Visionär und praktikabel

Flüchtlinge im evangelischen Gottesdienst – auf dem Weg zu einer interkulturellen Öffnung
Im Stadtteil der Dortmunder Lydia-Gemeinde leben Menschen aus 140 Nationen. Im Jahr 2020 will sie international zusammengewachsen sein, mit Zugewanderten im Presbyterium.  Foto: Johannes Sundermeier
Im Stadtteil der Dortmunder Lydia-Gemeinde leben Menschen aus 140 Nationen. Im Jahr 2020 will sie international zusammengewachsen sein, mit Zugewanderten im Presbyterium. Foto: Johannes Sundermeier
Immer mehr Kirchengemeinden arbeiten mit Migranten zusammen und erweitern so den eigenen Horizont. Auch der personelle Rückgang motiviert zu diesen Aufbrüchen, wie sie Gudrun Mawick beschreibt. Sie ist Dozentin am westfälischen Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung in Schwerte.

Immer mehr Kirchengemeinden arbeiten mit Migranten zusammen und erweitern so den eigenen Horizont. Auch der personelle Rückgang motiviert zu diesen Aufbrüchen, wie sie Gudrun Mawick beschreibt. Sie ist Dozentin am westfälischen Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung in Schwerte.

Wie können Gottesdienste einladend gestaltet werden? Für diejenigen, die kommen – und auch diejenigen, die nicht mehr oder noch nicht mitfeiern? Aktuell, dabei aber traditionsverbunden?

Trotz aller Bemühungen um Qualität und neue Formen sind Gottesdienste in Deutschland vielfach zu schlecht besuchten Insider-Veranstaltungen geworden, und zwar in vielen christlichen Konfessionen. Doch als im Herbst 2015 und in den folgenden Monaten Zehntausende Geflüchtete Deutschland erreichten, wandelte sich dieses Bild mancherorts: Etliche der neu angekommenen Flüchtlinge kamen in Gottesdienste – oft ausdrücklich eingeladen. Denn Kirchengemeinden engagierten sich vielfältig: Sie organisierten Patenschaften, Sprachkurse und internationale Cafés, halfen mit Kleidung und Haushaltsgegenständen. Manchmal erschienen die Neuangekommenen auch überraschend am Sonntagmorgen – vor allem, wenn eine gut belegte Unterkunft in der Nähe der Kirche lag. Dabei kamen nicht nur diejenigen Migranten in die Kirchen, die einer christlichen Konfession angehören, sondern auch Muslime und Angehöriger anderer Religionen.

Was suchen sie, was finden sie in Gottesdiensten? Erst nach und nach wurde deutlich, dass die Geflüchteten die sonntäglichen Feiern aus ganz unterschiedlichen Motiven aufsuchten: Das Bedürfnis, der unruhigen Sammelunterkunft für einige Zeit zu entfliehen und sich in einer konzentrierten Atmosphäre aufhalten zu können. Auch die Einladungen zum Kaffee danach, zu Gesprächen und zum Kennenlernen waren für sie attraktiv. Oft war dies mit Hilfsangeboten von Ehrenamtlichen verbunden, zum Beispiel für eine Begleitung zu Behörden. Etliche Flüchtlinge waren neugierig, etwas vom religiösen Leben in Deutschland mitzubekommen. Denn in ihren Heimatländern im vorderen Orient gehört Religion einfach zum Leben dazu, Menschen ohne religiöse Zugehörigkeit gibt es in Syrien, dem Iran oder Afghanistan kaum. So fragten sich die neu Angekommenen: Wie leben die Deutschen Religion? Was bedeutet sie ihnen – und was heißt das für mich? Es war auch Sehnsucht dabei, Verwurzelung zu spüren. Wenn schon nicht die eigene, dann wenigstens die anderer.

Wer alles an Heimat zurücklassen muss, den können fremde Wurzeln stabilisieren. In ihnen mag sich Verwandtes finden, in Gebetshaltungen oder Lesungen aus Heiligen Schriften, in einer spirituellen Atmosphäre. Die Gemeinden waren überrascht und erfreut, dass die Geflüchteten nicht „nur“ diakonische Hilfen benötigten, sondern auch geistlich-spirituelle Teilhabe. Bei manchen stellten sich Hoffnungen angesichts zurückgegangener Gemeindearbeit ein. „Die Flüchtlinge haben unsere Gemeinde gerettet – wir wissen wieder wofür wir da sind“, hieß es. Und zwar nicht nur im Blick auf diakonisches Engagement in der Kirche, sondern auch auf ihr geistliches Leben. Manche Gottesdienstgemeinde war plötzlich um viele junge Männer arabischer oder afrikanischer Herkunft erweitert. Bibelkreise erwachten zu neuem Leben, und einige Kirchenchöre bekamen plötzlich viele neue junge Männerstimmen.

