Zwischen Geld und Gott

Markus Höfler untersucht Menschenbilder und Mitarbeiterverständnisse in der Diakonie
Foto: Andreas Schoelzel
Foto: Andreas Schoelzel
Wie ist heute angesichts der Ökonomisierung der institutionellen Diakonie christliches Management möglich? In seiner Doktorarbeit analysiert der baptistische Theologe Markus Höfler Menschen- und Mitarbeiterbilder in diakonischen Einrichtungen. Er will die Frage beantworten, wie ein zeitgemäßes Verständnis diakonischer Unternehmensführung aussehen kann.

Die institutionelle Diakonie mit ihrer sozialen Arbeit hat in der deutschen Gesellschaft nicht nur eine große Bedeutung, weil sie einer der größten Arbeitgeber in Deutschland ist, sondern auch, weil in ihren Häusern und Einrichtungen christlicher Glaube auch für Menschen greifbar wird, die mit Religion nichts am Hut haben. Sicher, es ist schwer, in einem ökonomisierten Umfeld das christliche Profil zu zeigen und die Fahne hoch zu halten. Ein Pastor als Seelsorger, eine Gottesdienstfeier und ein Kreuz an der Wand, das sind öffentlich sichtbare Artefakte, aber gerade angesichts einer pluralistischen Mitarbeiterschaft und einem enormen Kostendruck stellt sich die Frage, was im Kern solcher Einrichtungen noch christlich ist.

Das Christliche muss sich also in den Strukturen des Unternehmens zeigen: zum Beispiel im Verhalten untereinander, in der Atmosphäre in den Einrichtungen und im Arbeitsklima, natürlich auch in der mitmenschlichen Beziehungspflege. Der Schlüssel dazu sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und deshalb schreibe ich meine Doktorarbeit über das Mitarbeiterverständnis und die Personalentwicklung in der Diakonie. Schließlich sind die Herausforderungen, vor denen die diakonischen Einrichtungen in den kommenden Jahren stehen, immens: Es drohen Ökonomie statt Theologie, Dienstleistung statt Dienstgemeinschaft, Refinanzierung statt Sozialanwaltschaft. Dazu kommen eine pluralistische Mitarbeiterschaft, der demographische Wandel, Fachkräftemangel und die Konkurrenz zu kommerziellen Gesundheitsanbietern. Es steht also einiges auf dem Spiel, das ich als evangelischer Theologe mit gestalten möchte.

Mein Interesse an der Diakonie und an diakonischen Fragestellungen entwickelte sich schon während meines evangelischen Theologiestudiums an der Theologischen Hochschule Elstal (Brandenburg). Diverse diakonische Praktika fokussierten meinen Blick noch einmal neu auf ein mögliches zukünftiges diakonisches Arbeitsfeld. Immer auch unter der Fragestellung: Was kann ich in diesem Bereich als evangelischer Theologe beitragen? Meine Masterarbeit zum Thema „Management von Spiritualität in diakonischen Einrichtungen“ war schon eine Vorstufe der Promotion, an der ich seit einem Jahr arbeite und die ich am Heidelberger Diakoniewissenschaftlichen Institut bei Professor Johannes Eurich mache.

Wie schaffe ich es im diakonischen Unternehmen, so viel Mitmenschlichkeit wie möglich auszubilden und trotzdem effizient zu bleiben? Und lässt sich in einer Einrichtung eine Arbeitsatmosphäre gestalten, in der Menschen verschiedener kultureller und religiöser Prägungen gemeinsam an einem Strang ziehen? Welche Rolle spielt dabei der christliche Glaube? Gelingt die Etablierung einer gemeinsamen Unternehmenskultur, in der Mitarbeitende das Gefühl haben, gehört und wertgeschätzt zu werden?

Diese Herausforderungen möchte ich als Theologe in meiner Dissertation wirtschaftsethisch und betriebswirtschaftlich angehen. Deshalb untersuche ich zunächst die unterschiedlichen Menschenbilder und Mitarbeiterverständnisse, die in der Diakonie eine Rolle spielen, denn diese haben Auswirkungen auf den Umgang mit den eigenen Mitarbeitenden. Hier zeigt sich, wie der Umgang zwischen Leitung und Mitarbeiterschaft gestaltet werden soll. Zum Beispiel der arbeitsrechtliche Begriff der Dienstgemeinschaft.

Da hat man die Diakonissengemeinschaft vor Augen, mit einem Pastor an der Spitze und Diakonissen unter weißen Hauben sofort als profiliert christlich erkennbar. Das wird meiner Meinung nach heute ein wenig verklärt, denn es handelte sich um ein sehr patriarchalisches Sozial- und Gesundheitswesen, in dem die Diakonissen keine Mitbestimmung hatten und nur für ein Taschengeld arbeiteten: für Gotteslohn. Solche Strukturen gelten heute natürlich nicht mehr als human. Das kirchliche Arbeitsrecht verbietet jedoch weiterhin das Streiken und erlaubt verschiedene Loyalitätsrichtlinien, weil in der Diakonie eine besondere geistliche Gemeinschaft besteht. Da muss man sich schon fragen, ob das noch zeitgemäß ist.

Das gegenwärtige Mitarbeiterverständnis speist sich aus zahlreichen, zum Teil sich hochgradig widersprechenden Traditionen und Erwartungen, die gegeneinander ausgespielt werden. Es herrschen also heutzutage mehrere Mitarbeiterverständnisse nebeneinander vor. Zum Beispiel werden im Sozial- und Gesundheitssystem zum Teil immer noch unbewusst alte Ideale der Selbstaufopferung propagiert, das schlägt sich auch in hohen Burn-Out-Quoten nieder. Heutige Arbeitnehmer erwarten von ihrem Arbeitgeber jedoch Möglichkeiten zur Selbstentfaltung, Weiterentwicklung und Sinnstiftung, da muss die Diakonie auch etwas bieten. Meine Aufgabe ist es, die unterschiedlichen Mitarbeiterverständnisse herauszuarbeiten und abschließend eines zu definieren, das den unterschiedlichen Logiken der Diakonie gerecht wird. In einem nächsten Schritt gilt es zu prüfen, welche Möglichkeiten ein zeitgemäßes Mitarbeiterverständnis für die Personalentwicklung bietet.

Heute müssen wir uns fragen, wie wir es schaffen, eine Dienstgemeinschaft zum Beispiel dadurch zu generieren, dass man gemeinsam an den christlichen Werten arbeitet und versucht, den Mitarbeitern ein hohes Maß an Gestaltungsmöglichkeiten im Unternehmen zu geben und auch das Leitbild, also den Wertekodex der Einrichtung, mitzugestalten. Zum anderen versuche ich, Konzepte aus der Betriebswirtschaft auf einen diakonischen Kontext zu übertragen. Eine große Herausforderung ist die Digitalisierung. Hier sehe ich ein hohes Potenzial für Gestaltungsmöglichkeiten, durch Apps, Online-Fragebögen und durch Social Media.

Nach meiner Promotion kann ich mir vorstellen, in einer diakonischen Einrichtung zu arbeiten, vielleicht steige ich als Klinikseelsorger ein, um praktische Erfahrungen zu sammeln, oder im Personalbereich. Aber eines weiß ich genau: Es gibt einen eklatanten Fachkräftemangel auf allen Ebenen. Und es gibt noch Einrichtungen, denen ein christliches Profil wichtig ist.

Aufgezeichnet von Kathrin Jütte

Markus Höfler

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