Prostituierte gewesen. Diesem Rufmord, auch durch die Schrift in keiner Weise belegt, gab im späten 6. Jahrhundert Papst Gregor I. höchste Weihen, doch schon davor hatten Theologen diese Mär verbreitet. Diese klar frauenfeindliche Erzählung über Maria Magdalena machte sie jedoch über die Jahrhunderte noch populärer, geheimnisvoller und faszinierender. Das jüngste Beispiel: Der Hollywood-Film „Maria Magdalena“, der seit Mitte März in deutschen Kinos zu sehen ist.

Gedreht hat ihn der australische Regisseur Garth Davis, dessen Film „Lion - Der lange Weg nach Hause“ immerhin sechs Oscar-Nominierungen erhalten hat. Getragen wird „Maria Magdalena“ vom US-amerikanischen Star Joaquin Phoenix, der Jesus verkörpert - und von seiner Landsfrau Rooney Mara, die die Titelrolle spielt. Es ist vor allem das Zusammenspiel dieser beiden hervorragenden Schauspieler, das diesen Film sehenswert macht. „Maria Magdalena“ ist ein leiser, körperlicher, ja fast zärtlicher Film. Diesen Ton gibt schon die Anfangsszene vor, in der Maria Magdalena minutenlang zu sehen ist, wie sie hinabtaucht in einen See, wohl den See Genezareth - eher ein Traumszene, als dass man diese lange Tauchsequenz wirklich für möglich hält. Maria Magdalena taucht hinab in die Stille, in sich selbst auch, wie sie an einer Stelle des Films andeutet, und vielleicht auch in die Botschaft Jesu, die sie verkünden wird. All dies gestärkt durch die Stille der Natur, die der Film mit feinen Bildern feiert.

Maria Magdalena wird als eine Frau gezeichnet, die vor allem Frauen durch ihre Berührungen, ihre Nähe und ihr Mitleiden zu bewegen, zu trösten und zu heilen vermag, ähnlich wie Jesus, und in Nachfolge von ihm. Wie er wird sie verletzlich und beseelt gezeigt, überwältigt von der Nähe zum Heiland und dessen Nähe zu Gott. Das Körperliche, die Berührung und das Zärtliche sind dabei bei ihr wie bei Jesus Wege des Heils und Heilens - bis zu der vielleicht eindrucksvollsten Szene des Films, wenn Jesus seinen gerade verstorbenen Freund Lazarus von Bethanien von den Toten auferweckt: einfach nur, indem er sich neben ihn legt. Übrigens heilt Maria Magdalena auch Jesus, psychisch vor allem, wenn sie den verzweifelten Messias in Jerusalem die Füße wäscht, ebenfalls eine körperliche, zarte, zärtliche Szene.

„Maria Magdalena“ ist am Ende sicherlich ein kleines Plädoyer für das Frauen-Priestertum - und ein noch größeres für Liebe, Sanftheit, Zärtlichkeit und Körperlichkeit. Und für die Stille, in der Gott wohl am ehesten zu finden ist. Der Film ist zugleich eine Ehrenrettung für die Verfemte, über die wir so wenig wissen. Dass Maria Magdalena als „Apostelin der Apostel“, als Botschafterin der Botschafter des Glaubens, zu verstehen und gleichrangig mit ihnen zu verehren ist, das hat erst Papst Franziskus 2016 offiziell erklärt. Die frühe Kirche wusste dies schon lange vorher. Und ein Film aus dem Jahr 2018 weiß es nun auch.

Philipp Gessler

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