Das veränderte vielerorts den Gottesdienst: Bibeltexte wurde nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Farsi oder Französisch vorgelesen. Im Eingangsbereich lagen Bibeln und Gottesdienstabläufe in mehreren Sprachen bereit. Flüsterübersetzungen oder elektronische Übersetzungshilfen bürgerten sich ein, dazu mehr Lieder in verschiedenen Sprachen.

Sicher ist es falsch, davon nur in der Vergangenheit zu berichten. Doch mittlerweile ist die Zahl der Geflüchteten und der spontanen Gottesdienstbesucher aus fremden Ländern zurückgegangen. Integrationskurse und Lebensorganisation beanspruchen Zeit und Kräfte der Geflüchteten. Erste angebahnte Kontakte ließen sich aufgrund von Umzügen aus den Sammelunterkünften in andere Wohnungen nicht weiter vertiefen. Manche Zugewanderte fanden eher in freikirchliche Denominationen hinein. Doch einige der Flüchtlinge leben ihr Christentum nun in landeskirchlichen Gemeinden, andere lassen sich taufen oder haben dies vor. Sie sind geblieben und feiern weiterhin Gottesdienste mit.

Brückenbauer und Übersetzer

Durch die vielen Neuankömmlinge kamen auch ältere Migrantinnen und Migranten neu in den Blick: Menschen anderer Sprache und Herkunft, die zum Teil schon in der zweiten oder dritten Generation Nachbarn sind. Manche von ihnen engagieren sich spätestens seit dem Herbst 2015 als Übersetzer und Brückenbauer zwischen den Kulturen – auch in kirchlichen Kontexten. Die Herausforderungen durch aktuell Geflüchtete und ein Blick auf die schon länger Zugewanderten vermischen sich so im Blick auf Gottesdienste und ihre Gestaltung.

Anders als die katholische Weltkirche tendiert die evangelische Christenheit weltweit dazu, sich in monoethnischen Gemeinden zusammenzufinden. Schon Martin Luther-King stellte fest, dass der Sonntagmorgen die am meisten segregierte Stunde Nordamerikas sei, daran hat sich seither nur wenig geändert. Auch in Südafrika sind zwanzig Jahre nach Ende der Apartheit im Gottesdienst die alten Trennungen präsent.

Doch die multinationale Vielfalt der deutschen Bevölkerung bildet sich seit langem in evangelischen Schulen, Kindergärten und auch im Konfirmandenunterricht ab. Menschen mit ganz unterschiedlichen Wurzeln werden evangelisch getauft und getraut. Das Gemeindeleben ist zunehmend von Begegnungen mit Menschen aus fremden kulturellen Kontexten geprägt. Jedoch sind Mitarbeitende mit Migrationshintergrund weiterhin die Ausnahme, ob im Haupt- oder Ehrenamt. Somit sind Zugewanderte selten in kirchliche Entscheidungsprozesse einbezogen.

Mit der starken Migration nach Deutschland fiel das EKD-Themenjahr 2016 „Reformation und die eine Welt“ zusammen. Eines der Themen war dabei, dass die Weltchristenheit aus ganz verschiedenen Ländern schon seit geraumer Zeit hier eingewandert ist: Noch 2014 gehörten 25 Prozent aller Asylbewerberinnen und -bewerber zu christlichen Konfessionen. So ermutigt der 2015 verfasste EKD-Text „Gemeinsam evangelisch!“ dazu, hiesige Gemeinden anderer Sprache und Herkunft vermehrt wahrzunehmen und Kontakte und Gemeinsames hin zu einem „gemeinsam Kirche sein“ zu vertiefen.

Denn in Gemeinde- und Gotteshäusern versammeln sich schon seit vielen Jahren Gemeinden aus der weltweiten evangelischen Ökumene zum Gottesdienst. Vielerorts sind Parallelgesellschaften entstanden, die sich in einem Nebeneinander hinsichtlich der Nutzung und Pflege der Räume arrangiert haben. Schon das ist bisweilen kompliziert, noch mehr gilt dies für ein vermehrtes Miteinander. Denn dies bietet nicht nur praktische, sprachliche und kulturelle Herausforderungen, sondern auch theologische. Bei manchen afrikanischen Denominationen dauert der Gottesdienst mindestens drei Stunden, bei deutschen Protestantinnen eher eine. Die Kollekte kann als ausgelassener Tanz inszeniert werden oder als stumme Gabe während eines Liedes. Exorzismen und die Austreibung böser Geister gehören in manchen Teilen der Welt unbedingt zur gottesdienstlichen Feier, hier stößt so etwas gewöhnlich auf große Skepsis. Differenzen in der Wahrnehmung von lesbischem und schwulem Leben stellen die Gemeinschaft vor große Hindernisse. Auch Ängste der alteingesessenen Gemeindeglieder vor der Überfremdung von Vertrautem brauchen Raum und Zuwendung. Doch in Globalisierungszeiten wandern eben nicht nur Waren und Kapital, sondern auch Menschen. Das wird so bleiben, auch wenn gegenwärtig in Deutschland die Migrationszahlen zurückgegangen sind.

Doch etliche Gemeinden versuchen jetzt vermehrt mit den Zugewanderten zusammenzuarbeiten: als Bereicherung und Erweiterung des eigenen Horizontes. Um Geschwisterlichkeit und christliches Zeugnis zu fördern und praktisch-theologisch auf die Einheit der Kirche in Christus hinzuwachsen. Doch auch eine „Flucht nach vorne“ angesichts des eigenen personellen Rückgangs motiviert zu diesen Aufbrüchen.

Ein Beispiel dafür ist die Lydia-Gemeinde in der Dortmunder Nordstadt. Sie fusionierte aus drei selbstständigen Einheiten und hat in diesem Prozess bereits mehrere Gebäude aufgegeben. Sie kann sich keine Zukunft ohne die Zugewanderten in ihrem Stadtteil vorstellen. Denn hier leben mehr als 53?000 Menschen aus über 140 Nationen, fast 35?000 von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Die meisten sind Muslime, aber auch viele Christinnen und Christen sind darunter. Im Rahmen eines Modellprojektes der Evangelischen Kirche von Westfalen arbeitet sie auf konkrete Ziele hin: Im Jahr 2020 will die Lydia-Gemeinde international zusammengewachsen sein – mit Zugewanderten im Presbyterium. Migrantinnen und Migranten sollen mit ihren unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen sichtbarer Teil der Gemeinde sein.

Heimat im Gottesdienst

Schon länger feiern eine tamilische und eine koreanische Gemeinde ihre Gottesdienste in Gemeinderäumen. In einem der Zentren probt eine afrikanische Band, die auch Gottesdienste begleitet. Die koreanische Gemeinde engagiert sich bei einem Frühstück für Bedürftige. Ein afrikanisches Gemeindeglied lädt zu einer Gebetsgruppe in englischer Sprache ein und es gibt einen internationalen Bibelkreis. Viermal im Jahr werden mit möglichst vielen der im Stadtteil ansässigen Gemeinden anderer Sprache und Herkunft internationale Gottesdienste gefeiert.

Multikulturalität prägte das Christentum seit seinen Anfängen, davon zeugen die Auseinandersetzungen in den Briefen des Neuen Testamentes. Ebenso entwickelten sich im Laufe der Kirchengeschichte diverse christliche Liturgiefamilien in den Regionen des römischen Reiches. Christliche Mission verbindet bis heute die Traditionen verschiedener Kontinente. So gehören deutsche Choräle und englische Hymnen zur Musik afrikanischer Gemeinden. Lieder aus allen Teilen der Welt stehen im aktuellen Evangelischen Gesangbuch, Weltgebetstage der Frauen verbreiten liturgische Elemente aus anderen Erdteilen. Die Lobpreisbewegung vermischt sich gegenwärtig mit traditionellen Gottesdienstelementen. So sind liturgisches Repertoire und gottesdienstliche Identitäten stets im Fluss und haben schon immer ein hochemotionales Feld für Auseinandersetzungen geboten.

In Gottesdiensten teilt sich vieles mit, auch wenn die Sprache nicht verstanden wird. Schon der Gesamteindruck des Raumes und seine Lichtverhältnisse berühren emotional und verhelfen zu Erlebnissen „im Rückenmark“ – schon bevor ein Wort gefallen oder ein Ton erklungen ist. Ebenso wirken verschiedene Töne und Musiken, auch Gerüche. Ganz entscheidend für die Wahrnehmung ist natürlich, was Menschen tun oder lassen, wie ihre Haltung erlebt werden kann: Gesammelt und konzentriert, singend, betend, hingegeben.

Gottesdienste werden gerne als „fremde Heimat“ bezeichnet. Denn „fremd“ und „beheimatet“ sein verbindet alle Teilnehmenden theologisch – egal, ob sie die Sprache verstehen, in der er gefeiert wird. Oder in welcher liturgisch-theologischen Tradition sie zu Hause sind.

Nach Martin Luther ereignet sich Gottesdienst als dialogisches Geschehen, in Wort und Antwort. Gott spricht: in biblischen Texten, in Worten und Taten Jesu, in dem, was Christinnen und Christen aller Zeiten an Göttlichem in ihrem Leben erfahren. Dies alles kommt in Gottesdiensten zur Sprache, wird Gesang und Musik, Kunst und Bauwerk. Die Gemeinde hört, sie antwortet aber auch: mit Gebeten und Liedern, mit der Feier des Abendmahls, mit der Kollektengabe. Weil in diese dialogische Grundstruktur alle mit einbezogen sind, kennt der protestantische Gottesdienste nur Beteiligte, auch wenn nicht alle in die Antworten mit einstimmen. Ein bloßes Zuschauen ist unmöglich, ein Erleben ist immer dabei – und wenn es Befremdung ist. Das gilt für Getaufte und nicht Getaufte. Denn auch Christinnen und Christen sind auf eine theologische Weise allesamt heimatlos: „Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14). Auch in ihren Gottesdiensten, denn hier ist Gott der Gastgeber.

Andererseits und deswegen können alle Menschen Heimat in Gottesdiensten beanspruchen, ob sie nun getauft sind oder nicht. Denn das Evangelium geht alle an, weil es niemanden ausgrenzt. So markiert die Barmer theologische Erklärung den Auftrag der Kirche im Gottesdienst als „… die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“. Dabei geht es nicht um die Vereinnahmung Anders- oder Nichtgläubiger, sondern darum, dass die Botschaft des Evangeliums niemanden ausgrenzt.

Neues Hoffnungszeichen

Gemeinsame Wege mit Zugewanderten verschiedener Völker und Generationen auszuhandeln und auszuprobieren sind Hoffnungszeichen. Natürlich gibt es dabei Rückschläge und Frustration, aber auch Überraschendes und Lustvolles. Es gilt, das „Standbein“ der bewährten Formen und das „Spielbein“ des Neuen und Fremden nicht gegeneinander auszuspielen. Vielleicht kann sich im Blick auf gottesdienstliches Leben eine Praxis entwickeln, Fremdes zeitweilig auszuprobieren, wie ein Kleid, das auch wieder abgelegt und später wieder hervorgeholt werden kann. Weil es schön ist, aber vielleicht nicht an jedem Tag.

Sich in der eigenen Gemeinde und Religiösität vorübergehend selbst fremd zu werden auf dem Weg, gehört zur interkulturellen Öffnung evangelischer Gemeinden. Die Lust daran, zu entwickeln, sich an der Schönheit von Fremdem zu freuen, aber dann gerne auch wieder das Eigene zu pflegen – mit gewachsenem Selbstvertrauen und vielleicht hinzugekommenen Menschen, die auch daran gerne teilhaben.

Gottesdienst ist immer ein existenzieller Spielraum, in dem auch Ängste Raum bekommen. Hier geht es nicht um argumentativen Schlagabtausch, mit Siegerinnen und Besiegten, sondern um gemeinsames Feiern im Angesicht Gottes. Hier ist klar, dass Gott der Gastgeber ist, und wer kommt, ist fremd und beheimatet zugleich. In dem Wissen darum, dass alles vorläufig ist, aber auch der Ewigkeit zugehört. Im Spiel- und Schutzraum dieser Freiheit kann Befremdung eingeübt, statt vermieden werden. Auf den Wegen von „Gemeinsam Kirche sein“ bieten Gottesdienste visionäre und gleichzeitig praktikable Möglichkeiten vorweggenommener Feiern des universalen Friedens.

Gudrun Mawick

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